Nestlé: "Wir nehmen die Kritik von Greenpeace sehr ernst"

Dennis Lotter und Jerome Braun im Gespräch mit José Lopez, Head of Operations bei Nestlé S.A., zur aktuellen Palmöl-Debatte

José Lopez, Head of Operations bei Nestlè S.A.
Herr Lopez, Ihr Unternehmen ist in den letzten Wochen schwer in die Kritik geraten. Greenpeace wirft Ihnen vor, durch die Verwendung von Palmöl in Nestlé-Produkten zur Zerstörung des Regenwaldes und Ausrottung der dort ansässigen Tierarten beizutragen. Die Anti-Nestlé-Kampagne von Greenpeace hat in kurzer Zeit viele Anhänger gefunden. Wie haben Sie selbst die Kritik erlebt, die Ihrem Unternehmen in den letzten Wochen entgegengebracht wurde?

Ich und alle meine Managementkollegen nehmen Kritik dieser Art sehr ernst. Wir sehen die Zerstörung des Regenwaldes und der Torfmoore als eines der größten Umweltprobleme der Erde. Aus diesem Grund haben wir immer ein offenes Ohr für alle Beteiligten und suchen einen offenen und ernsthaften Dialog. Nestlé kauft zwar nur 0,7 Prozent der weltweiten Palmölproduktion, wir sind uns aber unserer Verantwortung bewusst, als weltweit führendes Unternehmen für Nahrungsmittel, Gesundheit und Wohlbefinden zu wirksamen und nachhaltigen Lösungen beizutragen. Wir sind der Ansicht, dass unsere Maßnahmen dieses Engagement zeigen und werden den Dialog mit allen relevanten Gruppen fortführen.


Nestlé hat sich verpflichtet, spätestens ab 2015 nur noch nachhaltig angebautes Palmöl zu verwenden. Was wird entlang der unternehmerischen Wertschöpfungskette unternommen, um dieses Ziel zu erreichen?

Sie haben Recht: Nestlé hat sich bereits 2009 zum Ziel gesetzt, 100 Prozent des verarbeiteten Palmöls bis 2015 aus nachhaltigen Quellen zu beziehen. Wir haben bereits beträchtliche Fortschritte auf dem Weg zu diesem Ziel erreicht: In diesem Jahr stammen 18 Prozent unserer Einkäufe an Palmöl aus entsprechend belegten nachhaltigen Quellen und wir werden dies vorantreiben, um Ende 2011 bereits 50 Prozent zu erreichen. Unsere kürzlich bekanntgegebene Partnerschaft mit The Forest Trust ist die jüngste Initiative, um dieses Ziel zu verwirklichen. Die Organisation wird mit allen Partnern in unserer Lieferkette daran arbeiten, dass in Zukunft nur nachhaltig erzeugtes Öl geliefert wird.


Nestlé ist Mitglied im "Runden Tisch für nachhaltiges Palmöl" (RSPO) - einer Organisation, die sich gezielt für die Förderung von nachhaltigem Palmöl einsetzt. Die Arbeit des RSPO wird von vielen Kritikern als "Greenwashing" bezeichnet. Die Auflagen der Organisation seien zu schwach und RSPO-Zertifikate, mit denen die Mitglieder den nachhaltigen Palmöl-Anbau unterstützen, seien praktisch wirkungslos. Was halten Sie von diesen Vorwürfen? Können Monokulturen überhaupt nachhaltig sein?

Nestlé hat eine enge Verbindung mit dem Runden Tisch für nachhaltiges Palmöl seit seiner Gründung im Jahr 2004 und ist jetzt Vollmitglied. Wir unterstützen die Ziele des RSPO, praktische Lösungen für die vielen Beteiligten in einem Bereich zu finden, der ein höchst komplexes Problem der Versorgungskette darstellt. Der RSPO spielt eine besonders wichtige Rolle, um alle Beteiligten zusammenzubringen - Produzenten, Verarbeitungsbetriebe, Händler, Hersteller, Einzelhändler, Investoren und NGOs - und ist daher ein lebendiges Forum, um die Problemlösungen wirklich in Gang zu bringen. Obwohl also unsere Mitgliedschaft im RSPO wichtig ist, stellt sie doch nur eine der vielen Initiativen dar, die wir unternehmen, um bis 2015 sicherzustellen, dass wir nur zu 100 Prozent nachhaltig erzeugtes Palmöl erwerben.


