Digitalisierung: Profite für Konzerne statt Hilfe für Kleinbauern

"Jahrbuch zum Recht auf Nahrung" untersucht die Auswirkungen der Digitalisierung auf die Kontrolle über natürliche Ressourcen

Die Digitalisierung der Landwirtschaft ist kein wirksames Rezept gegen den Hunger, sondern könnte Kleinbauern noch weiter ins Abseits drängen. Davor warnen das evangelische Hilfswerk Brot für die Welt und die Menschenrechtsorganisation FIAN anlässlich der Veröffentlichung des „Jahrbuch zum Recht auf Nahrung". Die diesjährige Ausgabe untersucht, welche Folgen es haben könnte, wenn Finanzmärkte und Agrarkonzerne sich mithilfe der Digitalisierung zunehmend die Kontrolle über Ressourcen wie Boden, Wasser und Saatgut aneignen.
 
Die Digitalisierung der Landwirtschaft ist ein wirksames Rezept gegen den Hunger. © Herney, pixabay.comDie Digitalisierung der Landwirtschaft ist ein wirksames Rezept gegen den Hunger. © Herney, pixabay.com
„Es besteht die Gefahr, dass die Digitalisierung die Umwandlung öffentlicher Güter wie etwa die Wasserversorgung in international handelbare Waren vorantreibt. Davon haben die Ärmsten der Armen gar nichts, im Gegenteil, ihre Lage würde sich verschlimmern", erklärt Bernhard Walter, Landwirtschaftsexperte von Brot für die Welt. Zudem fehle armen Bauern das Kapital, um die Vorteile der Digitalisierung nutzen zu können. In Äthiopien etwa seien Bauern durch Wetter-Apps in Schuldenfallen geraten, sagte Walter.
 
Das Jahrbuch beschreibt, dass dieselben Akteure, die einst die „Grüne Revolution" mit ihrem Einsatz von Hochertragssorten, Kunstdünger und Pestiziden propagierten und finanzierten, teils selbst das Scheitern des agroindustriellen Systems einräumen. Nun warten sie mit einer neuen „Lösung" auf, der „vierten industriellen Revolution". Konzerne sammeln in großem Umfang Daten über Wetter, Böden und Pflanzenwachstum, die sie auswerten und verkaufen. Dünger, Wasser und Pestizide sollen dank neuer Technologien exakter dosiert werden.
 
In ihrem Artikel „Lasst sie doch Daten essen" beschäftigen sich Trudi Zundel und Silvia Ribeiro von der Nichtregierungsorganisation ETC Group mit den Konsequenzen von „Precision Farming" für Kleinbauern. „Agrarkonzerne und Hersteller von Landmaschinen investieren kräftig in Präzisionslandwirtschaft, eine von extremer Mechanisierung geprägte Vision in der Agrarproduktion, die durch das Zusammenspiel leistungsstarker neuer digitaler Technologien und der algorithmischen Verarbeitung von Big Data ermöglicht wird", schreiben sie in der Einleitung zum Artikel. „Während derzeit Fusionen von Agrarkonzernen im Mittelpunkt stehen, die Inputs produzieren, rückt der Punkt näher, an dem Hersteller von Maschinen und Datenplattformen die Zukunft der industriellen Landwirtschaft bestimmen werden."
 
Dabei könnten Landwirte das Nachsehen haben, warnen die Autorinnen: „Konzernen wie Deere & Co. oder Monsanto noch mehr Macht einzuräumen ist ein Schritt weg von Ernährungssouveränität, denn es verringert die Wahlmöglichkeit von Bauern, erhöht die Preise für Inputs und schränkt Landwirte darin ein, ihre eigenen Maschinen zu reparieren und warten." Zwar waren bisher großflächig wirtschaftende Landwirte im Norden das Zielpublikum für Präzisionslandwirtschaft, doch nun rücken auch Kleinbauern im globalen Süden ins Fadenkreuz. Die Bill & Melinda Gates Stiftung zum Beispiel untersuche aktiv das Potenzial der Präzisionslandwirtschaft, um Big-Data-getriebene Landwirtschaftsmodelle auf kleinen Höfen zu mechanisieren und zu integrieren. Durch neue Tools und Techniken werden marginale Flächen, auf denen heute Kleinbauernfamilien Lebensmittel produzieren, plötzlich interessant für Agrarkonzerne.
 
„Wenn sich die Geschichte wiederholt, könnten Technologien der Präzisionslandwirtschaft in den Händen des Agribusiness als neues Instrumente des Land Grabbing dienen", befürchten Zundel und Ribeiro. Eine weitere Folge ist der Verlust von Arbeitsplätzen in der Landwirtschaft: „Die Vision der Präzisionslandwirtschaft ist eine Farm ohne Menschen, die durch Apps verwaltet wird, wofür die Manager nicht einmal physisch vor Ort sein müssen. Die Verlierer hierbei werden Kleinbauern und die 50 Millionen Landarbeiter sein, die in der industriellen Landwirtschaft beschäftigt sind und deren Arbeitsplätze auf dem Spiel stehen."
 
Diese Befürchtungen teilt auch Philipp Mimkes, Geschäftsführer von FIAN Deutschland: „Für die Mehrzahl der bäuerlichen Betriebe bietet die Digitalisierung keine Lösungen an, sondern verschärft noch die Probleme." Denn sie vertiefe die Spaltung zwischen armen Bauerngruppen und kapitalkräftigen Agrarunternehmen weiter und werde die Konkurrenz um Land, Wasser und Saatgut weltweit noch verschärfen. „Wichtige Gründe für die hohen Hungerzahlen - die Diskriminierung von Frauen und ländlicher Bevölkerung, Landgrabbing und die erzwungene Öffnung der Agrarmärkte in Entwicklungsländern - lassen sich nicht technisch lösen", so Mimkes.
 
Das zeige sich beispielsweise in Südamerika, wo die Hungerzahlen seit 2012 wieder steigen. Gleichzeitig produziert die dortige hochtechnisierte Agrarindustrie statt den Hunger vor Ort zu bekämpfen immer gewaltigere Mengen, die jedoch überwiegend exportiert werden - 2016 alleine 70 Millionen Tonnen Getreide und 120 Millionen Tonnen Soja. Der armen Landbevölkerung hilft dies nicht - in den letzten fünf Jahren waren in Lateinamerika 2,2 Millionen Menschen zusätzlich von schwerem Hunger betroffen.
 
Weitere Informationen:
Kontakt: Zukunftsstiftung Landwirtschaft | info@weltagrarbericht.de | www.weltagrarbericht.de

Technik | Digitalisierung, 17.10.2018

     
        
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