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Neue PISA-Ergebnisse

Sozialer Hintergrund noch immer ausschlaggebend für Bildungserfolg

Wie die heute veröffentlichten PISA-Ergebnisse zeigen, befinden sich deutsche Schülerinnen und Schüler in den drei Erhebungsfeldern Naturwissenschaften, Mathematik und Lesen über dem OECD-Durchschnitt. Doch Ulf Matysiak, Geschäftsführer der gemeinnützigen Bildungsinitiative Teach First Deutschland, warnt vor voreiliger Zufriedenheit – denn Deutschland weist nach wie vor starken Nachholbedarf in der Entkopplung der Bildungschancen vom sozialen Status des Elternhauses auf.

Deutschland weist nach wie vor einen starken Nachholbedarf in der Entkopplung der Bildungschancen vom sozialen Status des Elternhauses auf. Graphik: pixabay.com„Wie lange beschäftigen wir uns in Deutschland schon mit dem Thema der ungerecht verteilten Bildungschancen?", fragt Matysiak. Die erste PISA-Studie aus dem Jahr 2001, beruhend auf den Daten des vorangegangenen Jahres, löste den sogenannten PISA-Schock aus. „Wir beschäftigen uns natürlich schon länger als seit diesem Zeitpunkt mit den Problemen, deren Ausmaß PISA eindrücklich aufgezeigt hat." Der Geschäftsführer der Bildungsinitiative bezeichnet es unter diesen Umständen als voreilig, sich mit dem zufriedenzustellen, was in den letzten fünfzehn Jahren erreicht wurde.

Der sozioökonomische Hintergrund des Elternhauses bestimmt in Deutschland nach wie vor den Bildungserfolg von Kindern und Jugendlichen. „Wir verlieren 15 bis 20 % der Kinder eines jeden Jahrgangs, die keine erfolgreiche Bildungskarriere absolvieren können", stellt Matysiak fest. Die aktuellen PISA-Ergebnisse bestätigen dies: Der sozioökonomische Hintergrund ist verantwortlich für einen Anteil von 16 % der Varianz in den Schülerleistungen – der OECD-Durchschnitt liegt bei 13 % (OECD PISA-Ergebnisse, 06.12.16). Auch wenn es eine minimale Verbesserung von vier Prozent gab – „Sich damit zufriedenzustellen, dass wir in Deutschland im Mittel davon ausgehen müssen, dass Kinder aus sozioökonomisch schlechter gestellten Verhältnissen ein Jahr hinter ihren Mitschülern liegen, ist geradezu zynisch."

Die Problemfelder sind laut Matysiak miteinander verbundene Ausprägungen eines Bildungssystems, das „nicht so leistungsfähig ist, wie wir es uns vorstellen – und dabei rennt uns die Zeit davon. Wir können keine weiteren zehn oder fünfzehn Jahre ins Land ziehen lassen, ohne dass sich daran sichtbar etwas ändert. Deutschland, ein ressourcenreiches Land, welches gleichzeitig stark auf Bildung angewiesen ist, kann sich einen so langsamen Prozess nicht leisten.
Zwischen 17 und 20% gehören konstant zur sogenannten Risikogruppe. Das bedeutet laut PISA, dass diese Kinder und Jugendlichen wahrscheinlich keine Ausbildung abschließen werden, da sie schlichtweg nicht auf den Ausbildungsmarkt vorbereitet sind. „Wir müssen uns fragen: Welche Bildungswege werden diese Menschen noch gehen? Was heißt es für die Gesellschaft, wenn 20% eines jeden Jahrgangs nicht in der Lage sind, eine Ausbildung zu absolvieren? Welches Bildungsversprechen machen wir diesen jungen Menschen?" Matysiak empfiehlt, genauer hinzusehen, was in anderen Ländern möglich gemacht wurde. Estland beispielsweise habe ein eher unterdurchschnittliches Schulsystem durch kontinuierliche Arbeit zu einem der leistungsfähigsten in Europa gemacht. Er schließt aus solchen Ergebnissen: Man kann zwar kein Bildungssystem eines anderen Landes kopieren, aber es bietet sich an zu überlegen, welche Leistungsmerkmale dieses Systems als sinnvolle Ziele für Deutschland dienen können. Dazu zählen beispielsweise die Attraktivität des Lehrerberufs oder ähnlich hohe Qualität von Schulen über diverse Stadtteile hinweg.

