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Mammon - Per Anhalter durch das Geldsystem

forum Nachhaltig Wirtschaften spricht mit dem Filmemacher Philipp Enders über seine Reise durch die Finanzwelt.

Geleitet von einer mobilen App reist der Filmemacher Philipp Enders durch die Finanzwelt – und landet auf der Suche nach seinem verlorenen Geld nicht nur bei der Europäischen Zentralbank, sondern auch in einer spanischen Bauruine und im „Evolution Store" mitten in New York City. Nach und nach legt Philipp Enders in der ARTE-Dokumentation „Mammon - Per Anhalter durch das Geldsystem" ein System von Abhängigkeiten frei. forum sprach mit dem Dokumentarfilmer.
 
Per Anhalter durch das Geldsystem – wie kamen Sie zu diesem Thema und diesem Titel der an einen anderen Anhalter erinnert…
Der Filmemacher reist in seinem neuen Dokumentarfilm durch das Geldsystem. © Philipp EndersDer Ausgangspunkt war ein persönliches Erlebnis. Auch wenn es im Film etwas verkürzt nachinszeniert ist, war es tatsächlich so, dass ich ein wenig Geld übrig hatte. Dieses Geld wurde beim Versuch, es anzulegen, also es eigentlich zu vermehren, immer weniger. Diese Erfahrung habe ich zum Anlass genommen, das Geld an sich und was damit passiert, etwas genauer unter die Lupe zu nehmen. Ich habe dabei eine ziemlich interessante Feststellung gemacht, nämlich dass ich, obwohl ich einigermaßen interessiert bin an den Dingen, die in der Welt vor sich gehen, vergleichsweise wenig über Geld weiß. Und das, obwohl es eine immense Rolle in unserer Gesellschaft spielt. Es ist ein extrem wichtiger Maßstab für fast alles, der in den Gegenden mit einer halbwegs stabilen Wirtschaftslage auch von der breiten Bevölkerung nicht hinterfragt wird. Ziemlich interessant bei einem Konstrukt, das erst einmal nur auf einer Konvention basiert und keinerlei eigenen Wert besitzt.
 
So wurde aus der Frage „Wo ist mein Geld?" recht schnell die Frage „Was ist Geld überhaupt?" Und es kam zu diesem Film, der eben versucht, einen möglichst breiten, lehrreichen und unterhaltsamen Überblick über das Geldsystem zu liefern. Der Bezug auf den Anhalter von Douglas Adams hat sich deshalb angeboten, weil der Film als erzählerisches Vehikel eine fiktionale Smartphone-App benutzt. Eine Mischung aus digitalem Alleswisser und hochpotentem Transportmittel. Die App weiß nicht nur auf alles eine Antwort, sie beamt mich als Reisenden und Suchenden auch quer über den Planeten, wenn es sein muss sogar in die Vergangenheit. Das kann man als Kommentar zur aktuellen Affinität zur Informationstechnologie lesen oder als willkommene stilistische Abwechslung zu den ewig gleichen Bildern des Präsentators, wie er im Zug sitzt, aus dem Flieger steigt etc. Letztendlich ist es auch ein offener Umgang mit der Tatsache, dass ein Film, auch ein Dokumentarfilm, immer „gemacht" ist.
 
Sie berichten von verlorenem Geld: Wie und wo konnte denn Geld „verloren" gehen?
Bei meiner Investition bin ich erst einmal davon ausgegangen, dass ich mein Geld anlegen muss. Das weiß ja jedes Kind: Wenn Geld unproduktiv herumliegt, hat man am Ende nicht nur nichts dazugewonnen, sondern sogar verloren, wegen der Inflation. Also bin ich damit zu meiner Bank und habe mich beraten lassen.
 
Zur prinzipiellen Unsicherheit, die wohl viele Bankkunden haben, kommt in einem solchen Moment dazu, dass man auch als intelligenter und halbwegs gebildeter Mensch nicht bis ins letzte Verstehen kann, was im Moment der Investition mit dem Geld passiert. Wo geht es hin? Wie „arbeitet" es? Wer kümmert sich darum? Wie vermehrt es sich? Und in allerletzter Konsequenz können das natürlich auch die Bankberater nicht mit Bestimmtheit sagen – auch bei einem sogenannten aktiv gemanagten Fonds nicht. Hinzu gesellt sich unter Umständen eine gewisse Gier, sowohl beim Anleger, als auch beim Berater, die Risikoklasse des Investments zu erhöhen. In der Drucksituation der Beratung fühlen sich viele dann genötigt, einfach ja zu sagen.
 
