CR-Management für Praktiker. Weiterbildung für nachhaltiges Wirtschaften. Universität Bayreuth, 07.-11.10.2019

Unternehmensstiftungen

- ausgelagerte CSR-Abteilungen?


Schüler lernen, dass Evolution direkt vor ihrer Haustür
stattfindet. Das Projekt "Evolution MegaLab" ist einer der
Gewinner des Ideenwettbewerbs "Evolution heute"
der VolkswagenStiftung.
© Britta Kowsky, Leipzig
Robert Bosch Stiftung, Gemeinnützige Hertie-Stiftung, Telekom Stiftung - dies sind große, vertraut klingende Namen der deutschen Wirtschaft. Nur die Wörtchen "Stiftung" am Ende und "gemeinnützig" am Anfang irritieren. Die Firmen kennt jeder. Aber wer weiß eigentlich, was die unternehmensverbundenen Stiftungen in Deutschland genau tun? In welchem Verhältnis stehen sie zum gesellschaftlichen Engagement der Unternehmen? Sind sie so etwas wie der verlängerte Arm der CSR-Abteilungen?

"Wir legen Wert auf die Feststellung, dass wir als selbstständige, unabhängige Stiftung unsere Beschlüsse autonom festlegen", betont Michael Münch, stellvertretender Vorstandsvorsitzender der Deutschen Bank Stiftung. "Zugleich ist aber auch klar: Wir heißen Deutsche Bank Stiftung und sind von der Deutschen Bank AG gegründet. Daher unterstützen wir nichts, was den Zielen des Unternehmens widerspricht."

Bei der Deutschen Bank Stiftung ist das enge Verhältnis zur CSR-Abteilung der AG offensichtlich. Die Homepage der Stiftung nennt "CSR-Engagement" als festen Navigationsbegriff. Spricht man mit dem Stiftungsvorstand, begleitet ihn selbstverständlich der Kommunikations-Chef für CSR aus dem Konzern. Auch nach innen herrschen enge personelle und strukturelle Verbindungen. "Die Vorstandsmitglieder der Stiftung üben ihre Funktion ehrenamtlich aus. Im Hauptberuf sind sie Angestellte der Deutschen Bank", sagt Münch. "Darüber hinaus ist die Stiftung auch Mieterin der Deutschen Bank AG. So findet natürlich ein permanenter Austausch statt."

Warum unterhält die Deutsche Bank dann überhaupt zwei verschiedene Organe für gesellschaftliches Engagement? "Viele Tätigkeiten der CSR-Abteilung könnten von einer Stiftung gar nicht geleistet werden", erklärt Münch. "Das hat zum einen finanzielle Gründe: Im Jahr 2007 hat die Deutsche Bank rund 82 Millionen Euro für ihr gesellschaftliches Engagement ausgegeben, davon entfielen etwa fünf Millionen Euro auf die Deutsche Bank Stiftung. Zum anderen gibt es Projekte, wie zum Beispiel die Kooperation der Deutschen Bank AG mit den Berliner Philharmonikern, die auf vertraglicher Leistung und Gegenleistung beruhen und daher von einer Stiftung gar nicht so übernommen werden dürften."

Stiftungszweck vom Namen oftmals losgelöst

Auf der anderen Seite existieren Stiftungen, die zwar einen Firmennamen tragen, aber mit dem betreffenden Unternehmen nur wenig zu tun haben. Ein prominentes Beispiel ist die VolkswagenStiftung: Ihre Verbindung zum Autokonzern besteht allein darin, dass die Stiftung im Jahr 1961 aus Erlösen des Verkaufs von VW-Aktien hervorging, die dem Bund und dem Land Niedersachsen gehörten. Damit ähnelt sie der Deutschen Bundesstiftung Umwelt, deren Startkapital aus Aktien der Salzgitter AG gewonnen wurde, die aber deswegen noch lange nicht SalzgitterStiftung heißt.

"Unsere Hauptzielgruppe sind Wissenschaftler", sagt Christian Jung von der VolkswagenStiftung. "Diese wissen in der Regel, dass die VolkswagenStiftung unabhängig von der Volkswagen AG ist." Auch wenn ein Name wie "Deutsche Stiftung Wissenschaft" für die breite Öffentlichkeit vielleicht eingängiger wäre: "Eine Umbenennung der Stiftung ist für uns kein Thema", so Jung. Die Verwechslungen hielten sich in Grenzen. "Ab und zu kommt es vor, dass jemand anruft und einen VW gesponsert haben möchte." Auch gebe es keine grundsätzlichen Konflikte mit dem Unternehmen. "Wenn die Volkswagen AG vom guten Image der Stiftung profitieren sollte, so stört uns das nicht."

Seit einigen Jahren engagiert sich die VolkswagenStiftung besonders in der Nachwuchsförderung. Während man früher eher den verdienten Lehrstuhlinhaber unterstützt habe, befänden sich die Begünstigten heute oft noch am Start der Karriere, erklärt Jung. Die "Harvard-Fellowships" etwa ermöglichen promovierten Geisteswissenschaftlern, deren Doktorarbeit zwei bis drei Jahre zurückliegt, einen einjährigen Forschungsaufenthalt am Humanities Center der Universität Harvard.

