Psychologie der Geschäftsreisen

Was Mitarbeitende bei der Wahl klimafreundlicher Verkehrsmittel wirklich bremst

Trotz des weitverbreiteten Wissens rund um die Klimakrise bleibt klimafreundliches Handeln bei Geschäftsreisen nach wie vor häufig aus. Grund dafür sind sechs zentrale psychologische Barrieren die bei der Wahl klimafreundlicher Verkehrsmittel für Geschäftsreisen immer wieder im Wege stehen.
 
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„Mit der Bahn zum Kunden fahren? Das ist für mich keine Option." Sätze wie diese fallen auch im Jahr 2025 noch häufig in Unternehmen in ganz Deutschland. Denn auch wenn die Option besteht, für Geschäftsreisen klimafreundlichere Verkehrsmittel wie den Zug zu wählen, heißt das noch lange nicht, dass Mitarbeitende diese Option auch nutzen. Doch warum ist das so? Was hält Mitarbeitende davon ab, beispielsweise die Bahn statt des Flugzeugs zu wählen? Antworten darauf liefert ein Blick in die Welt der Psychologie. Sechs zentrale psychologische Barrieren stehen Mitarbeitenden bei der Wahl klimafreundlicher Verkehrsmittel im Weg.

Barriere 1: Fehlendes Handlungs- und Effektivitätswissen
Wissen zu haben über die Folgen der Klimakrise reicht allein nicht aus, damit man sich als Mitarbeiter:in für klimafreundliche Verkehrsmittel entscheidet. Denn neben dem Pro­blemwissen ist auch relevant, zu wissen, wie wirkungsvoll bestimmte Verhaltensweisen sind und welche konkreten Alternativen es gibt.

Für die Praxis bedeutet das:
  • Mitarbeitenden Effektivitätswissen vermitteln
  • Mitarbeitenden Handlungswissen vermitteln
  • Allerdings sind wir Menschen alles andere als durch und durch rational handelnde Wesen. Deswegen reichen (neue) Informationen allein nicht aus, wie die folgenden Barrieren verdeutlichen.
Barriere 2: Kognitive Dissonanz
Unter kognitiver Dissonanz wird ein Zustand verstanden, bei dem unsere Kognitionen (u.a. Einstellungen, Wünsche und Werte) nicht mit dem gezeigten Verhalten übereinstimmen. Bei der Verkehrsmittelwahl kann dies sehr leicht auftreten – beispielsweise, wenn eine Mitarbeiter:in klimafreundliche Einstellungen hat, sie aber trotzdem wöchentlich das Flugzeug nutzt. Dieser Zustand löst ein unangenehmes Gefühl aus, das wir Menschen am liebsten schnell wieder loswerden möchten. Hierfür haben wir verschiedene Strategien parat: Wir können entweder an unseren Kognitionen ansetzen
(„Klimaschutz ist mir in diesem Moment doch nicht so wichtig."). Oder wir setzen an unserem Verhalten an und bringen es in Einklang mit unseren Kognitionen. Letzteres kostet Mitarbeitende allerdings mehr Energie, als einfach die eigenen Kognitionen anzupassen.

Wie kann es trotzdem gelingen, dass Mitarbeitende eher ihr Verhalten und nicht ihre Einstellung ändern? Hierfür ist entscheidend, dass das Verhalten für sie so leicht wie möglich umsetzbar ist.

Wir empfehlen daher:
  • strukturelle Hürden identifizieren, die die Wahl von klimafreundlichen Verkehrsmitteln erschweren (z.B. komplizierter Buchungsprozess für Bahnfahrten)
  • die erkannten Hürden gezielt abbauen
Barriere 3: Emotionen
Was fühlen wir, wenn bzw. während wir ein bestimmtes Verkehrsmittel nutzen? Die Antwort auf diese Frage hat ebenfalls einen großen Einfluss auf die Verkehrsmittelwahl. Denn wenn beispielsweise die Nutzung der Bahn Emotionen wie Wut oder Enttäuschung auslöst, dann wird bei zukünftigen Reisen eher auf die Wahl dieses Verkehrsmittels verzichtet, wie eine Studie an der Edinburgh Napier University gezeigt hat.

Das Ziel ist somit, bei Mitarbeitenden mehr angenehme Emotionen im Zusammenhang mit klimafreundlichen Verkehrsmitteln hervorzurufen.

