"Forever young, forever Turnschuh"

Die Generation der Entscheider steht der Nachhaltigkeit im Weg

Für eine nachhaltige Gesellschaft müssen wir ganz Vieles ganz anders machen. Noch aber tun wir so, als ginge es weiter wie bisher - mit ein paar technischen Veränderungen. Genügsamkeit ist bislang kein verbreitetes Thema. Psychologen und Philosophen meinen, das habe etwas mit mangelnder globaler Solidarität und einem kranken Verhältnis zu unserer Arbeit zu tun. Aber auch die Generation an den Hebeln der Macht spielt eine unrühmliche Rolle, sie kann und will nicht loslassen. Die gute Nachricht jedoch: Moral ist erlernbar. Dafür bräuchte es aber auch eine vorbildliche Elite.

Heike Leitschuh, Autorin und Beraterin für Nachhaltigkeit
Im Grunde unseres Herzens spüren wir es genau: Unsere Wirtschafts- und Lebensweise muss sich ändern, grundlegend, und auch wir sollten uns ändern, jeder und jede Einzelne. Denn die globalen Herausforderungen sind enorm: Um den Klimawandel in beherrschbaren Grenzen zu halten, sind wir gefordert, binnen 40 Jahren die Klima-Emissionen in Deutschland um bis zu 90 Prozent zu reduzieren. Aber auch die bisherige materielle Basis des westlichen Wohlstandsmodells, das Öl, steht nur noch begrenzt zur Verfügung und zwingt zu einem einschneidenden Wandel, nicht nur in der Energiepolitik. Eigentlich. Doch es geschieht viel zu wenig und viel zu langsam.

"Wir stehen am Anfang vom Ende des fossilen Zeitalters", sagt Martin Held, Studienleiter an der Evangelischen Akademie in Tutzing, der sich mit der Endlichkeit der Erdölreserven beschäftigt. Das Fördermaximum, Peak Oil, sei bereits seit sechs Jahren erreicht, doch spiele dieser Fakt in der öffentlichen Debatte noch immer keine Rolle. Wir tun, als könnten wir weitermachen wie bisher - mit vielleicht kleinen, möglichst technischen Korrekturen. Doch allein die Tatsache, dass wir bereits im August eines jeden Jahres das Naturkapital des Planeten verbraucht haben, also ganz offensichtlich weit über unsere Verhältnisse leben, sollte Anlass sein, auch über Lebensstile nachzudenken, die mit einem wesentlich geringeren Ressourcenverbrauch auskommen (Suffizienz).

Die "folgenarme Betroffenheit hat fast schon pathologische Züge" meint Manuel Schneider von der Seelbach-Stiftung in München und zitiert Karl Valentin: "Mögen täten wir schon wollen, aber dürfen haben wir uns nicht getraut". Warum ist das so? Warum verschließen wir die Augen vor der Realität? Warum tun wir nicht, was wir wissen? Was hindert uns? Wovor haben wir Angst? Geben Psychologen und Gesellschaftswissenschaftler Antworten auf dieses Phänomen der kollektiven Schizophrenie? Bei einer Tagung an der Evangelischen Akademie in Tutzing im Februar 2011 versuchten sie eine Annäherung an schwierige Fragen.

Mitgefühl ja, Solidarität eher nicht
"Die Menschen sorgen sich um ihre Nächsten, jedoch auf Kosten anderer, die weit weg sind, die sie nicht kennen", sagt Rolf Haubl, Direktor des Sigmund-Freud-Instituts in Frankfurt, und beschreibt damit Aspekte der Globalisierung und die Tatsache, dass die reichen Nationen ihren Lebensstil noch immer mit den Rohstoffen und der Armut der Entwicklungsländer finanzieren. Zwar fühlten wir mit den Armen und spenden wenn nötig, aber das ist es dann auch schon. Zu echter Solidarität, die bedeutete, "auf die Vorteilsnahme zu verzichten", seien wir noch nicht bereit. "Deshalb sind wir in einen globalen Schuldzusammenhang verstrickt", so Haubl und um uns davon abzulenken, konsumierten wir umso mehr. Ein Teufelskreis, in dem die Angst zunehme. Der Raubbau an der Natur gehe auch mit einem Raubbau an Körper und Seele einher: Rund 13 Prozent der Deutschen gingen gegen ärztlichen Rat zur Arbeit, schon fünf Prozent nähmen Psychopharmaka, um arbeiten zu können.

