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Gemeinsame Verantwortung

Nachhaltiges Angebot, nachhaltiger Konsum

Prof. Dr. Edda Müller, Vorstand Verbraucherzentrale Bundesverband e.V. (vzbv)

Wie würden Sie entscheiden? Beim Einkaufen im Supermarkt fehlen Ihnen noch Äpfel. Sie entscheiden sich:
  • für Äpfel aus Deutschland. Hier sind die Transportwege am kürzesten,
  • für Äpfel aus Neuseeland - diese Äpfel sind unbelastet, weil es dort wenig Industrie gibt oder
  • für Äpfel aus "integriertem Anbau", weil die Umweltaspekte dabei automatisch am besten berücksichtigt werden.

Dies ist eine von 17 Fragen, die wir Berliner Schülerinnen und Schülern ab der 10. Klasse vorgelegt haben, um Näheres über ihr Konsumwissen zu erfahren. Und es ist diejenige Frage, die von den wenigsten Schülerinnen und Schülern richtig beantwortet wurde.

Prof. Dr. Edda Müller ist Vorstand des Verbraucherzentrale Bundesverbands (vzvb) und stellvertretende Vorsitzende des Rats für Nachhaltige Entwicklung. Zuvor war die Politik- und Verwaltungsexpertin als Umweltministerin in Schleswig-Holstein und Leiterin der Abteilung Klimapolitik des Wuppertal Instituts für Klima, Umwelt und Energie tätig. Die Absolventin der Pariser Ecole Nationale d´ Administration steuerte unter anderem als Vizedirektorin die Geschicke der Europäischen Umweltagentur. Bekannt ist sie auch als "Mutter des Blauen Engels". Zudem war sie es, die das CO2-Minderungsziel der deutschen Bundesregierung ausgehandelt hat.
Beim Thema "Nachhaltiger Konsum" besteht also noch viel Nachholbedarf - nicht nur bei Jugendlichen. Doch es gibt auch einen anderen Trend, wie Umfragen, aber etwa auch steigende Absatzzahlen von Bio- und Qualitätsprodukten belegen: Die Fragen, ob ein T-Shirt von Kinderhänden in offenen Farbfässern gefärbt, zu welchen Löhnen und unter welchen Arbeitsbedingungen der schöne Teppich geknüpft oder der Fußball hergestellt wurde, interessieren die Kunden. Dazu gehört auch, ob ein Tier artgerecht gehalten oder transportiert wurde. Über diese Produkt- und Prozessbedingungen werden die Konsumenten jedoch nicht ausreichend informiert. Die "inneren Werte" sieht man einem Produkt nicht direkt an, der Preis hingegen ist eindeutig und vergleichbar.

Klare Informations- und Kennzeichnungspflichten
Der Mangel an Information über entscheidende Kaufkriterien lässt das Leitbild des Europäischen Gerichtshofes vom "mündigen, durchschnittlich informierten Verbraucher" zur Fiktion werden. Um diesem Leitbild gerecht zu werden, brauchen wir klare Informations- und Kennzeichnungspflichten. Dazu gehört zuvorderst ein Verbraucherinformationsgesetz mit einer Auskunftspflicht auch für Unternehmen, damit Verbraucher nachfragen können und schlechte Qualität abgestraft wird. Ebenso wichtig sind eindeutige Herkunftskennzeichnungen, damit ein asiatisches Produkt nicht durch einen kleinen Verarbeitungsprozess zu "Made in Germany" werden kann. Wichtig wären auch Magazine wie der "Ethical Consumer", der in Großbritannien schon seit Jahren die "inneren Werte" von Produkten und Unternehmen testet und transparent macht. Die Stiftung Warentest unternimmt mit den CSR-Tests hier erste Schritte in diese Richtung.

Die Verantwortung für eine nachhaltige Entwicklung betrifft Politik, Unternehmen und Verbraucher gleichermaßen. Die Politik muss ökonomische Anreize einführen, die eine nachhaltige Wirtschaftsweise konkurrenzfähig machen. Die Eierkennzeichnung ist das beste Beispiel: Seit auf den ersten Blick erkennbar ist, welche Eier aus der Legebatterie kommen, werden sie gemieden. Wer den mündigen Verbraucher fördern will, nachhaltige Produkt- und Herstellungsbedingungen zu honorieren, muss ihn auch informieren.

