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Integrated Reporting: ein zweischneidiges Schwert

Vieles spricht für eine Integration der nichtfinanziellen Indikatoren in die Geschäfts­berichterstattung.

Stirbt damit der Nachhaltigkeitsbericht? Und was folgt daraus für die Berichtsqualität? 

Seit dem Erscheinen eines ersten Entwurfs zu einem „Rahmenwerk" für Integrierte Berichterstattung durch das International Integrated Reporting Council (IIRC) im Jahr 2011 ist die Reporting-Landschaft in Bewegung. Der Trend geht vom konventionellen Geschäftsbericht zum Integrated Reporting. Werden dadurch nachhaltige Inhalte aufgewertet oder verwässert? Und wie lässt sich die Vergleichbarkeit und Verbindlichkeit der Inhalte sicherstellen?

Nachhaltigkeitsberichterstattung im Trend

Neben der klassischen Geschäftsberichterstattung hat sich in den vergangenen zwei Jahrzehnten die Nachhaltigkeitsberichterstattung, mit der Unternehmen ihre Stakeholder über Umwelt- und Sozialbelange informieren, als freiwilliges Instrument etabliert. Sie richtet sich nicht nur an die auf dem Kapitalmarkt aktiven Stakeholder (Aktionäre, Investoren, Analysten, Banken), sondern an viele weitere Anspruchsgruppen von den Kunden über Mitarbeiter, Anwohner, NGOs, Regulierer bis zu Wettbewerbern und Lieferanten. Jährlich erscheinen laut Corporate Register weltweit rund 7.000 neue Nachhaltigkeitsberichte. Da ihre Erstellung anders als bei den Geschäftsberichten nicht gesetzlich geregelt ist, haben verschiedene Akteure Kriterien und Standards entwickelt, um Vergleichbarkeit und Qualität in der Berichterstattung zu sichern. In Deutschland spielte hierbei das Institut für ökologische Wirtschaftsforschung GmbH (IÖW) mit seinem 1994 eingeführten, professionellen Ranking eine wichtige Rolle. Als weltweiter Standard für eine qualitativ hochwertige Berichterstattung gilt heute der Leitfaden der Global Reporting Initiative (GRI). Dessen Vorentwürfe wurden in einem internationalen Multi-Stakeholder-Prozess intensiv diskutiert. Seit 2002 liegen die GRI-Leitlinien zur allgemeinen Benutzung öffentlich aus. 2013 erschien nach weiteren Verbesserungen die inzwischen vierte Fassung „GRI G4". Als Orientierung für die Berichterstattung dienen außerdem die Prinzipien des Global Compact der Vereinten Nationen.

Treiber für eine Integrierte Berichterstattung

Nichtfinanzielle Informationen über die Art und Weise, wie ein Unternehmen Umwelt- oder Lieferantenrisiken managt und intellektuelles, natürliches oder gesellschaftliches Kapital nutzt, um Werte zu schaffen, werden am Kapitalmarkt zunehmend eingefordert: Die Bilanzierungsvorschriften US-GAAP und IFRS fordern vor allem die Berichterstattung zu Aspekten, die den Wert eines Unternehmens beeinflussen können. Der Deutsche Rechnungslegungsstandard DRS 20 verlangt eine Berücksichtigung wesentlicher nichtfinanzieller Informationen in wichtigen Kapiteln des Lageberichts wie z.B. Rahmenbedingungen, Prognose- und Risikobericht. Die EU-Kommission plant in ihrem Richtlinienvorschlag vom 16. April 2013 erweiterte Pflichten zur Angabe nichtfinanzieller Informationen. In den Lagebericht sollen demnach sogenannte „non-financial statements" zu Umwelt, sozialen Themen oder Arbeitnehmerbelangen integriert werden. Betroffen sind Unternehmen ab einer Mitarbeiterzahl von 500 oder einer Bilanzsumme über 20 Mio. Euro.

Ergänzend zu den regulatorischen Anstrengungen, Transparenz herzustellen, haben Analystenverbände wie die DVFA und EFFAS für die Bewertung von Unternehmenstiteln sogenannte ESG-KPI herausgegeben, um deren Performance in den Bereichen Umwelt (E), Soziales (S) und Gute Unternehmensführung (G) standarisiert abfragen und damit vergleichen zu können. Diese werden vor allem von institutionellen Investoren wie Versicherungen oder Pensionskassen für ihr Anlagemanagement verwendet.

Die Geschichte des „Integrated Reporting"

Wesentliche Impulse zur Integration der nichtfinanziellen Indikatoren in die klassische Berichterstattung kamen vom International Integrated Reporting Council (IIRC), das 2009 von Vertretern aus dem öffentlichen Bereich sowie aus Unternehmen, Prüfungsgesellschaften, Börsen, Aufsichtsorganen, Nichtregierungs- und zwischenstaatlichen Organisationen gegründet wurde. 2010 schafften Robert G. Eccles und Michael P. Krzus mit dem Buch „One Report" hierfür eine weltweit wahrgenommene Grundlage. Ein Jahr später veröffentlichte das IIRC ein Diskussionspapier mit Prinzipien für eine gute Integrierte Berichterstattung. 2012 folgte ein erster Prototyp für ein internationales Rahmenwerk. Nach der Auswertung von Stellungnahmen zu einem 2013 vorgelegten weiteren Entwurf erschien schließlich am 5. Dezember 2013 die erste Version des Rahmenwerks. Seitdem beteiligen sich rund 100 Unternehmen sowie zahlreiche Investoren an einem Pilotprogramm zur Integrierten Berichterstattung. Bei dieser Entwicklung trat die ursprüngliche Idee, Geschäfts- und Nachhaltigkeitsberichterstattung zusammenzuführen, in den Hintergrund. Im Mittelpunkt des Rahmenwerks steht stattdessen die Forderung, ein Unternehmen solle darstellen, wie es aus den sechs Kapitalstöcken Finanzen, Produktion, Menschen, Wissen, Natur und Soziales verantwortungsbewusst Wert schöpft.

