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Der Dienstwagen

Die Mobilitätsbranche muss sich radikal ändern

Selbst kleinste Veränderungen haben in Summe eine große Wirkung und sind relativ leicht umzusetzen - wenn wir nur über guten Willen verfügen.

Es muss derzeit davon ausgegangen werden, dass bei ca. 50 Millionen zugelassenen Autos fast jeder zweite Arbeitsplatz von der Automobilindustrie abhängt. Deshalb lehnt sich kaum jemand aus dem Fenster und fordert das Ende des derzeitigen Mobilitäts-Modells - ein Stillstand der Vernunft.
Dabei wird sich die Branche ähnlich radikal ändern (müssen - wie die Uhren-, CD-, Analogbild-oder Handy-Industrie). Nokia kann von der Smartphone-Entwicklung ein Liedchen singen.

Das Problem
..ist längst bekannt. Dienstwagen sind "zu groß" und es fehlt der Anreiz der Benutzerin, sprit- und folglich umwelt-schonend zu fahren, weil der Sprit sowieso bezahlt wird.
Das Kernproblem ist somit, dass die sog. Marktgesetze ausgehebelt werden, entgegen Konzepten wie Michael Serres' "Naturvertrag", in dem die Natur den Status einer juristischen Person einnimmt.
Wir verschieben also wieder einmal die Probleme, verlagern sie in "Die Natur" bzw. endlagern sie als Vermächtnis für unsere nachfolgenden Generationen.

Fast vergessen wird dabei, dass einfachste elementare Prinzipien - einmal etabliert - durchaus einen bedeutenden Beitrag zu nachhaltigem Verhalten liefern können. Eine Reduzierung der Abhängigkeit von Öleinfuhren und eine Reduktion des Verbrauchs ist möglich, bei kaum spürbarer Komforteinbuße.

Eine Beispielrechnung mag dies verdeutlichen.
Dienstwagen machen heute ca. die Hälfte der Neuzulassungen aus.
Der Einfachheit gehen wir davon aus, dass ca. 10 Mio. Dienstwagen von Angestellten (d.h. nicht von Unternehmern) gefahren werden. Wir gehen weiterhin davon aus, dass eine Einsparung
von 10 Prozent, also 1 Liter / 100 km (bei 10 Liter Verbrauch / 100 km) möglich ist. Die Laufleistung liege bei 30.000 km / Jahr.

Es ergeben sich 4 substanzielle Vorteile:
  1. Wir sparen ca. drei Milliarden Liter Treibstoff pro Jahr ein
  2. Diese müssen nicht als Rohöl importiert und bezahlt werden; wir entziehen den inter-nationalen (oft hochspekulativen) Finanzbörsen ca. 300.000.000 Euro
  3. Der Umwelt, also uns, werden ca. 45.000 Tonnen CO2-Emissionen "erspart"
  4. Jeder einzelne erspart seinem Unternehmen 450 Euro Treibstoffkosten, also erwirtschaftet sich jede Nutzerin 450 Euro "zusätzliches Weihnachtsgeld"

Wir leisten uns diese "Peanuts" nach wie vor, weil wir keine Notwendigkeit erkennen etwas zu ändern und keinen unmittelbaren Vorteil haben. Unser Individualverhalten im Alltag ist verständlich, aber unsinnig!

Die Lösung: Incentives
Die Lösung funktioniert nicht über Zwang, bei dem Menschen verzichten sollen. Ein Anreiz-, also Belohnungs-('Incentive-') System ließe sich dagegen sehr leicht über Tankkarten etablieren, die meist sowieso schon pro Fahrzeug bzw. Nutzerin vorhanden sind.
Ein paar Zeilen Programmcode und eine intelligente Datenbank spucken die Daten und die Belohnung ("Das Zusätzliche Weihnachtsgeld!") am Ende des Jahres automatisch aus.
Geld gibt's bei Unterbieten des (bisherigen oder vom Fahrzeughersteller genannten) Durchschnittverbrauchs, also pro km Laufleistung, sonst sind diejenigen, die viel fahren (müssen) "benachteiligt" und das wäre spiel-theoretisch verheerend für die Motivations-Psychologie.
Wetten, dass die weitaus meisten Dienstwagenfahrer die bisherigen Verbrauchszahlen um zehn Prozent unterschreiten werden? Es wäre eine echte Win-Win-Situation ohne Zwang.

Man mag an dieser Stelle einwenden, dass die ausgezahlte Summe zu gering sein könnte um eine substanzielle Verhaltensänderung zu erreichen.
Selbstverständlich können und sollen weitere Incentives dazukommen, eine -freiwillige- Reduzierung der Privatfahrten könnte mit einem weiteren Bonus belohnt werden (z.B. zehn Prozent weniger: 1000 Euro Bonus zusätzlich)
Einen weiteren Bonus erhält derjenige, der - freiwillig - ein verbrauchsärmeres Fahrzeug nimmt statt eins, das der Hierarchie entspricht. Natürlich wird auch diese Methode nur von Erfolg gekrönt sein, wenn der Vorgesetzte mit gutem Beispiel vorangeht; wenn der Chef immer noch "den größten" haben muss, weil er sonst keine Führungsqualitäten aufzuweisen hat, ist kaum zu erwarten, dass eine solche Incentive-Maßnahme greift.

Fazit: Anreiz für gesellschaftsverträgliches Handeln

Alles in allem kann eine ansehnliche Belohnung als zweites, zusätzliches "Weihnachtsgeld" zustandekommen.
Die Grundidee dahinter ist, dass heute zahllose Incentive-Systeme in Personalabteilungen etabliert sind, die einen entscheidenden Nachteil haben: Alle zielen auf die Individuen, nicht auf die Gemeinschaft/Gesellschaft, d.h. die Umweltkosten werden faktisch nicht bilanziert.
Es geht nicht darum, weitere komplizierte Ausnahmeregelungen und "Steuer-Schlupflöcher" zu erfinden. Es handelt sich also um eine Frage des Wollens und der politisch-strategisch-bewussten Entscheidung, Steuerungsmechanismen auch auf die Umweltbilanz anzuwenden.

Es ist dringend notwendig auf allen Ebenen zu handeln. Beim Weltverkehrsforum in Leipzig im Juni 2011 wurde ungerührt von einer Verdreifachung des Verkehrs bis 2050 berichtet, ohne dass man darüber nachdenkt, dass dies unter den derzeitigen Bedingungen verheerend und nahezu ausgeschlossen ist. Das UN Environment Programm (UNEP) hat zeitgleich Ende Mai veröffentlicht, dass die Recycling-Quoten von 34 Metallen bei unter einem Prozent liegen... obwohl es zwei bis zehn Mal so viel Energie kostet, diese aus Erz statt aus Abfall zu extrahieren. Die Solar- & Elektromobil-Revolution hängt somit auch vom guten Willen der rohstoffreichen Länder wie China ab und wird als Alleinheilmittel kaum umsetzbar sein.

Dieses Beispiel zeigt die ehernen Gesetze der Innovation:
  • Nobody wants a change exept a wet baby (Mark Twain)
  • Nobody remains unpunished for disturbing his fellowmen with a new idea (Ernst Mach)
  • Viele Unternehmen nutzen Informationen auch dann nicht, wenn sie zur freien Verfügung stehen (Peter Drucker)

Von Erich Feldmeier
 
 



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Quelle: Erich Feldmeier
Technik | Mobilität & Transport, 04.10.2011

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