Wie und wo kann Geld verloren gehen? In den meisten Fällen geht es wohl nicht wirklich verloren, es hat hinterher schlicht den Besitzer gewechselt. Doch in den Krisen der letzten Jahre haben wir auch immer wieder gesehen, wie echte Werte zerstört wurden. Ein gutes Beispiel sind die Immobilienkrisen in den USA oder auch in Spanien. Wenn eine Spekulationsblase platzt, sind die Häuser plötzlich nichts mehr wert. Sie verfallen und mit ihnen der Wert der Materialien, aus denen sie bestehen, die Arbeitsleistung, die nötig war, sie zu erbauen, und der Gegenwert in Geld, sprich: Ihr Investment.
 
„Mammon" ist die Grundlage unseres Wirtschafts-und Finanzsystems und bestimmt unseren Alltag. Unser Wirtschaftssystem wird immer stärker kritisiert und die Schere zwischen Arm und Reich wächst. Wo liegen die Fehler im System?
Wenn ich diese Frage mit einem Satz beantworten könnte, wäre ich vielleicht kein Filmemacher mehr, sondern längst damit befasst, mein Wissen in die Tat umzusetzen bzw. Gegenmaßnahmen zu ergreifen.
 
Erst einmal ist eine spannende Beobachtung, die ich gemacht habe, dass es eine Vielzahl von Gruppen gibt, die die Fehler des Systems zwar an ganz unterschiedlichen Stellen verorten. Alle diese Gruppen stellen aber grundsätzlich Fehler fest. Ich möchte hier vielleicht zwei davon hervorheben, denen ich mich auch selbst anschließen würde. Es gibt ein Buch, das ziemlich für Furore gesorgt hat, von einem Franzosen namens Thomas Piketty – „Das Kapital im 21. Jahrhundert" - in dem er das Aufklaffen der Schere zwischen Wohlstand und Armut untersucht und feststellt, dass wir zu Verhältnissen wie im 19. Jahrhundert zurückkehren, wo die ärmeren Bevölkerungsschichten immer ärmer und die wohlhabenden immer reicher wurden. Er führt das unter anderem darauf zurück, dass diejenigen Menschen mit dem größten Vermögen in der Regel auch die mit dem höchsten Einkommen sind. Sie erwirtschaften Zinsen, Dividenden und Mieteinnahmen, während die ärmeren Schichten Zinsen und Miete bezahlen und den Überschuss eines börsennotierten Unternehmens erarbeiten, der dann an die Aktionäre ausgeschüttet wird. Der Vollständigkeit halber muss ich dazu sagen, dass Pikettys Buch inzwischen viel kritisiert worden ist. Mir leuchtet diese Argumentation dennoch sehr ein.
 
Ein weiterer „Fehler" oder Punkt, den ich interessant finde, ist, dass nach wie vor viele der Regeln der klassischen Nationalökonomie oder gar marktliberale Dogmen nicht kritisch genug hinterfragt werden. De facto sind häufig noch nicht einmal die Voraussetzungen gegeben, die für einen Markt, wie er im Buche steht, erfüllt sein müssen, geschweige denn, dass die Resultate vom Standpunkt der breiten Bevölkerung aus diese Strategien heiligen. Zu den nicht gegebenen Voraussetzungen würde ich beispielsweise zählen, dass die Marktteilnehmer nicht umfassend informiert sind über eine Ware oder dass es Produktionskosten gibt, die sich im Preis eines Gutes nicht niederschlagen. Zu solchen Kosten gehört zum Beispiel die Umweltbelastung.
 
Wie hängen Geld und Wachstum zusammen?
Der augenfälligste Zusammenhang ist vielleicht der, dass unser Geldsystem auf dem Bankensystem fußt, also auf Leihgeld. Geld entsteht, indem es von einer Bank verliehen wird. Später muss der Kreditnehmer mehr Geld zurückzahlen, also den ursprünglichen Betrag plus die angefallenen Zinsen. Wo soll dieses Geld herkommen? Es muss erwirtschaftet werden, dafür wird gearbeitet, die Wirtschaftsleistung steigt also. Das ist eine rein mechanische Angelegenheit.
 