Das PISA-Ranking sollte daher als Quelle für eine Orientierung genutzt, statt als Wettbewerb gesehen zu werden: Von welchen Ländern kann Deutschland lernen? Warum sind die Ergebnisse bei Mädchen und Jungen in anderen Ländern einander ähnlicher als in Deutschland? „Wenn wir dieses Potenzial der PISA-Ergebnisse nicht für eine solche Orientierung nutzen, kann sich das deutsche Bildungssystem schlichtweg kein lernendes System nennen. Die ungleich verteilten Bildungschancen sind ein komplexes Problem, welches komplexere Antworten braucht. Leistungsmerkmale erfolgreicher Bildungssysteme zu identifizieren ist ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung."

Die häufige Kritik an PISA und damit verbundene Aufforderung zur Abschaffung der Studie bezeichnet Matysiak als „beängstigenden Trend". Es ginge nicht darum, besser zu sein als andere. „Für Schüler ist es egal, auf welchem Platz wir im Ranking der OECD sind. Aber für sie ist es nicht egal, ob wir von Bildungssystemen lernen, die Dinge verändert haben und damit offensichtlich Erfolge erzielt haben." Dieses Potenzial nicht nutzen zu wollen, statt lernbereit und neugierig zu sein, bezeichnet Matysiak schlichtweg als fatal.

Die aktuellen PISA-Ergebnisse geben in Teilen Anlass zu Optimismus und Hoffnung für die nächsten Jahre – doch von einer Entwarnung sind wir noch weit entfernt. „Unser Problem ist nicht der Durchschnitt. Unser Problem ist die Bevölkerungsgruppe, die aus der Schule herausgeht und nicht ausreichend lesen kann, um eine Ausbildung beginnen zu können. Lassen wir es zu, dass 20 % Kinder und Jugendliche unser Bildungssystem verlassen, ohne ausreichend lesen und schreiben zu können, schließen wir de facto ein Fünftel der heranwachsenden Generation systematisch von echter gesellschaftlicher Teilhabe aus. Es muss daher das Ziel aller Akteure sein, die Probleme der ungerecht verteilten Bildungschancen sowie der zu hohen Anzahl an Schülerinnen und Schüler, die keinen erfolgreichen Bildungsweg beschreiten können, anzugehen. „Ein Land wie Deutschland, mit den zur Verfügung stehenden Ressourcen, kann und darf sich nicht damit zufrieden geben, unterhalb des OECD-Durchschnitts zu liegen.

Teach First Deutschland ist eine spendenfinanzierte Initiative für mehr Chancengerechtigkeit im Bildungssektor. Sie setzt sich für mehr Chancengerechtigkeit in Deutschland ein, indem sie Hochschulabsolventinnen und -absolventen aller Fachrichtungen an Schulen in sozial schwierigen Umfeldern entsendet, an denen sie als sogenannten Fellows für zwei Jahre in Vollzeit arbeiten. Fellows fördern Kinder und Jugendliche in besonderer Weise und stärkenorientiert. Die Kinder erfahren Lernfortschritte, die ihnen wiederum Vertrauen in ihre eigene Leistungsfähigkeit geben. Auf der anderen Seite ziehen auch die Fellows Wichtiges aus ihrer Zeit mit den Kindern an der Schule: Sie bauen Projektmanagement- und Führungskompetenzen für ihren späteren Berufsweg aus, lernen das Arbeiten in herausfordernden Umfeldern kennen und tragen zu einer wichtigen Thematik entscheidend bei: Dem Wohl der Kinder. Fellows bauen zudem ein eigenes Netzwerk aus Fellows, Alumni und Förderpartnern auf, das ihnen auch in ihrem späteren Berufsweg Möglichkeiten eröffnet. Nach dem Schuleinsatz setzen sich die Alumni als Bildungsbotschafter aus ihren verschiedenen Positionen in Bildungswesen, Wirtschaft, Politik, Verwaltung und Medien für mehr Bildungsgerechtigkeit ein. Das Programm startete 2009 und läuft derzeit an Schulen in Baden-Württemberg, Berlin, Hamburg, Hessen und Nordrhein-Westfalen.

Kontakt: Leonie Birkholz, Teach First Deutschland gemeinnützige GmbH
leonie.birkholz@teachfirst.de | www.teachfirst.de 


Gesellschaft | Bildung, 06.12.2016

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