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Das Hotel der Zukunft

Mehr als ein Dach über dem Kopf

Das Konzept der Hotellerie war in der letzten Dekade von der Unterhaltung des Gastes geprägt. Nun, da wir als Gäste über-unterhalten und über-touristiziert sind, erreichen wir eine neue Bedürfnisebene: Berührung, wahre Begegnung, Sinn. Damit wird Hotellerie zur „Art of Hosting". Das Österreichische Zukunftsinstitut skizziert das „Hotel der Zukunft".
Room with a view – das französiche Bubble-Hotel AttrapReves stellt seine Zimmer einfach irgendwo in der Natur ab. Doch ist das die Zukunft? Experten sagen: nein, denn zur 'Art of hosting' gehört der Mensche als verbindendes Element
Seit Jahrhunderten gibt es Beherbergung als unternehmerisches Konzept: Man bietet ein temporäres Dach über dem Kopf und erhält dafür einen Gegenwert – mal Geld, mal Ruhm, mal Naturalien. Doch die Weltbevölkerung ist gestiegen und sie ist mehr denn je unterwegs – also muss die Idee weiterentwickelt werden. Die Basis bleibt: Menschen brauchen, wenn sie an einem Ort jenseits ihres Zuhauses sind, eine Unterkunft. Doch heute geht es um viel mehr als nur um ein „Dach über dem Kopf". Es geht um 'HomeAwayFromHome'-Konzepte: um temporäre Heimaten in der Ferne, für die ein rentabler Gegenwert verlangt werden kann. Und es geht um einen neuen Umgang mit dem Thema „Reisen", denn auf der ökonomischen Autobahn „Tourismus" werden auch künftig abertausende Menschen unterwegs sein, aber sie sollen dabei keine merklichen Spuren hinterlassen. Doch kann man reisen, erleben, genießen, ohne dabei den gefürchteten „ökologischen Fußabdruck" zu erzeugen? Nein!

Bedeutet das also einen Wendepunkt für das Phänomen „Tourismus"? Und wie lange können wir noch davon ausgehen, dass Besucher kommen, um sich Kirchen anzusehen, Berge zu besteigen und unsere Gastfreundschaft zu genießen... und das, ohne der Umwelt weiteren Schaden zuzufügen?

Sind wir bald bedeutungslos?
Um all diese Fragen beantworten zu können, muss man die globale Entwicklung näher betrachten. In der Weltgesellschaft ist „der Westen" bald die Minderheit. Heute leben (aufgerundet) eine Milliarde Menschen in Europa und Russland, eine Milliarde in Amerika (Nord und Süd), eine in Afrika und vier Milliarden in Asien. 2050 werden nur mehr zehn Prozent der Weltbevölkerung im Westen (Nordamerika und Europa) leben, in Asien aber sechs Milliarden Menschen und in Afrika vier Milliarden. Das verschiebt die Dimensionen des Reisens, und andere Formen des Erlebens von „Anderswelten", zum Beispiel durch „Dabeisein" via Social-Media-Kanäle, müssen – schon aus finanziellen und ökologischen Gründen – Ersatz bieten.

Kommen heute circa 50 Prozent der Menschen, die sich eine Reise im Jahr leisten, aus den als „westlich" bezeichneten Erdteilen, so werden 2035 schon knapp 75 Prozent aus „anderen" Regionen stammen. Man könnte anführen, dies sei geradezu perfekt, um den Tourismus, wie wir ihn heute kennen, fortzuschreiben. Aber welche Auswirkung hat diese Entwicklung auf Europa, auf Österreich, und schließlich auf uns selbst, wenn plötzlich viel mehr Afrikaner, Chinesen, Inder, Pakistani und so weiter unsere touristischen Angebote nutzen? Wenn sie alle ein „HomeAwayFromHome" suchen und wir uns plötzlich auf ganz andere Bedürfnisse einstellen müssen? Das fordert einen neuen Geist, bevor wir über derart Konkretes wie touristische Konzepte sprechen können.