Dazu kann beitragen:
  • positives Feedback und Prämien für Mitarbeitende, die klimafreundliche Verkehrsmittel nutzen
  • die Reise so angenehm wie möglich gestalten (z.B. durch ein nutzungsfreundliches Buchungssystem oder Zug-
  • Reisen in der ersten Klasse als Standard)
Barriere 4: Soziale Norm
Es ist belegt, dass auch Freund:innen, Familie oder Arbeitskolleg:innen unsere Verkehrsmittelwahl stark beeinflussen. Denn es ist uns Menschen wichtig, dass die sozialen Gruppen, denen wir uns zugehörig fühlen, unser gezeigtes Verhalten akzeptieren. Dafür beobachten wir, was etablierte Verhaltensweisen in bestimmten Situationen (sog. soziale Normen) sind. An ihnen orientieren wir stark unser eigenes Verhalten.

Wenn Mitarbeitende also den Eindruck haben, dass es innerhalb der Organisation die soziale Norm ist, das Auto oder das Flugzeug für Geschäftsreisen zu nutzen, dann wirkt sich das auch auf ihr eigenes Verhalten aus. Umgekehrt können soziale Normen eine treibende Kraft für Verhaltensänderungen sein, wenn klimafreundliche Optionen von Mitarbeitenden als „neuer Standard" wahrgenommen werden.

Deswegen sollten Organisationen:
  • klimafreundliche soziale Normen innerhalb der Organisation betonen (z.B. kommunizieren, dass mehr und mehr Mitarbeitende die Bahn nutzen)
  • Botschafter:innen einsetzen (Einzelne Personen, die viel Glaubwürdigkeit innerhalb der Organisation genießen, können mit ihrem Verhalten einen starken Einfluss auf die soziale Norm haben.)
Barriere 5: Selbstwertschutz
Wir Menschen streben danach, unseren Selbstwert zu schützen. Schließlich wollen wir morgens in den Spiegel schauen und denken: „Ich bin ein guter Mensch." Allerdings kann unser Selbstwert auch leicht ins Wanken geraten – und zwar konkret dann, wenn unsere drei psychologischen Grundbedürfnisse (Autonomie, Kompetenz und soziale Verbundenheit) angegriffen werden.

Genau das kann allerdings leicht passieren, wenn beispielsweise mit erhobenem Zeigefinger innerhalb der Organisation kommuniziert wird, wie sich Mitarbeitende beim Thema klimafreundliche Geschäftsreisen verhalten sollen. Die Folge? Mitarbeitende aktivieren verschiedene Strategien, um den eigenen Selbstwert aufrechtzuerhalten. So gewichten sie beispielsweise Informationen, die den eigenen Selbstwert schützen, stärker. Oder sie suchen gezielt nach Informationen, die für den eigenen Standpunkt sprechen. Anstatt das Verhalten zu ändern, steht somit der Schutz des eigenen Selbstwerts im Vordergrund.

Wie können wir verhindern, dass Selbstwertschutz-Strategien aktiviert werden? Zentral hierfür ist, die psychologischen Grundbedürfnisse Autonomie, Kompetenz und soziale Verbundenheit der Mitarbeitenden zu schützen bzw. möglichst stark zu befriedigen.

Hilfreich ist dafür:
  • transparente Kommunikation: erklären, warum neue Reiserichtlinien eingeführt werden und welchem Zweck sie dienen
  • Dialog- und Beteiligungsformate: Mitarbeitenden ermöglichen, ihre Meinungen und Sorgen (z.B. bzgl. Reiserichtlinien) zu äußern und an Entscheidungsprozessen teilzuhaben
Barriere 6: Gewohnheiten
Gewohnheiten zu ändern, ist eine große Herausforderung – ob beim Sport, bei der Ernährung oder eben der Verkehrsmittelwahl. Ist es erst einmal zur Gewohnheit geworden, primär das Auto zu nutzen, läuft die Wahl des Verkehrsmittels per Autopilot ab.

Das kann getan werden, damit Mitarbeitende alte Gewohnheiten aufbrechen:
  • Team-Challenges durchführen (z.B. welche Abteilung pro Quartal den geringsten Anteil an Flugreisen erreicht)
  • Erinnerungen, positives Feedback und Prämien für Mitarbeitende einführen, die dabei sind, ihre Gewohnheiten zu verändern
Trotz des weitverbreiteten Wissens rund um die Klimakrise bleibt klimafreundliches Handeln bei
Geschäftsreisen nach wie vor häufig aus. Grund dafür sind sechs zentrale psychologische Barrieren die bei der Wahl klimafreundlicher Verkehrsmittel für Geschäftsreisen immer wieder im Wege stehen.

Fabian Hirt ist Klimapsychologe und als Trainer, Berater und Keynote-Speaker bei ClimateMind tätig, der ersten Akademie und Agentur rund um Umwelt- und Klimapsychologie in Europa. In den letzten Jahren hat er bereits mehr als 1.500 Führungspersönlichkeiten in ihren Nachhaltigkeitskompetenzen weitergebildet.

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Quelle: BAUM e.V. - Netzwerk für nachhaltiges Wirtschaften

Technik | Mobilität & Transport, 24.02.2025
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