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Vollgeld statt Finanzkrisen

Neustart: Ein krisenfestes und überschaubares Finanzsystem, weniger Spekulation und mehr Sicherheit – das versprechen sich Fachleute von dem System „Vollgeld“.

Buchtipp
Thomas Mayer und Roman Huber: Vollgeld – das Geldsystem der Zukunft.
Unser Weg aus der Finanzkrise. In vielen Ländern wird Vollgeld bereits diskutiert, in der Schweiz ist Vollgeld sogar auf dem Weg zur Volksabstimmung. Dieses Buch macht in der Misere wieder Mut und weist einen gangbaren Weg aus der Finanzkrise Tectum-Verlag, 2014, 322 Seiten, Paperback, € 18,95.
 
Die Ideen dahinter sind weder neu noch ­revolutionär, dürften aber den meisten Banken sehr missfallen …
„Wer erzeugt und verteilt das Geld?” Das fragte der Wirtschaftswissenschaftler Richard Werner bei einer Umfrage eintausend Bürger in der Finanzmetropole Frankfurt. 84 Prozent der Befragten dachten, dass entweder die Zentralbank oder die Regierung das Geld in Umlauf bringen und darüber entscheiden, wer es bekommt. „Würden Sie einem System zustimmen, in dem die Mehrheit der Geldmenge durch meist private, auch profitorientierte Unternehmen produziert und verteilt wird und nicht durch staatliche Organe?”, ging die Umfrage weiter. 90 Prozent der Befragten antworteten so: „Nein, das wollen wir nicht." Leider funktioniert unser heutiges Geldsystem aber genau so. Wir Bürgerinnen und Bürger haben den Banken, ohne es zu bemerken, die Herstellung von elektronischem Geld überlassen. Und nun bezahlen wir ihnen Zinsen, damit das benötigte Geld über Kredite in Umlauf kommt. Anstatt selbst das notwendige Geld zu erzeugen und auszugeben, müssen sich unsere Staaten bei den Banken verschulden. Unglaublich, aber wahr.
 
Bargeld versus Giralgeld
Die Zentralbanken, in Deutschland also die Bundesbank, erzeugen nur einen geringen Teil unseres Geldes: das Bargeld, und somit nur die Geldscheine und Münzen. Aus der Differenz zwischen den Herstellungskosten der Scheine und Münzen und deren aufgedrucktem Wert erzielt der Staat Einnahmen. Daneben gibt es noch Giralgeld (Geld auf dem Girokonto). Dieses Geld ist zwar kein gesetzliches Zahlungsmittel, macht aber den allergrößten Teil des existierenden Geldes aus und wird von den privaten Banken produziert. Konkret: Im Euro-Raum waren von 2008 bis 2012 im Durchschnitt 4.676 Milliarden Euro im Umlauf, von den Statistikern auch „Geldmenge M1" genannt. Diese bestand aus 864 Milliarden Bargeld der Europäischen Zentralbank (EZB) und 3.811 Milliarden Giralgeld der privaten Banken. Die Banken stellten also 81 Prozent aller Euros her!
 
Was kostet uns das?
Für die privaten Banken ist es eine stetig sprudelnde Einnahmequelle, Geld herzustellen. In dem Umfang, wie sie selbst Geld erzeugen, können sie Kredite vergeben und dafür Zinsen kassieren, ohne dass ihnen Kosten entstehen. Sie müssen lediglich einen Bruchteil an Sicherheiten bei der Bundesbank hinterlegen – zum Beispiel in Form von Staatsanleihen. Diese kaufen sie vorher, ebenso wie Aktien, Wertpapiere oder Immobilien, mit selbst erzeugtem Geld. Anstatt Giralgeld selbst herzustellen, erlauben unsere Staaten den privaten Banken, Geld „digital" zu produzieren – um es sich dann von genau diesen Banken gegen Zinsen wieder zu leihen. Man glaubt es kaum, oder? Aber so ist es: Damit überhaupt genügend Geld in Umlauf kommt, müssen sich die Staaten Geld von den Banken leihen. Das ist ein Hauptgrund dafür, warum die Staatsschulden so gigantisch hoch sind. Die Zinsen dafür könnten sich die Staaten sparen, wenn sie – wie in der Vollgeld-Reform vorgesehen – das gesamte Geld selbst herstellen und verwenden würden.
 