Die Luft wird dünn – Umdenken mit Ausblick
Die Realitäten des Wandels sind schon jetzt sichtbar und spürbar, aber die operativen Alltagsprobleme verdrängen den strategischen Blick in die Zukunft; zum Beispiel die berühmte Frage nach dem richtigen Personal, das nie zu finden ist. Der Weitblick ist verstellt vom Jetzt, das uns sorgt. Und im Moment zumindest halten die Dämme ja noch: Alles ist gut und nach wie vor auf Wachstum programmiert. Doch, wer das Fenster in die Zukunft öffnet, sollte den Blick weit schweifen lassen und sich vom Geruch aus der Küche nicht nur zum Denken an die nächste Mahlzeit verführen lassen. Was uns wieder auf den Ursprung der Überlegungen zurückführt: Wie muss das Hotel der Zukunft beschaffen sein?

Wie wir bereits erkennen können, wird die Entwicklung des Reisens nicht geradlinig verlaufen, große Brüche sind vorherzusehen. Damit empfiehlt sich jedem Hotelbetreiber, sein Tun und sich selbst im Spiegel des Wandels zu hinterfragen. Als Ausgangspunkt dafür haben wir die Beherbergung ins Spiel gebracht. Das Konzept hat sich weiterentwickelt und damit auch die Convenience-Erfahrungen der Gastgeber, die peu á peu von ihren Gästen als Benchmark übernommen worden sind. Wenn wir heute von „Basic-Hotellerie" sprechen, ist dieses Basisangebot bereits so gewaltig groß, dass die damit verbundenen Dienstleistungen eigentlich im Bereich der Höchstleistung anzusiedeln sind. Mit schlicht einem Bett und einem Dach über dem Kopf ist niemand mehr zufrieden. Gleichzeitig nimmt die individuelle Fähigkeit des sich erinnern aufgrund der immer schnelleren Abfolge beeindruckender Erlebnisse im Leben eines Menschen der Gegenwart ab, womit der „Haufen an Komfort" in einer kurzfristigen Unterkunft zu keinem bleibenden Eindruck im Gehirn des Gastes mehr führt. Parallel dazu macht sich eine neue, intensive Sehnsucht nach Begegnung und Berührung bemerkbar. Nicht die touristisch inszenierte, sondern die schlichte Begegnung zwischen Menschen. Die Berührung durch Momente des Außer-sich- oder Bei-sich-Seins. Die echte Gelassenheit.

Begegnung in entspanntem Rahmen – sieht so das Erfolgsgeheimnis des Tourismus der Zukunft aus? In führenden Hotels gehören „Kuschelmuscheln

Das Hotel als Ort der Begegnung
Für Hotels bedeutet dies, sich nicht noch mehr zum Alle-Welt-Entertainer auszugestalten, sondern sich auf die nächste Ebene zu begeben und die neu definierten Grundbedingungen zu bedienen, ohne sich zu verdrehen. Die Dienstleistung der Beherbergung rückt wieder ins Zentrum der Aufmerksamkeit und die Unterhaltung verschwindet an den Rand. Die Nacht, das Schlafen und die echten Begegnungen mit Menschen stehen im Fokus, das „Wellnessen" wird zum Nebeneffekt. Deswegen sollten sich Hoteliers mehr denn je fragen: Warum? Warum ist es mir wichtig, Gastgeber zu sein, und was bedeutet dieses Wort überhaupt für mich? Warum will ich wirklich, dass Menschen hier sind? Und warum sollte überhaupt irgendjemand hierherkommen?
Dieses Rollenbild vor allem ist es –, und das Bedürfnis des Reisenden nach „echten Begegnungen" –, die den Ausschlag geben werden, ob ein Gast mit seinem „HomeAwayFromHome" zufrieden sein wird…