DAX-Konzerne: PR ja,verbindliche Standards nein
Nachhaltiger Konsum und nachhaltige Produktion sind zwei Seiten einer Medaille. Ohne Unternehmen, die sich einer sozial wie ökologisch verantwortlichen Entwicklung verpflichten und ohne nachhaltiges Waren- und Dienstleistungsangebot, ist ein nachhaltiges Konsumieren nicht möglich. Nachhaltigkeit im Unternehmen betrifft alle Bereiche, von der Produktentwicklung, der Einkaufspolitik über die Verbraucherkommunikation bis zum Investitionsverhalten. Das Problem: Anspruch und Wirklichkeit klaffen beim Thema "Corporate Social Responsibility - CSR" leider oft auseinander. Zwar legen immer mehr DAX-Unternehmen aufwendig gestaltete CSR-Berichte vor; zwar sprechen viele Konzerne gerne darüber, wie fair und verantwortlich sie sich verhalten. Wenn es aber um verbindliche Mindeststandards geht, legen sie sich quer.

So ist es nicht nachvollziehbar, dass sich deutsche Unternehmen und Branchenverbände gegen internationale Standards zur Unternehmensethik wehren. So blockiert etwa der BDI den vorliegenden Entwurf einer internationalen Norm für korrektes Firmenverhalten. Ziel der geplanten Norm ist es, verbindliche Kriterien für das gesellschaftliche Engagement von Unternehmen zu entwickeln. Dabei soll unter anderem die Glaubwürdigkeit und die Vergleichbarkeit von Unternehmensinformationen verbessert werden. Eine ISO-Norm wäre daher ein entscheidender Schritt, handelspolitische Entscheidungen stärker als bisher an Kriterien der Nachhaltigkeit auszurichten. Von solch verlässlichen Nachhaltigkeitsregeln würde die deutsche Industrie im internationalen Wettbewerb profitieren.

Wo liegt dann das Problem, wenn die hiesigen Umwelt- und Sozialstandards aus Sicht der Industrie so hoch sind? Ein Absenken der Standards kann keine Alternative sein. Für die Unternehmen "rechnet" es sich betriebswirtschaftlich, wenn sie die Umweltauswirkungen verringern - beispielsweise durch die Reduzierung ihres Energieverbrauchs und der Abfallmengen. Auch die sozialen Investitionen sind wirtschaftlich gute Entscheidungen, weil sich gute Arbeitsschutz- und Gesundheitsschutzbedingungen für ihre Mitarbeiter in einer Verringerung von krankheitsbedingten Ausfallzeiten auszahlen. Leider sind sich viele Unternehmen ihrer Verantwortung, aber auch ihrer verpassten Chancen noch immer nicht bewusst. Auch der Handel ist hier ausdrücklich einzuschließen. Er hat eine Schlüsselrolle, wenn es darum geht, nachhaltige Produkte in die Einkaufsregale zu nehmen und sie so zu präsentieren, dass Verbrauchern eine zeitraubende Suche und Markterkundung erspart bleibt.

Honoriert werden muss das Engagement schließlich vom Konsumenten. Der darf nicht warten, bis Politik und Wirtschaft die Weichen für eine Offensive für ein nachhaltiges Konsumverhalten gestellt haben. Schon heute können Verbraucher mit dem Einkaufskorb abstimmen und Politik machen. Produkte mit bekannten Labels, etwa dem Blauen Engel, aus der Region oder aus fairem Handel sind die bessere Alternative zur anonymen Massenware. So kann durch den Griff zum richtigen Apfel schon heute jeder Verbraucher zum Weltpolitiker werden.

Verbraucherzentrale Bundesverband e.V. - vzbv
"Pillbox" - Markgrafenstraße 66
10969 Berlin
Telefon: 030/25800-0
Fax: 030/25800-218
Mail: info@vzbv.de
www.vzbv.de
Quelle: Redaktion Nachhaltig Wirtschaften
Wirtschaft | CSR & Strategie, 16.07.2006

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