Der Schuldenberg wächst
Die Gegenwart sieht anders aus: Im Euro-Raum bringen die Staaten jährlich etwa 170 Milliarden Zinszahlungen auf! Das entspricht der Wirtschaftskraft von ganz Portugal. In Deutschland sind es jährlich 42 Milliarden Euro – damit könnte man, zumindest rein rechnerisch, den Welthunger beseitigen. „Nur 20 Milliarden Euro pro Jahr wären notwendig, um Hunger und Unterernährung auszurotten", sagt Jacques Diouf, Generaldirektor der UNO-Organisation für Ernährung und Landwirtschaft (FAO). Doch statt den Welthunger zu beseitigen oder Schulden abzubauen, werden heute Banken subventioniert. Kein anderer Wirtschaftszweig erhält eine derartig große staatliche Unterstützung. Dass Bergbauern, die die Landschaft pflegen, unterstützt werden, kann man nachvollziehen – aber warum brauchen Banken dauerhafte Subventionen durch den Steuerzahler? Vielleicht weil eine kleine Gruppe von Bankern durch Bonizahlungen abwegig viel Geld verdienen kann? Es ist jedenfalls nicht erstaunlich, dass die Profiteure der Bankgewinne das Privileg der Geldherstellung eisern verteidigen und viel tun, um dieses aus der öffentlichen Diskussion herauszuhalten. Doch diese Diskussion ist dringend nötig. Denn eine Vollgeldreform könnte das Geldsystem wieder in den Dienst von Realwirtschaft und Gesellschaft stellen. Vollgeld schafft ein einfaches, sicheres Geld- und Bankensystem, das viele Probleme des bestehenden Geldsystems löst.
 
Was ist eigentlich Vollgeld?
Der Name Vollgeld bringt zum Ausdruck, dass zukünftig auch das elektronische Geld auf den Bankkonten ein vollwertiges, gesetzliches Zahlungsmittel ist und allein von der Zentralbank erzeugt wird, wie heute Münzen und Banknoten. Bisher ist es tatsächlich so: Elektronisches Geld, das von einer Bank erzeugt wurde, löst sich in Luft auf, wenn die Bank pleitegeht. Vollgeld dagegen wäre von der ganzen Volkswirtschaft gedeckt. Vollgeld ist keine Revolution, sondern eine sinnvolle Alternative zum bestehenden System. Es ist nur der naheliegende nächste Schritt zu einem werthaltigen Geld. Wir hatten ja bereits über Jahrtausende hinweg mit den Gold-, Silber- und Kupfermünzen ein Vollgeldsystem. Erst in den letzten drei Jahrhunderten bildete sich das heute bestehende Bankengeldsystem heraus. Wussten Sie, dass es den privaten Banken erst vor über hundert Jahren verboten wurde, Papiergeld selbst zu drucken? Seitdem dürfen nur noch Zentralbanken Geld drucken. Doch damals dachte noch niemand an die enorme Ausweitung des Giralgeldes. Dieses sollten nach einer Vollgeldreform ebenfalls nur noch die Zentralbanken herstellen dürfen. Dann könnten private Banken kein eigenes Geld mehr erschaffen, sondern nur noch Geld verleihen, das sie zur Verfügung gestellt bekommen haben.
 
Vollgeld hat weitere Vorteile
Das Geldsystem würde für die Bürgerinnen und Bürger wieder verständlich und die heutige unkontrollierte Geldschöpfung durch die Banken eingedämmt. Das verhindert Finanzblasen. Das Bankensystem könnte damit entflochten werden und der Staat wäre durch Bankenpleiten weniger erpressbar. Durch den Abzug der Geldschöpfung von den Banken entsteht wieder Wettbewerbsgleichheit zwischen Banken und Unternehmen sowie zwischen Groß- und Kleinbanken. Durch Vollgeld würden fast alle profitieren. Fast. Denn es gäbe auch einige Verlierer. Die Investment-Banken müssten auf das einträgliche Geschäft der Börsen-Spekulation mit selbst geschöpftem Geld verzichten, der Eigenhandel würde damit stark eingeschränkt. Wenn in Folge der Vollgeldreform Staatsschulden getilgt würden, müssten die Banken auf das einträgliche Geschäft der Staatsfinanzierung mit selbst geschöpftem Geld verzichten. Die bisherigen Inhaber von Staatspapieren wären gezwungen, anderweitige Anlagemöglichkeiten in der Realwirtschaft zu suchen. Die Folge wären Investitionen statt Spekulationen. Da es weniger Auf und Ab an den Finanzmärkten geben würde, hätten Spekulanten weniger Chancen auf schnelle Gewinne. Das Bankgeschäft würde insgesamt langweiliger und kein Feld mehr für schnelle Profiteure. Schluss wäre auch mit dem Teil der Umverteilung von Arm zu Reich, der am Geldsystem hängt. Seit Jahrzehnten werden in den meisten Industrieländern Reiche immer reicher, denn die Einnahmen aus Kapitalanlagen nehmen zu. Einkommen aus Arbeit dagegen sinken tendenziell. Das zerstört auf Dauer den sozialen Frieden. Das bestehende Bankengeldsystem ist für das alles eine wichtige, aber meist übersehene Ursache. Heute kommt Geld nur in Umlauf, wenn der Staat Kredite aufnimmt. Die Zinsen, die er bezahlt, fließen vor allem den oberen Einkommensschichten zu, in Deutschland jährlich 42 Milliarden Euro. Mit Vollgeld würde diese Umverteilung von unten nach oben durch den Staat aufhören und die eingesparten Zinsen könnten für Steuersenkungen, Rückzahlung von Staatsschulden oder Ausgabenerhöhungen verwendet werden und so zur Verringerung der Einkommenskluft beitragen. Außerdem würde eine Vollgeldreform die Realwirtschaft auch von überzogenen Renditeerwartungen entlasten. Der Ökonom Niko Paech schreibt: „Die Vollgeldreform ist ein wichtiger Meilenstein auf dem Weg zur Postwachstumsökonomie. Um die ökologisch ruinöse Wachstumstumsorientierung europäischer Konsumdemokratien zu durchbrechen, ist ein anderes Geldsystem vonnöten. Dazu zählt auch, die willkürliche Giralgeldschöpfung der Geschäftsbanken zu unterbinden. Denn die unkontrollierbare Vergabe beliebig vieler und hoher Kredite zählt zu den Treibern jener Investitionsdynamik, die permanentes Wachstum auch dann erzeugt, wenn dieses nicht der Befriedigung zuvor artikulierter Bedürfnisse, sondern allein der Profitmaximierung dient. Das Recht auf Geldschöpfung darf nur bei der Zentralbank liegen."
 