Selbst wenn alle touristischen Industrien zum Erliegen kommen – es wird immer Menschen geben, die oft unterwegs sind und in Hotels wohnen wollen. Hotels sind vitale Orte einer Zukunftsgesellschaft, für viele gehören sie schon jetzt zum Alltagsleben. Sie wollen daher oft Orte der Nicht-Sensation sein, was das Konzept der „Beherbergung" wieder etwas einfacher und offener macht, weil sich Hotels um den Menschen und seine speziellen Bedürfnisse „herumorganisieren" können. Zu beobachten ist auch, wie jetzt bei vielen Gelegenheiten der Begriff „Gastgeber" in einem neuen Kontext benutzt wird, um die zentrale Dienstleistung des „Sichbegegnens" gesellschaftlich zu etablieren. Selbst in den Beraterbranchen, wo Gastlichkeit normalerweise keine vordergründige Rolle spielt, spricht man immer häufiger von der Technik der „Art of Hosting". Also der Kunst des Gastgebens. Und diese wiederum führt zum empathischen Hotel als nächste Entwicklungsstufe im Rahmen des Konzeptes „Tourismus und Beherbergung".

Das „Gastgeben" als Kunst zu bezeichnen, wird vielen Hoteliers heute noch zu weit gehen. Und gleichzeitig ist es genau dies, was in Kombination mit dem richtigen Ort einem künftigen Tourismus zur Blüte verhelfen kann. Orte sind die Grundlage für das „Hosting", die Kunst kommt durch den Menschen. Im „Art of Hosting" liegt die Zukunft und ist gleichzeitig Auftrag an die Hoteliers. Wie will ich die Kunst des Gastgebens ausleben und was ist das Besondere an meiner persönlichen Gastgeberrolle? Was sind die Mechanismen, die ich an mein Team übertragen kann? Wie und auf welchen Kanälen kommuniziere ich mit meinen potenziellen Gästen – analog wie digital? Und wie erlebt der Gast diese Kunst, die letztlich zu einer Berührung, einer Begegnung führen soll? Diese menschliche Berührung ist es, welche das stabilisierende Element kommender Jahre sein wird. Jenseits der Motive des Reisens, jenseits von touristischen Erfolgen, jenseits von kulturellen Hintergründen der Reisenden... es ist die Berührung, um die es in der „Art" des „Hostings" geht.

www.zukunftsinstitut.at

Harry Gatterer ist Trendforscher, Geschäftsführer des Zukunftsinstituts und Experte für „New Living". Seine Domäne: Die Zukunft von Leben und Arbeit, neue Lebensstile und ihre Wirkung auf Gesellschaft, Unternehmen, Konsum und Freizeit. In plastischen Bildern gelingt es ihm, praktisches Wissen und Prognosen zu verbinden und seinem Publikum in Büchern und bei Vorträgen nahezubringen.

Was kommt danach?
Kommentar von Siegfried Egger, Obmann des Österreichischen Fachverbandes Hotellerie, zum Hotel der Zukunft.

Globalisierung. Digitalisierung. De-Touristification. Alles Schlagworte, die auf Hoteliers und deren Gäste hereinprasseln. Die Fakten sind nüchtern, die Emotionen gehen hoch. Unter De-Touristifi­cation versteht das Zukunftsinstitut ein Phänomen, bei dem im Resultat die Reisenden als Reisende wahrgenommen werden wollen und nicht als Touristen. Worin aber liegt der Unterschied? Touristen sind nicht nur woanders, sie verhalten sich dort auch anders als in ihrer gewohnten Umgebung. Aber was wollen Reisende, die keine Touristen mehr sein möchten? Sind sie Symptomträger von Globalisierung und Digitalisierung? Oder deren Flüchtlinge?

Vielleicht wollen sie nur ein Haus, das Menschen – auf der Suche nach dem Sinn des Lebens –, die über die Umwege der Globalisierung und Digitalisierung unter sein Dach geführt worden sind, ein Gefühl von Ankommen gibt. Der Begriff „Art of Hosting" enthält den unmissverständlichen Anspruch, dass der Gast wieder als Mensch und nicht nur als Kunde im Mittelpunkt des Geschehens stehen muss. Und dazu braucht es einen umsichtigen und einfühlsamen Gastgeber, den Hotelier.


Lifestyle | Sport & Freizeit, Reisen, 01.11.2016
Dieser Artikel ist in forum Nachhaltig Wirtschaften 04/2016 - Klima, Krieg und gute Taten erschienen.
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