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Einladung zur Diskussion: Das Vermächtnis von Karl Marx

Komplizierte Gedanken mit fatalen Folgen

Ein Kommentar von Alrun Vogt zum 200. Geburtsjahr des einflussreichen Denkers, verbunden mit der Einladung zur kontroversen Diskussion.
 
Wir laden Sie herzlich dazu ein, diesen Kommentar kritisch zu diskutieren. Insbesondere möchten wir Sie dazu ermutigen, die Relevanz der Aussagen von Karl Marx für unser jetziges Zeitalter zu überprüfen. Auch jetzt sehen wir disruptiven Veränderungen der Arbeitswelt entgegen, und Ökonomie, Kapital und Ökologie stehen in einem neuen Kräfteverhältnis zueinander. Wir freuen uns auf Ihre Zuschriften und Ihre Meinung dazu, was Marx uns im 21. Jahrhundert an Inspirationen liefern kann. 
Bis zu 100 Millionen Tote werden den politischen Systemen zugeschrieben, die sich an den Theorien von Karl Marx orientierten. Immer noch weit verbreitet ist dabei die Meinung, dass die grausamen kommunistischen Revolutionen mit den Marxschen Theorien überhaupt nichts zu tun gehabt hätten, das heißt, dass diese Theorien eigentlich recht hätten und nur die Führer von Lenin bis Mao Tse-tung sie falsch interpretiert hätten. Bei genauerer Betrachtung jedoch erweisen sich die Gedanken von Marx als verworren, oft widersprüchlich und im Großen und Ganzen als unhaltbar. 

Karl Marx brachte fast sein ganzes Leben in Verborgenheit und furchtbarem Elend zu. Zehn Stunden am Tag und dann noch einmal mehrere Stunden nachts bis zwei, drei Uhr vertiefte er sich in Bücher, wenn seine Arbeit nicht gerade durch Geldnot, Pfändungen oder Krankheiten unterbrochen wurde. Dabei entwickelte er die kompliziertesten Gedanken, die in ihrer schriftlichen Ausführung selbst geübten Lesern außerordentliche Anstrengung zumuten. Wie ist es zu erklären, dass merkwürdigerweise gerade diese verwickelten Gedanken jahrzehntelang mit ungeheurer Gewalt die politischen Veränderungen durchdrungen und bestimmt haben? Werfen wir einen etwas näheren Blick auf diese Theorien, welche die Kraft hatten, eine solche Wirkung zu entfalten.

Eine Absage an die Freiheit
Kann uns der große Denker Karl Marx in seinem 200. Geburtsjahr Inspirationen für die globalen Herausforderungen unserer Zeit geben? Welche neuen Rahmenbedingungen schaffen Digitalisierung und Robotik in Analogie zur industriellen Revolution? Schreiben Sie Ihre Meinung. © Hermann, pixabay.com
Aus toter Materie habe sich das Leben aus sich selbst heraus entwickelt, so glaubte es Charles Darwin. Die Entwicklung der Materie findet ihm zufolge allein durch Anpassung statt: Die Natur scheidet alles aus, was nicht anpassungsfähig ist und sich im Kampf ums Dasein als untauglich erweist. Marx übernahm die Theorie. Doch während Darwin mit seiner Evolutionstheorie noch bei einer Beschreibung der biologischen Prozesse blieb, wendet Marx die materialistische Sichtweise konsequent auch auf die Geschichte und Sozialwissenschaft an. Daraus entstand sein sogenannter historischer Materialismus, nach dessen Auffassung die gesamte gesellschaftliche Entwicklung in der Geschichte einer notwendigen Gesetzmäßigkeit unterliege.

Eine solche Gesetzmäßigkeit ist nach Marx, dass die menschlichen Gesellschaftsformen im Laufe der Geschichte bestimmte Zustände durchlaufen. Von der Urgesellschaft, über die Sklavenhalter- und Feudalgesellschaft bis hin zum Kapitalismus – die Ökonomie habe die Menschen zu immer neuen Klassenkämpfen veranlasst, die in immer neuen Gesellschaftsordnungen mündeten. Der Kommunismus mit der klassenlosen Gesellschaft sei der natürliche Endzustand dieser Entwicklung.

Bereits die These, dass die Geschichte eine reine Geschichte der Klassenkämpfe sei, ist historisch nicht haltbar. Darüber hinaus ist es ganz generell problematisch, dass Marx gerade ein Gebiet, in dem es um das Erfassen lebendiger Vorgänge geht, mit reflexartigen Naturgesetzen wie eine materielle Mechanik erklären will. Mit diesem Denken negiert er die Gestaltbarkeit der gesellschaftlichen Ordnung durch den Menschen. Alles unterliegt einer Gesetzmäßigkeit. Der Mensch kann diese Entwicklung nur reflektieren und sich ihr anpassen. In einem solchen System hat die Freiheit und somit die Würde des Menschen keinen Platz. Marx sagte selber, man könne den einzelnen, etwa den Ausbeuter, nicht verantwortlich machen für Verhältnisse, deren soziales Geschöpf er nur sei – er ist kein Wesen, dass frei agiert, sondern nur re-agiert. Welch ein Widerspruch, wenn er dennoch dem Proletariat die Aufgabe stellt, die gesellschaftlichen Zustände zu verändern und damit Verantwortung für die Entwicklung zu übernehmen!