Herausforderungen für Unternehmen

Das IIRC hat seinen Ansatz bewusst sehr allgemein gehalten und lediglich Prinzipien anstelle von Normen formuliert. Die Version 1.0 des IIRC-Rahmenwerks kann daher lediglich als generelle Orientierungshilfe genutzt werden, die in vielen Punkten großen Spielraum lässt. Unklar ist auch das Zusammenspiel mit anderen Standards, wie den GRI Leitlinien. Klarheit herrscht dagegen in folgenden Punkten: Das neue Format sollte auf jeden Fall ein schlüssiges Gesamtbild finanzieller und nichtfinanzieller Inhalte liefern und das Geschäftsumfeld in einer integrierten Sicht abbilden. Darüber hinaus muss den Stakeholdern die Umstellung der Berichterstattung erklärt und vermittelt werden.

Die Gefahr: Rückschritt durch Fortschritt

Die Vielfalt der Ansätze macht es Lesern schwer, Berichte und damit die Unternehmensleistung zu vergleichen. Daher entsteht für die Integrierte Berichterstattung, ähnlich wie bei der Nachhaltigkeitsberichterstattung in ihren Anfangsjahren, ein Standardisierungsbedarf. Die Unsicherheiten betreffen nicht nur das Format des Berichts. Es fehlt auch an Hilfestellung bei der aufwendigen Umstellung der Berichterstattungsprozesse, der Steuerungssysteme und Kennzahlenerhebung. Professor Maximilian Gege vom B.A.U.M. e.V. warnt deshalb auch: „Ohne einen klaren Orientierungsrahmen besteht die Gefahr, dass Unternehmen hinter das bereits erreichte Qualitätsniveau zurückfallen, wenn sie ihre über Jahre aufgebaute Nachhaltigkeitsberichterstattung zugunsten eines Integrierten Berichts wieder aufgeben".

Methodik zur Qualitätsbewertung

Vor diesem Hintergrund stellt sich die zentrale Frage, woran sich die Qualität eines Integrierten Berichts bemisst. Stakeholder Reporting, ein Pionier in der Beratung zur Umweltberichterstattung mit Sitz in Hamburg, hat deshalb Qualitätskriterien entwickelt, um Unternehmen den Umstellungs-Prozess zum Integrierten Bericht zu erleichtern und dafür zu sorgen, dass aus Nachhaltigkeitssicht relevante Inhalte nicht verlorengehen. Gleichzeitig sind diese Kriterien Grundlage für eine Bewertungsmethode, mit der Integrierte Berichte aus der Berichtsperiode 2012/2013 in der DACH-Region (Deutschland, Österreich, Schweiz) untersucht und eingestuft werden konnten. Das daraus resultierende Ranking verwendet 50 Kriterien aus 12 Themenfeldern und beruht auf dem IIRC-Rahmenwerk. Vereinzelt werden auch GRI G4 Indikatoren für die Bewertung eingesetzt.

Ein Ranking für integrierte Berichte entsteht

Bei der Auswertung der Berichte werden bereits viele gute Ansätze deutlich. Diese unterscheiden sich allerdings nach Branche und Unternehmensgröße sehr stark voneinander. Die höchste Punktzahl erreichen SAP, BASF und EnBW. Das Unternehmen mit der besten Bewertung, SAP sticht nach Ansicht von Stakeholder Reporting vor allem durch eine gute Darstellung des Geschäftsmodells und die ausführliche Berichterstattung zu Chancen und Risiken hervor. Der BASF-Bericht hat seine Stärken beim Umgang mit ökologischen Anforderungen und weist einen starken Materiality-Ansatz auf. EnBW fiel mit seinem fundierten strategischen Ansatz und einer Steuerung über KPIs und Ziele positiv auf. Generell zeigte sich bei allen Berichten ein erhebliches Verbesserungspotenzial.

Fazit: Integrierte Berichterstattung auf hohem Qualitätsniveau erfordert mehr, als zwei Berichte in einem zusammenzuführen. Es setzt ebenso integriertes Denken wie integriertes Handeln und damit einen längeren Umstellungsprozess voraus. Deshalb ist es wichtig, sich die hierfür nötige Zeit zu nehmen und gemeinsam an einem internationalen Standard mit verbindlichen Qualitätskriterien zu arbeiten.

Von Björg Volquardsen, Redakteur und Consultant bei Stakeholder Reporting GmbH Hamburg, Deutschland

 

Der Integrated Reporting Award

Noch in diesem Jahr werden die besten Integrierten Berichte in der DACH-Region mit einem Integrated Reporting Award prämiert. Die Jury, zusammengesetzt aus Vertretern von Medien und Unternehmensverbänden sowie einem wissenschaftlichen ­Fachgremium, wird hierbei eine neue Methodik zur Bewertung Integrierter Berichte zur Anwendung bringen. Diese beruht auf einem umfassenden Satz an Qualitätskriterien und schafft die Basis für ein transparentes Berichts-Ranking. Der Ansatz wurde im September 2014 auf dem „forum Methodik-Workshop Integrated Reporting" im Münchener HVB Forum der Unicredit Bank AG erstmals der Fachöffentlichkeit vorgestellt und von den Experten evaluiert.


Wirtschaft | Recht & Normen, 01.10.2014
Dieser Artikel ist in forum Nachhaltig Wirtschaften 04/2014 - Green Tech als Retter der Erde erschienen.
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