Das wundert den Philosophen und Physiker Klaus Meyer-Abich aus Hamburg nicht, denn er kennt eine neuere Umfrage, wonach nur noch rund zehn Prozent der Deutschen nicht vor allem des Geldes wegen arbeiteten, das heißt, die meisten Menschen seien nur extrinsisch motiviert, haben also keinen inneren Antrieb. Dann aber "arbeiten wir falsch und haben den Sinn der Arbeit verloren. Das macht krank", folgert Meyer-Abich, der gerade ein Buch über die Philosophie der Medizin veröffentlicht hat. Wenn die Menschen aber so wenig intrinsisch motiviert sind, ist es auch mit der Nachhaltigkeit schwer: "Eine nachhaltige Gesellschaft gibt es nur, wenn wir sie wollen", schlussfolgert Meyer-Abich.

Generation der Entscheider kann nicht loslassen
Was aber will die Generation, die derzeit an den Hebeln der Macht sitzt, also die derzeit 40-bis 60-Jährigen? Ist sie fähig, den tiefgreifenden Wandel einzuleiten? Heiko Ernst, Chefredakteur von Psychologie Heute hat erhebliche Zweifel: "Diese Generation ist historisch die erste, die ein sehr langes Leben erwarten kann, sie ist aber auch diejenige, die sich, wie keine andere zuvor, extrem schwer tut, ihre eigene Endlichkeit zu akzeptieren". Sie hänge daher fest an ihrer Jugendlichkeit und weigere sich geradezu, erwachsen zu werden. "Das ist die Generation 'forever young, forever Turnschuh'." Das aber sei gefährlich für die ganze Gesellschaft, weiß Ernst, denn die eigentliche Aufgabe dieser Generation sei es, ihre Erfahrungen, ihre Tugenden und ihr Wissen an die Jüngeren weiterzugeben, "Generativität" nennen das die Psychologen. Nur wer dies tut, könne auch loslassen und damit im Alter zufrieden und gelassen auf das eigene Leben zurückblicken. Unterbleibe aber dieser Prozess, so drohen auf der individuellen Ebene "Selbstzentrierung, Rechthaberei, Starrsinn, ja Isolation und Verzweiflung", so der Psychologe. "Wenn der Prozess der Generativität, also ein Mindestmaß an Nachwuchsarbeit, nicht klappt, dann bedeutet das gesellschaftliche Stagnation." Mit diesem Ansatz ließe sich womöglich erklären, warum sich die derzeitigen Entscheider in Politik und Wirtschaft so schwer tun, anzuerkennen, dass ein grundsätzlicher Wandel nötig ist: Sie müssten eingestehen, dass der Weg, den sie bisher gingen und der auf der Vorstellung von immerwährendem Wachstum und unerschöpflichen Ressourcen basierte, nicht mehr gangbar ist. Dies scheint schier unmöglich, weil damit auch die eigene Lebensgeschichte und das bisherige Erfolgsmodell radikal hinterfragt werden müssten.

