Mit Leidenschaft
Akzente für die Zukunft setzen
Vor einem Vierteljahrhundert waren Umweltschutz und Nachhaltigkeit für viele eine romantische Spinnerei. Doch es gab Pioniere, die sich schon damals konsequent dafür einsetzten. Sabine Braun ist seit über 30 Jahren Überzeugungstäterin und feiert nun mit ihrem Beratungsunternehmen akzente 25-jähriges Jubiläum.
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25 Jahre akzente. Wie kamen Sie vor 25 Jahren darauf, sich auf das Thema Nachhaltigkeit zu fokussieren?
Der erste UN-Gipfel in Rio 1992, bei dem das Leitbild Nachhaltigkeit verkündet wurde, hat mich begeistert. Das war eine Vision, die ich großartig fand. Zusammen mit den Ansätzen des Umweltcontrollings, die in Deutschland seit Ende der 1980er-Jahre erprobt wurden, wies das einen Weg, den ich mitgestalten wollte.
Hat das auch mit Ihrer Herkunft aus dem Schwarzwald zu tun?
Dass ich auf einem Bauernhof im Nordschwarzwald groß geworden bin, hat damit ganz sicher zu tun: Ich hatte eine Ahnung vom ökologischen Landbau und nach zwei evangelischen Kirchentagen wusste ich auch viel über das Nord-Süd-Gefälle und die globale soziale Gerechtigkeit. Von meinem Vater hatte ich den Drang, selbst zu gestalten. Und Nachhaltigkeit war dann das, wofür ich mich mit aller Kraft und allem Können frisch und überzeugt einsetzen konnte und wollte. Das war ein großes Glück.
Wie waren Ihre ersten Schritte im Thema Nachhaltigkeit?
In Deutschland war Umweltschutz das ganz große Thema. Tschernobyl, Waldsterben, das Sandoz-Unglück: Das hat uns geprägt. Deshalb habe ich auch mit Begeisterung an der zweiten Ausgabe des Alternativen Branchenbuches mitgearbeitet. Das neue Instrument der Ökobilanzierung brachte dann die ökologische und die ökonomische Sichtweise zusammen. Und genau da wollte ich mich positionieren. Unser erster großer Auftrag war der Umweltbericht der BSH Bosch und Siemens Hausgeräte GmbH: Das Unternehmen hatte gerade eine Lösung für den Verzicht auf FCKW und FKW entwickelt – als Antwort auf das Montreal-Protokoll 1988. Wir haben die BSH dann über zwanzig Jahre lang begleitet, bis sie Teil des Bosch-Konzerns wurde.
Themen wie Diversity, Menschenrechte und Antikorruption waren damals noch weit weg.
Welche Firmen waren damals Pioniere?
Die ersten Ökobilanzen wurden von mittelständischen Unternehmen wie Wilkhahn, Kunert, Neumarkter Lammsbräu oder Hofpfisterei erstellt – echte Pioniere, die davon überzeugt waren, dass Umwelt ein wichtiges Kapital ist, das es zu erhalten gilt, und die deshalb den „wirtschaftlichen" Blick darauf ändern wollten. Themen wie Diversity, Menschenrechte und Antikorruption waren damals noch weit weg.
Skandale stärkten den Aspekt der Unternehmensverantwortung und machten das Thema salonfähig.
Was hat sich seitdem verändert?
1995 ging einerseits die ganz große Globalisierungswelle los, andererseits kam es in Deutschland zu einer Rezession, die viele ökologische Blütenträume begraben hat. Wir haben damals erlebt, wie rasch sich „Agenden" ändern können. Als dann 2001 das EU-Grünbuch zu Corporate Social Responsibility kam, stieß es auf eine langsam wieder wachsende Wirtschaft. Skandale wie die von Enron oder Siemens stärkten den Aspekt der Unternehmensverantwortung und machten das Thema salonfähig. Inzwischen ist „Verantwortung" ein Standard für die großen Unternehmen. Und was mich persönlich sehr freut: Seit 2008 hat auch der Begriff Nachhaltigkeit wieder mehr Auftrieb bekommen. Vielen gelten Nachhaltigkeit und CSR, sprich unternehmerische Verantwortung als Synonyme. Das ist okay. Aber Nachhaltigkeit ist mehr. Nicht umsonst tragen die globalen Ziele den Titel „Sustainable Development Goals".

