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Wurst Stahlbau GmbH: Nachhaltig gesund

Gesundheitsmanagement bringt betriebswirtschaftliche und volkswirtschaftliche Rendite

Kennen Sie die Luxemburger Deklaration? Nein? Es handelt sich dabei nicht etwa um eine Stahl-Verordnung, die nur Stahlbauer etwas anginge. Es geht auch nicht um Steuervorteile. Sondern um unser wichtigstes Vermögen: die Erhaltung der Arbeitskraft. Also um ein Thema, das uns alle betrifft. Denn in dieser "EU-Verordnung" steht eindeutig festgeschrieben, was die Zukunftsfähigkeit der EU ausmacht. Es sind gesunde Mitarbeiter.

"Arbeit dient nicht mehr allein dem Broterwerb und der Produktionssteigerung, sondern ist ein Wert an sich."
Foto: © Wurst Stahlbau GmbG
Im Wortlaut heißt es: "Gesunde, motivierte und gut ausgebildete Mitarbeiter sind sowohl in sozialer wie ökonomischer Hinsicht Voraussetzung für den zukünftigen Erfolg der Europäischen Union." Die Richtlinie legt zum ersten Mal die Grundsätze betrieblicher Gesundheitsförderung in allen Mitgliedsstaaten der EU fest. Das traditionell technisch bestimmte Arbeitsschutzverständnis wird damit um psycho-soziale Faktoren erweitert. Das bedeutet, die betriebliche Gesundheitsförderung ergänzt den Arbeitsschutz. Gemeint sind aber nicht etwa punktuelle, berufspezifische Reihenuntersuchungen - sondern kontinuierliche Maßnahmen, die nachhaltige Wirkung zeigen und vom Unternehmen professionell gemanagt werden.

Betriebliches Gesundheitsmanagement (BGM) ist per definitionem eine moderne Unternehmensstrategie und zielt darauf ab, Krankheiten am Arbeitsplatz vorzubeugen Gesundheitspotenziale zu stärken und das Wohlbefinden am Arbeitsplatz zu verbessern. BGM als Stärkungsmittel für die Zukunft - das Rezept ist nicht neu, denn die Deklaration stammt aus dem Jahr 1996. Aus einer Zeit also, in der mit dem Begriff "Nachhaltigkeit" nur wenige etwas anfangen konnten. Doch auch heute zeigt dieses Rezept kaum Wirkung: während in den angelsächsischen Staaten rund 60 Prozent aller Untenehmen ein professionelles Gesundheitsmanagement betreiben, sind es am Hochtechnologie-Standort Deutschland gerade einmal 20 Prozent. Ausgerechnet bei mittelständischen Betrieben ist die Botschaft noch nicht richtig angekommen.

Migration in die Altergruppe 50plus

Dabei hängt die Existenz vieler davon ab. Durchschnittlich 35 Prozent der Beschäftigten "wandern" jetzt in die Altersgruppe 50 plus. Eine Migration, die kaum ein mittelständisches Unternehmen verkraften kann, wenn die Mitarbeiter nicht gesund bleiben und bis zum Rentenalter "durchhalten." Sind 35 Prozent der Belegschaft 16 Tage krank gemeldet, können wir die Firma zumachen. Dieses Szenario zeigt die wahre, wirtschaftliche Dimension von BGM.
Nachhaltig wirtschaften bedeutet also auch in die Gesundheit investieren. Besonders für ein Stahlbauunternehmen - eine der letzten Branchen, in denen auch heute noch körperliche Schwerstarbeit geleistet wird und zukünftig geleistet werden muss. Was die Mitarbeiter bei der Wurst Stahlbau GmbH leisten müssen, ist nicht von Pappe: Sie hieven täglich hunderte Tonnen Stahl bei Wind und Wetter, Regen und Schnee. Sei es bei der Runderneuerung des Weserstadions oder beim Aufbau der Stahlkonstruktion von Neumayer III in der Antarktis. Trotz physischer und psychischer Belastungen müssen die Arbeitnehmer top on the job sein. Das schaffen sie aber nur, wenn der Arbeitgeber für eine vernünftige Worklife-Balance sorgt.

Subventioniertes Kantinenessen ist nicht genug - Die Wurst Stahlbau GmbH bietet auch Gesundheits-Checks für ihre Mitarbeiter
Foto: © Wurst Stahlbau GmbH
Arbeit leistet heute mehr