Suffizienz ist schwer...
Schon länger ist bekannt, dass es für den grundlegenden Wandel zu einer ressourcengenügsameren und somit auch global gerechteren Gesellschaft nicht reicht, nur auf neue, angepasste Technologien, z.B. Elektroautos (Konsistenz), und effizientere Verfahren zu setzen. Denn die Erfahrung lehrt: Der absolute Naturverbrauch steigt trotz und teilweise sogar wegen der Effizienz (Rebound-Effekt). Ohne die dritte Säule, die Suffizienz, wird es nicht gehen. Diese aber entwickelt sich am langsamsten beziehungsweise bei den meisten gar nicht. Oliver Stengel vom Wuppertal-Institut für Klima, Umwelt, Energie kennt die Barrieren: Neben dem Kosten-Nutzen-Verhältnis nennt er eine schon seit Jahrhunderten gültige "materialistische Konzeption des Lebens", bei der eine Mehrheit der Bevölkerung aufwändige Lebensstile besonders attraktiv finden. "Und die Mehrheit orientiert sich an der Mehrheit, um eine soziale Desintegration zu vermeiden". Mit anderen Worten: Fast alle machen mit, weil sie sich nicht ins gesellschaftliche Abseits manövrieren wollen. Eine "zirkuläre Blockade", nennt das Stengel. Wer bewusst eine kleinere Wohnung wählt, Fahrrad statt ein schickes Auto fährt oder auf Fernreisen mit dem Flugzeug verzichtet, braucht mitunter ein starkes Ego, um vor seinem sozialen Umfeld nicht schlecht dazustehen. So neigen dann viele dazu, die Verantwortung für die Veränderungen lieber an Staat und Wirtschaft abzugeben. Aber auch die sehr kurzen Innovationszyklen vieler Branchen blockieren die Suffizienzstrategie: Ständig werden neue Produkte auf den Markt geworfen, die die bisherigen entwerten, längst bevor sie physisch veraltet sind.

... wäre aber erlernbar
Wenn man die sechs Moralstufen betrachtet, die der US-amerikanische Psychologe Lawrence Kohlberg für die Entwicklung der Menschen zugrunde legte, so befinden wir uns in der westlichen Welt erst auf der vierten, bei der wir für das Zusammenleben immerhin eine kollektive Rechtsordnung akzeptieren, sagt Oliver Stengel. Von Stufe sechs, in der sich eine Gesellschaft an allgemeinen ethischen Prinzipien orientiert, seien wir aber noch weit entfernt. Jedoch: "Moral ist lehrbar", meint Georg Lind, Professor für Psychologie an der Uni Konstanz, der die Arbeiten des 1987 verstorbenen Kohlberg weiterentwickelt. Am Beispiel des Rauchens könne man einen Deutungswandel nachvollziehen. Während rauchen Anfang des 20. Jahrhunderts in den USA sehr verpönt war, wandelte sich das Bild rasch, als aus dem ersten Weltkrieg heimgekehrte US-Soldaten rauchten und somit einen neuen Trend einleiteten. Der Grund: Die Soldaten waren gesellschaftlich sehr hoch geachtet und fungierten so als "Deutungseliten". Es dauerte weniger als 15 Jahre, bis sich der neue Trend verfestigt hatte.

Vorbilder, Liebe und Belohnung
Was empfehlen die Psychologen also, damit wir tun, was wir wissen? Rolf Haubl hält es zunächst für wichtig, sich den gesellschaftlich bedingten Ängsten, den Gefühlen schlechthin zu stellen. "Das ist keine Privatsache". Gerade Kinder hätten ein feines Sensorium für die Krise, in der wir uns befinden und schwankten zwischen Zuversicht und Zukunftsangst. Von der Reaktion der Eltern hänge es dann ab, was von beiden sich verfestige. Umweltbildung, wie sie bisher praktiziert werde, sei jedoch allein nicht ausreichend. "Für Kinder, aber auch Erwachsene, ist es wichtig, Menschen zu begegnen, die sich engagieren, die zum Beispiel alternative Lebensstilmodelle praktizieren" ? ein Grund, warum Pioniere wie Ursula Sladek von den Elektrizitätswerken Schönau oder Ludwig Stocker, Besitzer der Ökobäckerei Hofpfisterei in München wichtige Gesprächspartner sind, aber sicher auch Menschen, die in großen, scheinbar unbeweglichen Organisationen so manches erreichen. Wichtig aber sind auch die Helden des Alltags, die jenseits der Schlagzeilen ihr Leben behutsam auf Nachhaltigkeit umkrempeln und dabei vor allem eines gewinnen: Lebensqualität.