Der Kommunismus: Ein widersprüchliches Zwangssystem
Alles in allem liefert Marx mit seinem historischen Materialismus keine einzige logisch haltbare Begründung seiner Thesen. Entsprechend problematisch ist dann auch sein politisches System, das er darauf aufbaut. Der Mensch muss sich im Kommunismus der Gesellschaft unterwerfen und damit einem Absoluten außerhalb seiner selbst. Dass die Menschen in einem solchen System glücklich würden, ist zweifelhaft. Denn die Arbeiter müssen auf dem Weg zur klassenlosen Gesellschaft aus ihren vorherigen Verhältnissen „befreit" werden und in Zwangsverhältnisse gepresst werden. Niemand darf mehr Privatbesitz haben, niemand darf aus eigenem Antrieb unternehmerisch tätig sein und niemand darf sich mehr mit seinem Lohn auf einem freien Markt dasjenige kaufen, was er dafür haben will. Das bedeutet Vergesellschaftung der Produktionsmittel, Organisation der Arbeit von oben – Marx sprach offen von einem Arbeitszwang –  und Güterzuteilung nach Plan. Beim Kommunismus handelt es sich also um ein Zwangssystem.

Bei einer halbwegs gerechten Verteilung der Güter hätten die Arbeiter in diesem System zwar freilich weitaus mehr zum Leben als vor der Umverteilung – insbesondere in der heutigen Zeit, in der einige wenige Milliardäre mehr besitzen als ganze Nationen. Jedoch ist anzunehmen, dass ein System, das den Menschen keine freie Entfaltung erlaubt und in einem solch hohen Maße in die Privatsphäre eingreift, massiv repressiv vorgehen müsste. Wo eine abstrakte Ideologie über den freien Menschen gestellt wird und durchgesetzt werden muss, ist dann auch Machtmissbrauch vorprogrammiert. Machtmissbrauch ist ebenfalls heutzutage durch die gewaltige Macht des Kapitals Gang und Gäbe, ja unsere Demokratien sind dadurch bedroht. Heute bedroht also eine zu weit gefasste Freiheit (nämlich die Freiheit des Kapitals) die Gleichheit. Im Kommunismus allerdings würde die durch Zwang durchgesetzte Gleichheit die Freiheit bedrohen. Ein System muss Lösungen finden, beide Werte ausgleichend zu vereinen.  

Wenn Marx eine Diktatur des Proletariats fordert, dann bedeutet dies außerdem einen Widerspruch in sich selbst. Eine Diktatur setzt per se jemanden voraus, der beherrscht wird, setzt also mindestens zwei Klassen voraus, von denen das Proletariat in diesem Fall die obere darstellen müsste. Doch wäre dies unsinnig. Sobald die Proletarier nämlich an der Macht sind, wären sie keine Proletarier mehr – schließlich sind sie nur Proletarier, indem sie recht- und machtlos sind. Hinzu kommt, dass die Herrschaft einer Klasse, welche Millionen von Mitglieder hat, gleiche demokratische Rechte dieser Mitglieder voraussetzen würde – es sollen ja alle gleichermaßen herrschen. Und dies würde gerade das Gegenteil von Diktatur bedeuten, nämlich Demokratie, was wiederum nicht mit dem Zwangssystem vereinbar wäre.

Ungenügende ökonomische Analysen
Ungenau und teilweise falsch sind auch viele ökonomischen Analysen von Marx. Da finden sich etwa unklare Definitionen des Begriffs „Kapital", wenn er zum Beispiel einerseits sagt, die Entstehung von Kapital setzt die Warenzirkulation voraus, und andererseits, dass die Warenzirkulation umgekehrt bereits das Kapital voraussetzt. Oder nehmen wir die Marxsche Wertlehre. Der Preis einer Ware beruht demnach alleine auf der notwendigen Arbeitszeit, die zur Herstellung dieses Gutes notwendig war. Der Bedarf als wichtigster Faktor für den Warenwert wird vollkommen außer Acht gelassen.