Mindestens so interessant scheint mir jedoch, dass Geld so schön zählbar ist und man das Wachstum damit also gut messen kann. Wenn wir von Wachstum reden, meinen wir damit meist ein Wachstum des Wohlstandes, und diesen Wohlstand wiederum messen wir anhand des Bruttoinlandsprodukts. Da muss man sich schon die Frage stellen, ob dieser Maßstab korrekt ist. Denn Wohlstand könnte man ja auch ganz anders definieren oder zumindest ein paar Faktoren hinzuziehen, die nicht monetär erfassbar sind. Es gibt ein gutes Zitat von Robert Kennedy aus dem Jahr 1968, auf das mich einer der Protagonisten aus meinem Film aufmerksam gemacht hat:
„It [GDP] measures neither our wit nor our courage, neither our wisdom nor our learning, neither our compassion nor our devotion to our country, it measures everything in short, except that which makes life worthwhile.”
 
Wie könnte der Kapitalismus verändert werden?
In meinen Augen verändert er sich ständig, bzw. unsere Haltung zu ihm, die Frage ist nur, ob zum Guten hin. Während das Wort Kapitalismus in Deutschland beinahe als Schimpfwort angesehen und auch von Kapitalisten nicht gern in den Mund genommen wird, wenden sich breite Schichten, auch politisch linke dem Kapitalismus zu. Es werden Mittel und Wege gesucht, das Wissen über seine zerstörerischen Kräfte gegenüber Mensch und Natur zu berücksichtigen und dennoch kapitalistische Strukturen zu pflegen.
 
Ich muss gestehen, ich habe selbst keine abgeschlossene Meinung dazu, wie man den Kapitalismus verändern könnte, möchte mich hier aber auf einen meiner Protagonisten beziehen, Professor Giacomo Corneo, der den Lehrstuhl für öffentliche Finanzen an der FU Berlin innehat. Er hat versucht, ein Wirtschaftsmodell zu entwerfen, welches das grundsätzliche Prinzip des Marktsystems beibehält, das Privateigentum an Produktionsmitteln jedoch aufweicht. Er nennt dieses Modell „Aktienmarksozialismus", eine Marktwirtschaft ohne Kapitalisten. Die Produktionsmittel befinden sich im öffentlichen Eigentum, werden aber von Managern geleitet und nehmen autonom am Marktgeschehen teil. Die von ihnen erwirtschafteten Gewinne fließen in den Staatshaushalt und können benutzt werden, um eine Sozialdividende zu finanzieren.
 
Laut Corneo sind Märkte nach wie vor notwendig, um ein komplexes wirtschaftliches Gefüge, wie wir es haben, aufrechtzuerhalten. Durch den Aktienmarktsozialismus würde man jedoch zugleich das Allgemeinwohl stärken. Um ein solches, neues System einzuführen müssten freilich eine ganze Schar neuer Bestimmungen, Gesetze usw. her, auf die man sich erst einmal einigen müsste. Um altbekannte kapitalistische Mechanismen zu verhindern, wären zudem nach wie vor Maßnahmen nötig, die manche Bereiche, vornehmlich in Kultur, Sozialem und Wissenschaft, vor dem Zugriff kapitalistischen Handelns schützen. Dieses bislang nur gedankliche Experiment erscheint mir sehr reizvoll.
 
Sie behaupten, wir begreifen nicht wirklich, was Geld eigentlich ist, und unser Verhältnis zum Geld sei vom täglichen Überlebensdruck, aber auch von Halbwissen und diffusen Gefühlen geprägt. Wo liegen die großen Missverständnisse und blinden Flecken?
Bei meinen Recherchen zu „Mammon" hat mich der Zusammenhang zwischen Geld und Glaube sehr fasziniert. Nehmen wir zum Beispiel unser heutiges Bargeld: kleine Metallscheiben oder besser noch Papierstücke, auf die jemand eine Zahl geprägt oder gedruckt hat. Nun ist Geld immer nur so viel wert, wie ein anderer bereit ist, mir dafür zu geben. Das heißt im Umkehrschluss, dass ich darauf vertrauen muss, dass dieser andere mir seine Waren oder Dienstleistungen auch wirklich im Tausch für das in sich wertlose Stück Papier heraus gibt. Und der wiederum nimmt das Geld ja auch nur an, weil er darauf vertraut, es wieder loszubekommen. Deshalb ist die Geschichte des Geldes auch schon früh eine Geschichte der Beglaubigungsstrategien.
 
