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Botschafter des Bodens

Ein forum - Interview von Fritz Lietsch mit Valentin Thurn

Lieber Valentin, du bist jetzt als Botschafter des Bodens ausgewählt und ernannt worden, was bedeutet das genau?
Valentin Thurn engagiert sich vielfach ausgezeichnet als Autor, Dokumentarfilmer und Redner zu sozialen, entwicklungs-, umwelt- und bildungspolitischen Themen. © SCHNITTSTELLE Film / THURN FilmDas ist eine Art Kampagne der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit, in der sie das UN-Jahr des Bodens thematisieren wollen. Es geht um den Bodenverlust, der durch die moderne industrielle Landwirtschaft verursacht wird. Das war auch ein Thema meines Kinofilms, wo wir gesagt haben: Das, was aktuell an Pestiziden und Düngern auf unsere Böden kommt, das ist nicht nachhaltig. Der Titel "Zehn Milliarden" verweist einerseits auf die Zahl der Menschen, die wir Mitte des Jahrhunderts auf der Welt erwarten, andererseits aber auch auf die Zahl der Kleinstlebewesen in einem Kubikmeter gesundem Boden. Das ist eine Riesenzahl, die einerseits noch gar nicht gut erforscht ist, andererseits in einem Boden, der gedüngt, gespritzt und gepflügt wird, natürlich stark reduziert wird, was dazu führt, dass er so krümelig und locker wird, dass er vom leichtesten Windstoß davongetragen wird. Die Erosion sorgt für einen Verlust an Humus, der nur ganz langsam, im Verlauf von Jahrhunderten, ausgeglichen werden kann. 
 
Wie bist du selbst auf das Thema Boden gekommen?
Brot landet auch in Wien im Müll. Mit foodsharing.de werden überschüssige Lebensmittel verteilt, bevor sie verschwendet werden. © SCHNITTSTELLE Film / THURN FilmDas war letztendlich über den Umweg der Lebensmittelverschwendung. Als ich den Film "Taste the Waste" gemacht habe und mit dem Publikum im Kino diskutiert habe. Das fing eigentlich immer beim Mindesthaltbarkeitsdatum an und endete beim Welthunger und wenn man sich mit der Ernährungssicherheit in der Welt auseinandersetzt, kommt man automatisch zur Bodenfruchtbarkeit. Das ist ja das Thema: Wir ersetzen diese schwindende Bodenfruchtbarkeit mit dem Griff in den Düngersack. Wenn man dann mitbekommt, dass die mineralischen Dünger, Phosphor in fünfzig, Kalium in hundert Jahren endlich sind; die Minen sind dann abgebaut, dann wird einem klar: Wir müssen eine andere Form finden, um die Fruchtbarkeit im Boden zu erhalten. Die biologische Landwirtschaft versucht es mit weniger Input, sie kommt aber auch nicht ganz ohne Input aus. Das wird spannend werden. Wir werden wahrscheinlich über kurz oder lang menschliche Fäkalien benutzen müssen, wenn wir einen echten Kreislauf herkriegen wollen. Das ist aber auch noch nicht erforscht, wie wir da mit Medikamentenrückständen und Ähnlichem umgehen.
 
forum ist dafür bekannt, dass es nicht die Probleme thematisiert, oder wenn es das tut, dass es dann gleich die Lösungen skizziert. Auf welche spannenden, außergewöhnlichen und inspirierenden Best-Practice-Cases oder Lösungsmöglichkeiten bist du gestoßen bei deinen Recherchen?
Also das geht los von dem, was Kleinbauern machen, indem sie mit viel Arbeitskraft den Acker so bearbeiten, dass da mehr Feldfrüchte nebeneinander stehen. Dann hat man, wenn man das sinnvoll macht, neben der Süßkartoffel eine Straucherbse stehen. Die Straucherbse ist ein kleiner Strauch, relativ hoch, gibt ein bisschen Brennholz, aber vor allem ist es eine Leguminose, die Stickstoff im Boden bindet. Man hat sozusagen eine Fruchtfolge in einem Jahr auf dem Feld und kann bis zu drei verschiedene Früchte nebeneinander anbauen. Das geht natürlich nur mit sehr viel manueller Arbeit. Das ist quasi eine angepasste Lösung für die Kleinbauern in Entwicklungsländern. Bei uns wäre das sicherlich nochmal ein bisschen etwas anderes, unsere Biobauern arbeiten ja auch schon mechanisiert und können das auch gar nicht anders: In einem Hochlohnland wäre es zu teuer, so viele Arbeitskräfte einzusetzen. Aber es wäre gut, wenn die Forschung in die Richtung ginge, dass da ein tatsächlicher Kreislauf stattfände. Momentan ersetzt zum Teil Tier- oder auch Gründung das, was die Konventionellen sich aus dem Düngersack kaufen, aber ein richtiger Kreislauf wären die menschlichen Fäkalien. Da gibt es leider noch viel zu wenig Forschung, aber es gibt sie. In Hamburg, die Bahnhofstoilette: Da ist es die Stadt Hamburg, die das macht. Ich glaube, alle, die daran forschen, sagen, wir werden uns möglicherweise von dem vielen Wasser in den Toiletten verabschieden müssen. Wir werden wieder Trockentoiletten haben. Das finde ich jedenfalls hochspannend, was da passiert, und da lassen wir uns momentan von Indien zum Beispiel überholen, die das sehr viel intensiver erforschen.
 