Warum haben Sie sich auf das Thema Reporting spezialisiert?
Wir haben uns 1993 als Beratungsunternehmen auf das Thema Umwelt und Nachhaltigkeit spezialisiert, nicht auf Reporting. Aber Berichterstattung, sprich Transparenz, war das, was zunächst im Vordergrund stand. Unternehmen wollten eine Bestandsaufnahme und Bewertung ihres Engagements. Von Strategie durfte man dabei nicht sprechen, so weit war man noch nicht. Wir sind da einfach sehr journalistisch rangegangen und haben gefragt: Was und wer, wie oft und warum? Und wir haben darauf gedrängt, dass ein guter Bericht Schwerpunkte setzen und Ziele aufzeigen sollte.
Da war der nächste Schritt nur logisch: Strategische Handlungsfelder zu definieren und eine klare Nachhaltigkeitspositionierung für unsere Kunden zu entwickeln. Und seit geraumer Zeit werden wir dafür nun ganz offiziell und verstärkt angefragt. Auch die Kommunikation über Nachhaltigkeitsthemen ist inzwischen ein wichtiger Teil unserer Aktivitäten. Das freut mich, denn dafür habe ich mich als Kommunikationswissenschaftlerin und Ex-Journalistin immer eingesetzt. Nach dem Motto: Kommunikation ist nicht alles, aber ohne Kommunikation ist alles nichts. Doch bis vor wenigen Jahren hieß es noch oft „Wen interessiert das denn?"
Gab es früher zu wenig Regelwerk, gibt es heute eine Menge von Reporting Standards. Welche halten Sie für welche Zielgruppe für besonders geeignet?

Deshalb bin ich auch kein großer Freund von Rahmenwerken, die regional oder national fokussiert sind. Das wirkt immer wie ein deutscher Sonderweg. Für kleine Unternehmen, die ausschließlich in Deutschland agieren, ist der Deutsche Nachhaltigkeitskodex sicher angemessen. Für Mittelständler, die viel ins Ausland liefern oder internationale Großkunden bedienen, passt er schon nicht mehr. Ich meine, dass gerade wir als Exportweltmeister internationale Standards in der Berichterstattung nutzen und fördern sollten. Man kann übrigens sehr wohl dem Ansatz der Gemeinwohlökonomie folgen, aber dennoch einen Bericht nach GRI erstellen.
Man kann sehr wohl dem Ansatz der Gemeinwohlökonomie folgen und einen Bericht nach GRI erstellen.
Beim Blick zurück: Sehen Sie die Entwicklung bis jetzt insgesamt positiv oder um mit Hans Joachim Schellnhuber zu sprechen: Besteht noch Hoffnung?
Natürlich besteht Hoffnung. Denn diese stirbt zuletzt, wie man so schön sagt. Viele meinen ja, es ginge alles zu langsam. Aber wenn wir die Perspektive nur etwas erweitern, wissen wir, dass sich eine unglaubliche Entwicklung vollzogen hat: Vor etwas über 70 Jahren stand Deutschland am Abgrund. Das nur zwölfjährige Nazi-Regime hatte Europa in ein Leichenhaus verwandelt. Die Europäische Union ist eine Konsequenz dieser Geschehnisse und eine großartige kulturelle Leistung. Mir persönlich ist mit Blick auf die Zukunft am meisten bang vor dem Verlust dessen, was wir die letzten 70 Jahre neu entwickelt haben: Menschlichkeit und Demokratie.
Beim Blick nach vorne: Haben wir noch eine Chance für die rechtzeitige Transformation?
Ich weiß es nicht. Aber aufgeben darf man nie. Man muss ja das Unmögliche anstreben, um wenigstens das Mögliche zu erreichen. Was wir definitiv schaffen müssen, ist, die Kraft und die Freude an Neuem zu erwecken und zu entdecken. Wir brauchen wieder mehr Gründer – Gründer, die die Transformation zu ihrem Geschäft machen. Aber wir brauchen auch viele und kluge Stimmen, die Verantwortung und Nachhaltigkeit über den technischen Fortschritt stellen, damit dieser nicht zum Selbstzweck wird. Denn jeder Fortschritt ist nur so gut, wie er den Menschen dient.
Wir brauchen wieder mehr Gründer – Gründer, die die Transformation zu ihrem Geschäft machen.
Was motiviert Sie jeden Tag von neuem, in Sachen Nachhaltigkeit unterwegs zu sein?
Ich und mein Team sind Berater, die Transparenz, Werte und Nachhaltigkeit in Unternehmen stützen und weiterentwickeln. Das kann manchmal sehr frustrierend und manchmal auch recht erfolgreich sein. Was jenseits der Beratungserfolge zählt und für mich persönlich über die Jahre zur Hauptmotivationsquelle geworden ist: Wir lernen immer wieder wunderbare Menschen kennen, die über den Tellerrand hinausdenken und sich für eine bessere Welt und eine gute Zukunft einsetzen.
Was wünschen Sie sich für die Zukunft – gesellschaftlich aber auch privat?
Ich wünsche mir ein geeintes Europa, in dem Menschen den Wert von Freiheit, Gemeinschaft und Respekt vor anderen erfahren, leben und sich überzeugt dafür einsetzen. Als Dozentin an der Hochschule Fresenius freue ich mich über den Austausch mit jungen Menschen, die genauso denken und handeln. Und als jemand, der wieder mehr reisen möchte, hoffe ich noch auf viele Begegnungen mit Kunst, Kultur und Menschen, die dies ebenso verkörpern.
Frau Braun, wir danken für das Gespräch.
Ein Interview von Fritz Lietsch
Gesellschaft | Pioniere & Visionen, 01.09.2018
Dieser Artikel ist in forum Nachhaltig Wirtschaften 02/03 2018 - Wasser - Grundlage des Lebens | Bildung erschienen.

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