Vertraue ich dem Geld, weil es in sich wertvoll ist (weil es aus Vieh besteht, Grund und Boden oder Gold), weil ein Herrscher mich dazu zwingt oder weil es tatsächlich direkt mit dem Glauben (in einem religiösen Sinne) verknüpft ist? Im antiken Griechenland wurde bei Opferritualen das Fleisch an kleinen Spießen gebraten. Durch das Ritual wurden die Spieße quasi mit Wert aufgeladen und wurden anschließend als Geld verwendet. So einen Spieß nannte man auf Altgriechisch „obolós" – das Wort kennen wir noch heute. Später, als Münzen geprägt wurden, hat man das Wort für eine kleine Münzeinheit übernommen – sechs Obolen ergaben eine Drachme.
 
Heute, in unserem Alltag, spüren wir die Abstraktheit des Geldes gar nicht mehr. Oder wir ignorieren sie einfach. Wir nehmen das Geld als funktionstüchtiges Zahlungs-, Tausch- und Wertaufbewahrungsmittel einfach hin. Dabei spielen sich im Hintergrund gigantische Bewegungen ab, die ganz konkrete Auswirkungen auf den Wert des Geldes haben. Schauen wir uns die globalisierte Wirtschaft an oder die Computerisierung der Finanzmärkte. Durch den Wettbewerb im Hochfrequenzhandel beispielsweise sind die Margen so gering geworden, dass erhebliche Summen gehandelt werden müssen, um überhaupt Gewinne zu erzielen. Wenn da etwas schiefläuft, steht gleich richtig viel auf dem Spiel.
 
Zusammengefasst könnte man daher sagen, dass es nicht einen punktuellen blinden Flecken gibt, sondern ein breites Manko darin besteht, dass die komplexen Strukturen im Hintergrund für den Otto Normal-Geldnutzer schwer zu durchschauen sind, oder aber auch darin, dass er sich einfach nicht genügend dafür interessiert...
 
Letzte Frage: Wie würden Sie unser Geld- und Wirtschaftssystem verändern? Wo sehen Sie bereits erfolgversprechende Modelle?
Für meinen Film habe ich keine großen Testballons unter die Lupe genommen, wo etwas radikal Neues auf breiter Ebene in die Tat umgesetzt worden wäre – falls es solche Testballons überhaupt gibt. Die theoretischen Überlegungen Giacomo Corneos habe ich ja bereits angesprochen. Zudem habe ich mir die kleineren Versuche angesehen, der krisenhaften Situation Herr zu werden. Da wären zum Beispiel die Alternativ-, Komplementär- und Sozial-Währungen. Sie sind in vielen Regionen der Welt aufgetaucht, wo Menschen wirtschaftlich gelähmt und in ihrem Leben stark beeinträchtigt waren, weil sie kein Geld hatten und auch keine Aussichten, bald an welches zu kommen. Natürlich sind diese Systeme keine Langzeitlösungen, doch sie führen dazu, dass in diesen strukturschwachen Regionen ein neuer kleiner Wohlstand generiert und auch in der Region gehalten wird, statt ihn nach außen abfließen zu lassen. Das Wichtigste scheint mir bei diesen Initiativen jedoch, dass hier dem normalen Geldnutzer wieder ganz klar wird, dass das Geld kein Selbstzweck ist, sondern ein nützliches Werkzeug sein sollte, auf das sich eine Gemeinschaft einigt. Und wenn es nicht funktioniert oder nur im Interesse einiger weniger, muss man sich eben auf ein neues Werkzeug einigen.
 
Philipp Enders wurde 1980 in Stuttgart geboren. Vor seinem Filmstudium absolvierte er eine Ausbildung zum Mediengestalter in Freiburg. Von 2003 bis 2009 studierte er Film an der KHM in Köln und ging 2006 mit einem Stipendium an die Filmhochschule Kuba. 2010 gründete er gemeinsam mit Kollegen die Produktionsfirma „Gegenschuss", die durch das Medien-Gründerzentrum NRW gefördert wurde. Für das Jahr 2016 wurde Philipp Enders als Literaturstipendiat für das "Atelier Galata" in Istanbul ausgewählt.

Lifestyle | Geld & Investment, 01.10.2015
Dieser Artikel ist in forum Nachhaltig Wirtschaften 04/2015 - Ertrinken wir in Plastik? erschienen.
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