Du hast mir damals gesagt, dass der Film "Taste the Waste" dein eigenes Verhalten verändert hat. Jetzt bin ich neugierig: Hat sich nach dem Film "Zehn Milliarden" dein Verhältnis zum Boden verändert, also greifst du selber zur Gärtnerschaufel oder hast du dir eine Komposttoilette zugelegt. Was waren die konkreten Follow-Ups?
Die Komposttoilette habe ich noch nicht, das ist tatsächlich auch ein Geruchsproblem. Man bekommt es mit Kalk und Holzspänen in den Griff, aber dazu muss man auch den Platz haben. Was bei mir tatsächlich geklappt hat: Ich bin inzwischen intensiv am Gärtnern. Das hat mit einem kleinen Gewächshaus angefangen und geht jetzt mit einem Hochbeet weiter. Das ist eine sehr schöne Art, wieder eine Beziehung zu den Lebensmitteln zu bekommen. Noch ernähre ich mich nicht komplett aus dem Garten, das wird wahrscheinlich auch nie klappen, aber darum geht es auch gar nicht. Es geht wirklich darum, die Lebensmittel in einen Bezug zu einem zu setzen, diese Anonymität zu überwinden. Man weiß gar nicht mehr, was gut ist, was schlecht ist, wo es herkommt... Es gilt, das zu überwinden, was eben dieses anonyme Verteilen über den Supermarkt mit sich bringt.
 
Was ist dein Wunsch an die forum-Leser? (Bestehend aus Politikern, Leuten aus der Wirtschaft, aber auch Privatverbrauchern)
Politiker: Subventionen bitte zielgerichtet einsetzen, damit sie auch einen Lenkungseffekt haben. Nicht so wie heute, den Großteil der landwirtschaftlichen Subventionen mit der Gießkanne verschütten, sondern wenn, dann schon für mehr Nachhaltigkeit. Es muss nicht nur für Biolandwirtschaft sein, es gibt auch bei den Konventionellen Ansätze… Das sollte jedenfalls auf ein Ziel hingerichtet sein. Das kann für meine Begriffe nur Nachhaltigkeit heißen und nicht Masse, weil wir momentan eine Situation haben, wo derjenige der besonders billig produziert, einen Vorteil hat, aber gleichzeitig möglicherweise gigantische Umweltschäden hinterlässt, die dann die Allgemeinheit ausräumen muss. Die Wirtschaft kann in diesem Rahmen nicht so selbständig ausbrechen, solange die externen Kosten, die auf die Allgemeinheit abgewälzt werden, nicht in den Preisen inbegriffen sind, hat die Wirtschaft Zwänge. Trotzdem gibt es auch heute schon Möglichkeiten. Nicht zuletzt beim Wareneinsatz von Küchen. Das Thema Lebensmittelwertschätzung kann sich unter Umständen sehr rentieren. Also suchen Sie nach Lösungen, die sich auch im heutigen Preisgefüge schon rentieren. Ich würde mir auch wünschen, es würde mehr geforscht. Weil die Kunden von morgen und zum Teil auch schon von heute das diskutieren werden. Wenn es Produktionsmethoden gibt, die nachhaltiger sind, suchen Sie danach. Das ist eine Art von Forschung, die sich rentieren wird und der Verbraucher sucht das. Wir haben diese Plattform "Taste of Heimat", um dem Verbraucher einen Weg durch den regionalen Dschungel zu weisen. Jetzt ist die Plattform so, dass jeder seinen Verkaufspunkt eintragen kann, ein Profil also. Und da geht es nicht um den Hofladen in erster Linie, das ist ja für Großstädter viel zu weit weg, sondern um Verkaufsstellen in der Stadt für regionale Lebensmittel.
 
Weitere Informationen unter www.thurnfilm.de

Umwelt | Wasser & Boden, 02.06.2015

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