Der Arbeitgeber sorgt für Ausgeglichenheit? Ja, denn die Arbeitswelt des 21. Jahrhunderts wandelt sich und damit auch das Bild des guten und fürsorglichen Arbeitgebers.
Stimmt schon - vor 30 Jahren waren es noch die Flasche Bier und das Wurstbrot, die einen guten Arbeitgeber ausmachten - heute reichen solche "Arbeitgeberleistungen" nicht mehr aus und Alkohol am Arbeitsplatz ist sowieso undenkbar. Der gute und fürsorgliche Arbeitgeber - den es zu allen Zeiten gegeben hat - muss sich nachhaltig neu definieren. Subventioniertes Kantinenessen und einmal im Jahr ein Betriebsausflug - das reicht nicht mehr. Denn Arbeitnehmer haben heute nicht nur einen Anspruch auf psychisches Wohlbefinden während der Arbeit. Auch die Arbeit selber soll etwas leisten: Arbeit dient der kognitiven Leistungssteigerung und die Entwicklung intellektuellen Leistungsfähigkeiten, also eine Entwicklung der sozialen Kompetenz, heißt es beim Arbeitspsychologen Eberhard Ulich. Mehr noch: Laut Luxemburger Deklaration hat der Arbeitnehmer Anspruch auf eine Arbeitsorganisation, die den "Beschäftigten ein ausgewogenes Verhältnis bietet zwischen Arbeitsanforderungen, eigenen Fähigkeiten, Einflussmöglichkeiten auf die eigene Arbeit und sozialer Unterstützung." Arbeit dient also nicht mehr allein dem Broterwerb und der Produktionssteigerung, sondern ist ein Wert an sich.

BGM als Überlebensstrategie

Diese Aufwertung ist weit entfernt vom früheren technischen und sozialen Verständnis des Arbeitsschutzgesetzes. Zur Erinnerung: Technischer und sozialer Arbeitsschutz wurde 1893 in Preußen eingeführt - um gesunde Soldaten zu rekrutieren. Durch Kinderarbeit hatte sich der Gesundheitszustand der Rekruten enorm verschlechtert. Das Arbeitsschutzgesetz sollte den Verschleiß reduzieren in einer Zeit, als Arbeiter als lebendige Ersatzteillager betrachtet wurden. Heute sind Mitarbeiter das Kapital jeder Firma: unersetzbar, zumal auf dem Land wie am Standort Bersenbrück. Wir können uns Fluktuation nicht leisten und müssen den Arbeitnehmern etwas mehr zu bieten haben als Großunternehmen, mit denen wir um Personal konkurrieren. Wir müssen 150 Prozent des Bedarfs ausbilden, um im Wettbewerb zu bestehen. Es ist wichtig, dass die Arbeitsplätze altersgerecht gestaltet werden, damit die Mitarbeiter gesund bis zur Rente sind und bleiben. BGM ist daher für die Wurst Stahlbau GmbH mehr als ein "Wohlfühltrend", es ist eine - erfolgreiche - Überlebensstrategie.

Das AOK-Rauchentwöhnungsprogramm war erst der Anfang
Foto: © Wurst Stahlbau GmbH
Best practice - wie alles anfing

Begonnen hat das betriebliche Gesundheitsmanagement 2005 der Wurst Stahlbau GmbH mit einem Programm zur Raucherentwöhnung der AOK. Auf Vorschlag der Krankenkasse wurde daraus bald ein BGM nach den Luxemburger Leitlinien. Beweggründe für die Einführung des systematischen betrieblichen Gesundheitsmanagements mit dem AOK Institut für Gesundheitsconsulting aus Hannover als externen Berater waren: Reduktion von Belastungen, Verbesserung der Motivation, Senkungen der Fehlzeitenquote, lebensumstandsgerechte Gestaltung der Arbeitsplätze und der Arbeitszeit. Auf der Agenda standen zusätzlich: Raucherentwöhnung, präventives Ernährungs- und Gesundheitsverhalten, Kommunikation und Gesundheitsprophylaxe. Die Einführung des betrieblichen Gesundheitsmanagements begann bei der Wurst Stahlbau GmbH denn auch mit einer Mitarbeiterbefragung. Womit wir die Leitlinien der Luxemburger Deklaration in allen Punkten umsetzen.
  1. Einbeziehung der gesamten Belegschaft (Partizipation).
  2. Berücksichtigung von Betrieblicher Gesundheitsförderung (BGF) bei allen Entscheidungen und in allen Unternehmensbereichen (Integration).
  3. Systematische Durchführung (Projektmanagement).
  4. Verbindung von Risikoreduktion mit Prävention, Gesundheitspotentialen.
In der Praxis bedeutet betriebliches Gesundheitsmanagement: Angebote, Angebote, Angebote: Rückenschule, Raucherentwöhnung mit Lebenspartner, Mobiler Physiotherapeut, Gesundheitsbonus, Erfolgsprämien, Ergonomieschulung am Arbeitsplatz, Anschaffung ergonomischer Büromöbel, Fahrsicherheitstrainings, Grippeschutzimpfung mit "Pieksprämie", Impfpassberatung durch Betriebsarzt, genaue Dokumentation der Rückkehrer- & Mitarbeiterjahresgespräche und Fitness Mobil um nur einige von insgesamt fast 50 Maßnahmen zu nennen. Das Unternehmen investiert auch in neue Arbeitskleidung, die sich an der ausgeübten Tätigkeit orientiert. Neu ist auch eine Ersthelfer-Ausbildung für zuhause auch als Kurs speziell für Frauen. Eine weitere Besonderheit ist das Cheffrühstück - die Mitarbeitern Gelegenheit gibt, mit der Führung auf gleicher Augenhöhe über Verbesserungen zu sprechen.

