Christoph Quarch
Gesellschaft | Megatrends, 24.02.2026
Deutsche wünschen starke Führung
Christoph Quarch analysiert die neue Sehnsucht nach Macht und Herrschaft
Wenn wir ehrlich sind, haben wir mit dem "starken Mann" in Deutschland ja nicht so gute Erfahrungen gemacht. Nichtsdestotrotz erfreuen sich hierzulande autoritäre Ideen zunehmender Beliebtheit. Mehr als 20 Prozent der Bundesbürger, so der kürzlich veröffentlichte Deutschland Monitor 2025 liebäugeln mit autokratischen Strukturen wie Einparteienherrschaft oder „starker Führer". In Ostdeutschland sind es sogar über 25 Prozent. Wie kann das sein? Funktioniert die Demokratie so schlecht, oder bekundet sich hier eine diffuse Sehnsucht nach Macht und Herrschaft? Darüber reden wir mit dem Philosophen Christoph Quarch.
Herr Quarch, haben Sie eine Erklärung dafür, dass sich so viele Menschen in Deutschland neuerdings ein starkes Führungspersonal wünschen?
Obwohl ich Philosoph bin, versuche ich es erstmal mit der Psychologie. Mir scheint, dass dem Wunsch nach Führung häufig eine Scheu vor Eigenverantwortung entspricht. Wenn man selbst nicht genau weiß, wo man hin will oder wenn man Angst vor Fehlern und Irrtümern hat - dann ist man geneigt, andere für sich entscheiden zu lassen und deren Vorgaben zu folgen. Das würde auch erklären, warum vor allem in strukturschwachen Gebieten in Ostdeutschland die Neigung zu autoritären Ideen wuchert. Dort gibt es viel Unzufriedenheit mit der Lebenssituation und gleichzeitig noch Restbestände der alten DDR-Versorgungsmentalität; und leider auch wenig Möglichkeit, das Leben in die eigene Hand zu nehmen. Also ist man versucht, die Verantwortung an irgendwelche "starken" Führungspersönlichkeiten zu delegieren.Aber werden die Leute auch bekommen, was sie wollen? Was würde denn eine "starke" Führungspersönlichkeit auszeichnen?
Meistens gerade nicht das, was sich die meisten erhoffen. Wenn von starken Führern oder Leadern die Rede ist, dann verbindet sich damit oft die Vorstellung von Durchsetzungsvermögen, Entschlossenheit und Kraft - eine ziemlich merkwürdige Mischung aus maskulinen und nostalgischen Fantasie, die sich in der Geschichte oft genug als verhängnisvoll erwiesen hat. Ich denke das liegt daran, dass wir Führung sehr oft in Kategorien von Herrschaft und Macht interpretieren: so, als ginge es bei Führung darum, möglichst effizient Macht auszuüben oder möglichst unwidersprochen über andere zu herrschen. In meinen Augen hat das wenig mit Führung zu tun, dafür aber viel mit Gewalt und Knechtschaft. Jedenfalls reicht ein Blick in autokratische Staaten wie China, Russland und zunehmend die USA, um sich klarzumachen, dass dort nicht geführt, sondern kommandiert wird.
Man kann Führung aber auch ganz anders verstehen. Nehmen wir ein aktuelles Beispiel. Vor wenigen Tagen hat die Deutsche Bischofskonferenz einen neuen Vorsitzenden gewählt. Die Wahl fiel auf den Hildesheimer Bischof Heiner Wilmer; wohl auch deshalb, weil er als Brückenbauer zwischen Konservativen und Reformen gilt. Zeigt sich Führungskompetenz nicht gerade auch in dem Vermögen, Ausgleich zu schaffen und zu vermitteln?
Mit einer kleinen Einschränkung würde ich das bejahen: Jede gute Führungskraft ist auch ein guter Vermittler - aber nicht jeder gute Vermittler ist auch eine gute Führungskraft. Damit will ich sagen: Echte Führungsqualität zeigt sich für mich daran, dass man Menschen hinter sich versammeln kann; und zwar ohne Gewaltanwendung, Drohgebärden oder was Autokraten sonst so im Köcher haben. Nein, gute Führungskräfte gewinnen Menschen für sich mit der Kraft ihres Geistes: Weil sie überzeugende Ideen haben, weil sie glaubwürdig auftreten, weil sie menschliche Werte repräsentieren, weil sie eine begeisternde Vision haben, die ihrem Handeln und Auftreten eine klare Richtung gibt - und, das ist das Wichtigste, weil sie bereit sind, Verantwortung für ihr Tun zu übernehmen und sich dafür auch zur Rechenschaft ziehen zu lassen.
Wenn das die Definition einer "starken Führungskraft" ist - würden Sie sich dann auch auf die Seite der 20 Prozent der Deutschen schlagen, die sich starke Führer wünschen?
Nein, würde ich nicht. Weil meine Definition des "starken Führers" all das impliziert, was die Freunde autoritärer Politik geradewegs ablehnen: den demokratischen Diskurs, die Bereitschaft zur Rechenschaftsgabe, das Bemühen um Mehrheiten - eben die echte Verantwortungsfähigkeit. Ich finde es schon bizarr: Diejenigen, die aus mangelnder Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen, nach starken Führern schreien, wünschen sich in der Regel solche, die selbst verantwortungslos sind. Genau diese Typen aber brauchen wir nicht. Wir brauchen kompetente demokratische Führungspersonen, die man daran erkennt, dass sie sich selbst zu führen vermögen. Von denen gibt es tatsächlich zu wenige. Vielleicht hat ja Herr Wilmer das Zeug, hierfür ein Vorbild zu sein. Damit würde seine Kirche unserer Gesellschaft endlich mal wieder einen großen Dienst erweisen.

Der Philosoph, Speaker und Bestseller-Autor Christoph Quarch begleitet Unternehmen, unterrichtet an verschiedenen Hochschulen und veranstaltet philosophische Reisen. In seinen Vorträgen und Büchern greift er auf die großen Werke der abendländischen Philosophie zurück, um diese in eine zeitgemäße Lebenskunst und Weltdeutung zu übersetzen. Gemeinsam mit seiner Frau Christine Teufel gründete er die Neue Platonische Akademie für eine geistige Erneuerung der Gesellschaft.
Aktuelle Bücher von ihm sind „Wacher Geist und fester Schritt. The Donkey School for Leadership" (2024), „Schönheit rettet die Welt” (2024) und "Der Club der alten Weisen" (2023).
Mehr zu ihm unter christophquarch.de und akademie-3.org
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