Lebensqualität ist ein wichtiges Stichwort, denn Veränderungen, so Haubl, seien nur zu erwarten, wenn sie als Gewinn erlebt werden. Auf Verzichtsforderungen hingegen reagieren Menschen ablehnend. Letztlich sei es aber die Liebe, die uns bewegt, grundsätzlich etwas anders zu machen, in diesem Fall die "Liebe zum Planeten", so der Psychoanalytiker. "Wir sind Marionetten eines Belohnungssystems", sagt auch der Journalist Heiko Ernst. "Das Gehirn fragt immer: 'Was ist für mich drin'?" Es gehe also auch darum, neue Belohnungssysteme, d.h. neue Gewohnheiten gegen die schlechten alten einzuüben. Sein Konzept der Generativität berge dabei auch die Chance, "Spuren zu hinterlassen und wirkt somit gegen den Stachel des Todes". Konkret bedeute dies, "selbstlose Entwicklungshelfer" für die nächste Generation zu sein, zum Beispiel als Pate, Senior Expert oder Mentorin zu fungieren.

Deutungseliten nicht in Sicht?
Und was ist mit den "Deutungseliten", die gebraucht werden, um eine neue Moral der Suffizienz vorzuleben? Wer könnten diese Eliten sein? Da sind auch die Psychologen noch relativ hilflos. Zumindest die Gruppe der so genannten "Lohas" ? Lifestyle of Health and Sustainability", die bisher insbesondere von Marketingfachleuten und Beratern so hoch gewichtet wurden, scheint doch überschätzt zu werden. Denn mehrheitlich tauschen die Lohas lediglich Produkte aus (kaufen mehr Bio, mehr fair gehandelt, achten auf hohe Qualität), pflegen deshalb aber noch lange keinen ressourcenleichten Lebensstil. Interessanter sind da schon die Lovos (Lifestyle of voluntary simplicity), die jedoch noch eine verschwindend kleine Gruppe zu sein scheinen.

In der Wirtschaft dagegen sieht Birgit Blättel-Mink, Industrie- und Organisationssoziologin an der Universität Frankfurt, zumindest eine Chance, mit der Debatte um Corporate Social Responsibility (CSR), die seit einigen Jahren intensiv geführt wird, auch Nachhaltigkeit in den Unternehmen dauerhaft zu verankern. "Denn mit CSR haben die Unternehmen begonnen, sich gegenüber den Anforderungen der Gesellschaft stärker zu öffnen. Das Adam Smith'sche Paradigma, der Markt werde es alleine richten, verlöre damit an Zugkraft.

Was die Politik angeht, so "funktioniert der Top-Down-Ansatz leider nicht, findet der Philosoph Manuel Schneider, denn "Politik kommt erst dann ins Spiel, wenn bereits gesellschaftliche Trends gesetzt sind, die sie dann aufgreift". Nicht zuletzt deshalb sei die Suffizienzdebatte so wichtig, weil sich die politische Diskussion über Nachhaltigkeit zu sehr auf die Mittel konzentriert, wohingegen Ziele, Utopien für ein gutes Leben kaum eine Rolle spielten. "Wir würden weniger verlangen, wenn wir wüssten, was wir wollen" hat der französische Schriftsteller Francoise de la Rochfoucauld bereits im 17 Jh. gesagt. Damit wären wir dann, so Schneider, "befreit". Nachhaltigkeit "befriede" aber auch, da sie im Angesicht der sozialen Not, die allein der Klimawandel mit sich bringt, letztlich ein anderes Wort für Gerechtigkeit sei.
 
 
Ein Beitrag von Heike Leitschuh

Heike Leitschuh ist Autorin, Moderatorin und Beraterin für Nachhaltigkeit sowie Mitherausgeberin des 'Jahrbuch Ökologie'.
www.fairwirtschaften.de.
Quelle: Heike Leitschuh
Gesellschaft | Politik, 08.07.2011

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