Nachhaltige Rendite

Das kostet natürlich nicht nur Zeit, sondern auch Geld. Doch dem eingesetzten Kapital bei Wurst Stahlbau von rund 40.000 Euro per anno - das auf einem Sonderkonto geführt wird - stehen in Summe rund 170.000 Euro per anno an Einsparungen gegenüber. Der Return on invest beträgt je investierten Euro 4,25 Euro. Dieser ROI von 1:4,25 ergibt sich durch "Vorher-Nachher"-Vergleiche. Denn Krankheitstage kosten durch Lohnfortzahlung Geld und die Substitution durch Leiharbeit auch. Auch die Kosten bei Fluktuation für die geringere Produktivität während der sechsmonatigen Einarbeitungsphase, Headhunter und Bewerbungsgespräche sind berechenbar. Nicht berechenbar sind hingegen weiche Faktoren. Um die Effekte messen zu können, reicht die einfache Division 170.000 Euro durch 40.000 nicht aus. Wir haben daher nach einer wissenschaftlichen Formel gesucht, die auch die weichen Faktoren misst und sie in der "Personell Psychology" nach Schmidt, Hunter und Pearlman gefunden. Demnach bringt jeder Euro, der in BGM investiert wird, eine Rendite von 18,59 Euro. Der ROI beträgt demnach 1:18,59!
BGM wirkt also nachhaltig. Positiv sind auch die Auswirkungen auf das Betriebsergebnis. Als sei das noch nicht genug, lässt sich auch noch das Banken-Rating verbessern. Denn die betriebliche Zukunftsfähigkeit ist ein Bestandteil in jeder qualitativen Analyse von Banken. Bei jedem Jahresabschlussgespräch werden die Managementfaktoren besprochen und das Management bewertet. Die Wurst Stahlbau GmbH kann dabei besonders punkten. Denn das betriebliche Gesundheitsmanagement zeigt sich als ein Instrument, um das Unternehmen weiterhin erfolgreich am Markt zu etablieren. Eine gute Voraussetzung um bessere Kreditkonditionen aushandeln zu können!
Fazit: Nachhaltiger können Unternehmer ihr Geld kaum investieren als in die eigene Belegschaft und in deren Gesundheit. BGM bringt neben einer betriebswirtschaftlichen aber auch eine hohe soziale Rendite und leistet damit einen unschätzbaren, volkswirtschaftlichen Beitrag. Denn ohne Zukunftssicherung ist die EU ein wirtschaftliches Auslaufmodell.
 
 
Von Thomas Wurst

Die Wurst Stahlbau GmbH ist Unterzeichner der Luxemburger Deklaration.
Autor Thomas Wurst ist Geschäftsführer der Wurst Stahlbau GmbH, die er gemeinsam mit seinen Brüdern Christian und Michael führt.


Über Wurst Stahlbau GmbH
Die Wurst Stahlbau GmbH hat Nachhaltigkeit in ihrer Unternehmensstrategie festgeschrieben. Betriebliches Gesundheitsmanagement ist ein wesentlicher Bestandteil des nachhaltigen Wirtschaftens bei der Wurst Stahlbau GmbH.
Das Unternehmen wurde 1966 in Bersenbrück gegründet und wurde bereits mehrfach für soziales Engagement ausgezeichnet.
2008 wird die Wurst Stahlbau GmbH als Finalist unter den Top Ten des Mittelstandspreis "Axia Award" in der Kategorie "Unternehmensstrategie" ausgezeichnet.
2009 kann sich die Wurst Stahlbau GmbH für den Axia Award als Finalist unter den TOP Ten in der Kategorie "Stürmische Zeiten" qualifizieren und wird für ihr "Durchhaltevermögen" während der Finanzmarktkrise ausgezeichnet.
2009 erhält die Wurst Stahlbau GmbH in Berlin den "Preis des Bundesministeriums des Innern für herausragende Leistungen zur Förderung des Ehrenamtes im Bevölkerungsschutz in Deutschland". Der Betrieb wird vorgeschlagen durch den Landkreis Osnabrück und erreicht den 2. Platz. Die Auszeichnung erfolgt durch den Bundesinnenminister.
2009 ist die Wurst Stahlbau GmbH Finalist im "Großen Preis des Mittelstandes" der Oskar-Patzelt-Stiftung. Der "Große Preis des Mittelstandes" gilt laut "Die Welt": "deutschlandweit die begehrteste Wirtschaftsauszeichnung".
2010 erhält die Wurst Stahlbau GmbH die Auszeichnung "Entrepreneur des Jahres" der Unternehmensberatung Ernst & Young. Das Bersenbrücker Unternehmen und sein Führungstrio sind für diesen Preis nominiert worden, weil es laut Ernst & Young in der Wirtschaftskrise an Umsatz zulegte und die Mitarbeiterzahl steigerte.

Quelle: Wurst Stahlbau GmbH
Wirtschaft | Führung & Personal, 08.05.2012
Dieser Artikel ist in forum Nachhaltig Wirtschaften 02/2012 - Business Natur erschienen.
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