Marx ist zuzurechnen, dass er bei der Arbeiterschaft ein Bewusstsein für ihre Ausbeutung geschaffen hat, generell ein stärkeres Bewusstsein für die unerträglichen ökonomischen Ungerechtigkeiten. Er beschrieb, wie das akkumuliertes Kapital den Arbeitern als eine fremde, überlegene Macht gegenübertritt und wie dadurch die Arbeiter aber auch die Unternehmer von ökonomischen Verhältnissen beherrscht werden. Gegen diese Beherrschung hat sich Marx vehement ausgesprochen. Seine Kritik an diesen ungerechten Zuständen, die wir auch heute noch –  in neuer, internationaler Form – vorfinden, ist mehr als berechtigt. Und die Tatsache, dass seine Kritik so berechtigt ist, hat wohl dazu geführt, dass es mittlerweile fast schon zum guten Ton der Kapitalismuskritik gehört, Marx gut zu finden. Was dabei meist übersehen wird, ist, dass er die Ursachen der kritisierten Verhältnisse unzureichend erklärt und damit das größte Problem des Kapitalismus nicht erkannt hat. Es ist wahr: Die Arbeiter werden ausgebeutet, indem sie zu schlecht bezahlt werden im Verhältnis zu dem, was ihre Arbeit auf dem Markt einbringt. Aber warum sind denn die Arbeiter überhaupt genötigt, sich auf ein solches Arbeitsverhältnis einzulassen? Was trieb sie in Armut und Elend?

Das Grundproblem ist ein Geldsystem, in dem es möglich ist, Geld durch Geld zu verdienen. Die Geldbesitzer werden dadurch systematisch und sich selbst beschleunigend reicher und reicher. Indem sich das Geld bei einigen wenigen immer mehr ansammelt, fehlt es woanders. Privatleute und der Staat sind dadurch gezwungen, sich das benötigte Geld bei den Geldbesitzern zu leihen, die dadurch noch reicher werden. Langfristig wird durch diesen Prozess das Geld denjenigen Menschen entzogen, die allein von ihrer Arbeitskraft leben und ihrerseits nichts ansparen konnten. Dieses Problem, konkret das Problem des Zinseszinses, übersah Marx. Er betrachtete nur den wirtschaftlichen und nicht den monetären Aspekt, welcher allerdings die Ursache der wirtschaftlichen Symptome darstellt. (Lag es etwa daran, dass Marx fast seine ganze Schaffenszeit in der Kreide stand und seine Geldgeber, auf die er angewiesen war, nicht verärgern wollte?) Entsprechend fand Marx keine Lösungen, wie die Macht des Geldes durch ein anderes Geldsystem gezügelt werden kann.

Ein politisches System, dass Gerechtigkeit einführen will, ohne das Geldsystem selbst zu ändern, läuft immer auf Umverteilung von oben hinaus, was dem Staat sehr viel Macht verleiht. Besser ist es, das Geldsystem so zu gestalten, dass der stetige Geldumlauf gesichert ist und das System somit zu einem gewissen Grad aus sich selbst heraus Wohlstand erzeugt. Modelle dafür gibt es seit vielen Jahren.

Die Wirkung von Marx
Wenden wir uns noch einmal der Frage zu, wie die Marxschen Theorien mit ihren Auswirkungen zusammenhängen. Dass Marx bei den Arbeitern eine solch einschlagende Wirkung erzielen konnte, kann nicht darauf beruht haben, dass seine Theorien von den Arbeitern wirklich verstanden worden wären. Es war mehr der Ruf, den Marx als Wissenschaftler und Sozialist genoss, der ihn zur Leitfigur der Arbeiterbewegung machte. Und es war die Hoffnung, welche die sozialistischen Führer in den Arbeitern erwecken konnte, nämlich dass Marx auf wissenschaftlicher Basis einen Weg gefunden hätte, um ihre missliche Lage zu verbessern.

Ob die sozialistischen Diktatoren selber an die Marxschen Lehren geglaubt haben, oder sie nur als ideologische Werkzeuge zur Erreichung ihrer Ziele benutzt haben, können wir zwar nicht sicher wissen. Eines kann man jedoch sagen, nämlich, dass es ausreicht, Marx ernst zu nehmen, um damit eine Legitimation für Gewalt in der Hand zu haben. Marx sagte deutlich: „Die Gewalt ist der Geburtshelfer jeder alten Gesellschaft, die mit einer neuen schwanger geht." Oder: „Es gibt nur ein Mittel, [...] die blutigen Geburtswehen der neuen Gesellschaft abzukürzen, [...], nur ein Mittel – den revolutionären Terrorismus."

Wahrscheinlich wäre Marx trotz seiner problematischen Ansichten dennoch nicht mit den Grausamkeiten einverstanden gewesen, die in seinem Namen geschahen. Den Millionen von Toten hätte dies allerdings auch nicht geholfen. 

Alrun Vogt studierte Politikwissenschaft, Geschichte und Linguistik mit den Schwerpunkten „Theorien der gerechten Verteilung" und Wirtschaftsgeschichte. Sie arbeitete für die Süddeutsche Zeitung und lehrt zum Thema Geld- und Wirtschaftsordnung. In ihrem Buch „Wirtschaft anders denken" deckt sie auf leicht verständliche Weise die Mechanismen und Hintergründe unseres Geld- und Wirtschaftssystems auf und beschreibt die maßlosen Spekulationen als zwangsläufige Symptome dieses Systems. Sie stellt darüber hinaus praktikable Lösungen vor, wie es umgestaltet werden kann, um Wohlstand für alle zu erzeugen.


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