Bunte Unternehmensstifterlandschaft

Nach einer Studie des Bundesverbandes Deutscher Stiftungen existieren in Deutschland mindestens 1.500 "unternehmensnahe Stiftungen", davon rund 600 aus der Sparkassen-Finanzgruppe. Das Spektrum ist sehr weit gefasst: Von eigentlichen "Unternehmensstiftungen" wie etwa der Bertelsmann Stiftung, die den Mehrheitsanteil an der AG hält und damit Einfluss auf die Unternehmensführung nehmen kann, über "unternehmensverbundene Stiftungen", die eher umgekehrt von Entscheidungen des Unternehmens abhängen - wie etwa die Umweltstiftung und die Kulturstiftung von Allianz - bis hin zu Stiftungen, die zwar von einem Unternehmer, aber nicht vom Unternehmen gegründet wurden, wie die Würth-Stiftungen.

MINToring-Schüler experimentieren am Helmholtz-Zentrum Berlin.
Die Nachwuchsförderung ist wesentliches Ziel der Stiftung
der Deutschen Wirtschaft.
© Dirk Mathesius, Berlin

Dass unternehmensnahe Stiftungen immer stärker in Erscheinung treten, ist - zusammen mit dem Boom von Nachhaltigkeit und CSR allgemein - ein Trend der jüngeren Zeit. Im Jahr 2006 lud die Vodafone Stiftung erstmals zum "Forum Unternehmensverbundene Stiftungen" ein. Nur wenig länger, seit 1994, existiert mit der Stiftung der Deutschen Wirtschaft (sdw), die auf Initiative der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände gegründet wurde, eine Art Mutterschiff der unternehmensnahen Stiftungen.

Die sdw steht zugleich für einen weiteren Trend: Ihr Ziel ist die Jugend- und Nachwuchsförderung. Ursprünglich als reines "Begabtenförderungswerk" für die deutsche Wirtschaft konzipiert, will die Stiftung heute nicht mehr nur den Arbeitsmarkt verbessern, sondern strebt eine umfassendere gesellschaftliche Wirkung an. Dies gelte für viele unternehmensnahe Stiftungen: "Bildungsförderung durch Stiftungen ist für Unternehmen keine reine Nachwuchsgewinnung - oder nur sehr vermittelt", meint Christian Lange von der sdw. Als Beispiel nennt er das eigene "Studienkolleg"-Programm, bei dem die sdw mit der Robert Bosch Stiftung kooperiert. Zielgruppe der Förderung sind begabte Lehramtsstudentinnen und -studenten. "Für das Unternehmen Bosch entsteht bei dem Programm kein unmittelbarer Nutzen", so Lange.

Als operative Stiftung unterhält die sdw eigene Projekte mit eigenem Know-how. Die Finanzierung tragen häufig sogenannte Förderstiftungen, die Geld für gemeinnützige Zwecke ausschütten, ohne an der konkreten Projektarbeit beteiligt zu sein. Manche Kooperationspartner sind auch selbst operativ tätig, wie die erwähnte Robert Bosch Stiftung.

Die Bindung der Bosch Stiftung an das Unternehmen Robert Bosch GmbH ist auf den ersten Blick sehr eng: Sie hält 92 Prozent der Anteile am Unternehmen, allerdings ohne Stimmrecht. "Wir sind handlungsfähig aufgrund der Dividendenzahlungen des Unternehmens", sagt Michael Schwarz, der die Kommunikationsabteilung der Stiftung leitet. "Insofern sind wir mittelbar abhängig vom wirtschaftlichen Erfolg der Robert Bosch GmbH. Aber diese nimmt keinen Einfluss auf das operative Geschäft der Stiftung. Was unsere Themen und Instrumente angeht, sind wir vollkommen unabhängig." Er betont, dass die Stiftung keine CSR-Aktivität des Unternehmens sei - auch wenn man durchaus im Kontakt mit der CSR-Abteilung stehe. "Wir sprechen regelmäßig miteinander, wir wissen, was passiert, man kennt die Kollegen. Aber die Herangehensweisen sind unterschiedlich", erklärt Schwarz. "Spenden und Sponsoring zum Beispiel sind grundsätzlich keine Finanzierungsinstrumente der Stiftung. Ein Thema wie Arbeitsschutz ist wichtig für die Robert Bosch GmbH, betrifft aber nicht die Ausrichtung der Stiftung."

Jugendförderung, zentraler Teil der Stiftungsarbeit

Ähnlich wie die sdw versucht auch die Robert Bosch Stiftung, einen Breiteneffekt zu erzielen. "Einerseits wollen wir auf gesellschaftliche Strukturen einwirken, andererseits wollen wir konkret einzelne Jugendliche fördern", meint Schwarz. Nur wachsen die Bäume auch hier nicht in den Himmel. "Jede Stiftung ist begrenzt in ihren Möglichkeiten. Es ist schwierig, als kleiner Akteur in die Breite zu wirken." Dabei gehört die Robert Bosch Stiftung mit jährlich rund 50 Millionen Euro Fördersumme sogar zu den größten Stiftungen in Deutschland.