Eine Idee setzt sich durch
Oftmals landen gute und richtige Ideen auf dem Wartebahnhof der Weltgeschichte. Es gibt gute Gründe, warum das mit dem Vollgeld nicht passieren darf: Die Schulden der Euro-Staaten wachsen Jahr für Jahr. Alle Sparbemühungen helfen nichts, denn die Staaten sitzen in der Schuldenfalle und können die Zinsen für alte Schulden nur durch neue Schulden bezahlen. Außerdem ist eine Tilgung der Staatsschulden im derzeitigen Geldsystem gar nicht gewünscht, da sonst das für die Wirtschaft notwendige Geld verschwinden würde. Die Situation ist wahrlich schlecht. Die Einführung von Vollgeld samt Tilgung von 60 Prozent der Euro-Staatsschulden würde das Problem lösen. Überhaupt sind die Vorteile des Vollgeldes so groß, dass sie über kurz oder lang kein Politiker mehr ignorieren sollte. Nach Berechnungen der Vollgeldinitiative in der Schweiz bringt sie den dortigen Bürgerinnen und Bürgern 300 Milliarden Franken zusätzlich, im Euro-Raum sind es 5 Billionen Euro. Gewinne, die niemanden leiden lassen. Geld würde krisenfest, Finanzblasen gehörten der Vergangenheit an, endlich würde das Problem der ungezügelten Finanzmärkte gelöst. Es ist sehr schwer, gegen Vollgeld zu sein. Wenn ein Produkt so große Vorteile hat, setzt es sich durch – auch gegen anfängliche Ignoranz. Das war schon bei der Erfindung der Bahn oder des Telefons der Fall.
 
 
Volksabstimmung über Vollgeld – Ihre Meinung ist gefragt
In der Schweiz werden seit Juni 2014 Unterschriften für eine Volksabstimmung über Vollgeld gesammelt. Innerhalb von 18 Monaten müssen 100.000 Unterschriften zusammenkommen. Die Vollgeld-Initiative in der Schweiz könnte ein internationaler Katalysator werden. Wenn die Schweizer Bürgerinnen und Bürger das Vollgeld beschließen und der Staat damit in den folgenden Jahren jährlich zehn Prozent seiner Staatsschulden tilgen und gleichzeitig die Staatsausgaben erhöhen und die Steuern senken kann, werden auch Politiker, Professoren und Journalisten in anderen Ländern aufwachen. Die aktuellen Krisen zeigen, dass es Zeit ist, unser Geldsystem zu reformieren und dabei auch dem Vollgeld-Konzept Beachtung einzuräumen. Vor allem dann, wenn trotz harter Sparmaßnahmen und Steuererhöhungen die Schulden in den Euro-Staaten weiter steigen, wie es auch 2014 der Fall war. Nach Ansicht der Vollgeld-Anhänger gebührt dem ersten Land, das Vollgeld einführt, höchste Anerkennung, denn es tut das nicht nur für sich, sondern auch für die anderen. Bleibt abzuwarten, ob die Eidgenossen sich von der Giralgeldschöpfung durch Geschäftsbanken befreien wollen und können. Gerne können Sie uns Ihre Meinung mitteilen: www.forum-csr.net
 
 
Roman Huber
ist Bürgerrechtler und Sozial-Unternehmer. Ursprünglich in der Marketing und IT-Branche tätig, engagiert er sich seit 21 Jahren ehrenamtlich und seit 15 Jahren hauptamtlich im gesellschaftspolitischen, zivilgesellschaftlichen und humanitären Bereich. Er ist geschäftsführender Vorstand von Mehr Demokratie e.V., Vorstand der grund-stiftung und Mitbegründer des Gemeinschaftsdorfes Tempelhofs. Hubers Steckenpferde sind Demokratie 2.0, neue Geldsysteme, Aufklärung zu CETA/TTIP, Gemeinschaftsentwicklung und ökonomische Transformation.

Lifestyle | Geld & Investment, 01.04.2015
Dieser Artikel ist in forum Nachhaltig Wirtschaften 02/2015 - Nachhaltige Mode erschienen.
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