Hinsichtlich der Nachwuchsförderung engagiere man sich zunehmend im Übergang von der Schule in den Beruf. Als Beispiel nennt Schwarz das Projekt "SENTA" ("Schule, Entwicklung, Arbeit"), bei dem Haupt- und Realschulen in Baden-Württemberg dabei unterstützt werden, Schüler besser auf den Berufseinstieg vorzubereiten. Ein weiteres Beispiel sei das "LISA"-Programm ("Lokale Initiativen zur Integration junger Migranten in Ausbildung und Beruf"), bei dem speziell junge Migranten dabei unterstützt werden sollen, ihr Potenzial und ihre Kompetenzen für sich und die Gesellschaft einzubringen.

Auch die Vodafone Stiftung engagiert sich für die Förderung junger Migranten. Seit 2006 betreibt sie unter anderem das Stipendienprogramm "Vodafone Chancen". Anders als "LISA" zielt das Projekt auf die Hochbegabten. "Wir wollen die Entscheider von morgen fördern", beschreibt Danyal Alaybeyoglu die Mission der Vodafone Stiftung. "Jugendliche aus bildungsfernen Elternhäusern sollen soziale Aufstiegsperspektiven bekommen." Beim "Chancen"-Programm erhalten begabte Abiturienten aus Migrantenfamilien kostenlose Studienplätze an verschiedenen privaten deutschen Hochschulen. Derzeit nehmen 37 Stipendiaten aus 19 Nationen an dem Programm teil. Die Förderung beläuft sich pro Jahr auf rund eine Million Euro.

Das Verhältnis der Vodafone Stiftung zum CSR-Engagement des Unternehmens Vodafone erscheint ambivalent. Einerseits sei die Stiftung durchaus eingebettet in das CSR-Modell des Unternehmens, so Alaybeyoglu. Andererseits handele es sich nicht um eine CSR-Aktivität im engeren Sinne, "sondern um eine gemeinnützige GmbH, die als solche vollkommen unabhängig agiert." Intern präsentierten sich CSR-Abteilung und Stiftung Seite an Seite. So stünden in der Mitarbeiterzeitschrift Update unter der Rubrik "Verantwortung" CSR- und Stiftungsthemen unmittelbar nebeneinander. In der operativen Arbeit hingegen gebe es kaum Überschneidungen. "Der Austausch ist informell", meint Alaybeyoglu. Jeder bearbeite seine eigenen Projekte.

Nach Ansicht von Moritz Blanke, Fachreferent bei UPJ, einem bundesweiten Netzwerk engagierter Unternehmen und gemeinnütziger Mittlerorganisationen, hängt die Verzahnung zwischen Unternehmensstiftungen und den jeweiligen CSR-Abteilungen stark von der Größe des Unternehmens sowie der Stiftung ab. "Bei mittelständischen Unternehmen ist der CSR-Beauftragte häufig zugleich auch der Stiftungsbeauftragte", so Blanke. "Bei größeren Unternehmen und Stiftungen dagegen ist es nicht unbedingt sinnvoll oder überhaupt machbar, alles aus einer Hand zu regeln."

Auch die scharfe Trennung von Eigennutz und Altruismus sei oft nicht möglich - oder überhaupt sinnvoll. "Viele gesellschaftliche Probleme im Umfeld von Unternehmen wie etwa Jugendarbeitslosigkeit oder eine fehlende soziale und kulturelle Infrastruktur brennen den Unternehmen und den betroffenen Menschen gleichermaßen unter den Nägeln", meint Blanke. "Eine Investition in ein intaktes Gemeinwesen hat häufig Einfluss auf den langfristigen Erfolg des Unternehmens. Inwiefern das Engagement in dieser Hinsicht strategisch betrieben wird, ist eine andere Frage. Gerade bei mittelständischen Unternehmen geschieht dies häufig eher intuitiv."

Fazit: Letztlich lässt sich feststellen, dass es "die" unternehmensnahe Stiftung und "das" damit verbundene CSR-Konzept nicht gibt. Der Trend geht zu mehr Kooperation zwischen den Stiftungen und damit eventuell zu einer stärkeren Vereinheitlichung. Welche Auswirkungen die Wirtschafts- und Finanzkrise auf das CSR-Engagement und damit auf die Gründung von Stiftungen durch Unternehmen beziehungsweise sogar eine drohende Unterkapitalisierung hat, ist unsicher. Prognosen bleiben schwierig.
 
 
Von Christian Backe



Im Profil

Christian Backe studierte Publizistik, Theaterwissenschaft, Mathematik und Volkswirtschaft in Berlin, Paris und Hagen. Von 2006 bis 2008 war er stellvertretender Chefredakteur des Magazins "Die Stiftung". Heute arbeitet er als freier Autor und Journalist in Berlin.


Quelle: FORUM Nachhaltig Wirtschaften Büro Süd
Lifestyle | Geld & Investment, 29.07.2009
Dieser Artikel ist in forum Nachhaltig Wirtschaften 03/2009 - Zukunft gestalten erschienen.
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