Als eine Reaktion auf die Kritik von Greenpeace hat Nestlé die Geschäftsbeziehung zum indonesischen Palmölproduzenten Sinar Mas aufgekündigt, der seit längerer Zeit für seine rücksichtslose und umweltschädigende Firmenpolitik kritisiert wird. Unilever arbeitet aus diesem Grund bereits seit Ende 2009 nicht mehr mit Sinar Mas zusammen und auch Kraft Foods kündigte seine Verträge zu Beginn des Jahres. Warum reagierte Nestlé erst nach der öffentlichen Kritik?

Wir haben schon längere Zeit unsere Besorgnis über die ernsten Umweltbedrohungen für Regenwälder und Torfmoore durch die Palmölpflanzungen in Südostasien zum Ausdruck gebracht. Nach der Veröffentlichung des Greenpeace-Berichts "Illegal Forest Clearance" im Jahr 2009, haben wir unsere eigenen Nachforschungen angestellt und die Vorwürfe des Berichts überprüft. Als Ergebnis dieser Nachforschungen, die bereits liefen, als in diesem Jahr die Kritik aufkam, haben wir beschlossen, Sinar Mas zu ersetzen.


Nestlé startete im Mai diesen Jahres als erstes Konsumgüterunternehmen eine Partnerschaft mit der NGO "The Forest Trust". Ziel der Partnerschaft ist die Bekämpfung der Regenwaldabholzung und die Etablierung einer nachhaltigen Lieferkette. Wie sollen diese ambitionierten Ziele erreicht werden und welche Rolle spielen hierbei die sogenannten "Responsible Sourcing Guidelines"?

Wir sehen die Partnerschaft mit The Forest Trust als wichtige Initiative, die unser Engagement für den Einsatz nachhaltigen erzeugten Palmöls in unseren Produkten unter Beweis stellt. TFT ist eine weltweit operierende, nicht auf Gewinn ausgerichtete Organisation, die uns unterstützen wird, verantwortungsbewusste Palmöl-Lieferketten aufzubauen. Dazu gehört, dass die damit verbundenen sozialen und ökologischen Fragen aufgegriffen und einer Lösung zugeführt werden. Gemeinsam mit der TFT haben wir die Responsible Sourcing Guidelines entwickelt, eine Zusammenstellung wichtiger Anforderungen, die den Beschaffungsprozess von Nestlé leiten und sicherstellen soll, dass die bereits bestehenden Beschaffungsrichtlinien von Nestlé eingehalten werden. Die Partnerschaft konzentriert sich auf die Bewertung der Einhaltung dieser Richtlinien durch den Lieferanten und die Bereitstellung technischer Hilfe für jene, die derzeit diesen Anforderungen noch nicht entsprechen, aber ihrerseits bereit sind, die Kriterien eines nachhaltiges Anbaus umzusetzen.


Auch die Politik wird in der aktuellen Palmöl-Debatte kritisiert. So gibt es in der EU keine einheitliche Kennzeichnungspflicht für Produkte mit Palmöl und durch die staatliche Förderung der Bioenergien sind die europäischen Palmölimporte sprunghaft angestiegen. Was unternimmt Nestlé in seiner Verantwortung als weltweit führendes Nahrungsmittelunternehmen, um die politischen Rahmenbedingungen zum Wohle von Ökologie und Gesellschaft mitzugestalten?

Als weltweit führendes Unternehmen für Nahrungsmittel, Gesundheit und Wohlbefinden haben wir eine wichtige Rolle, um Diskussionen voranzutreiben und auf Probleme aufmerksam zu machen, die für unser Unternehmen relevante Interessengruppen betreffen. Dies steht auch im engen Zusammenhang mit unserer Strategie der gemeinsamen Wertschöpfung: Um langfristig Wert für unsere Aktionäre zu schaffen, müssen wir gleichzeitig Werte für die Gesellschaft im weiteren Sinne erzeugen. Wir fordern seit einiger Zeit zu einem Moratorium der Abholzung auf und haben insbesondere die zunehmende Verwendung von so genannten Biotreibstoffen als wichtigen Faktor für die zunehmende Vernichtung von Regenwald verurteilt. Der politisch geförderte Einsatz von Nahrungspflanzen für die Treibstofferzeugung zerstört nicht nur die Umwelt, sondern ist in einer Welt, in der es an Ressourcen, insbesondere Wasser, mangelt, auch moralisch fragwürdig. So sind beispielsweise 2.000 bis 9.000 Liter Wasser erforderlich, um einen Liter Biotreibstoff aus bewässertem Mais oder Sojabohnen herzustellen. Es gibt immerhin Anzeichen, dass die Europäische Union ihren Standpunkt überdenkt und wir hoffen auf eine baldige Änderung der Politik.


Inwiefern sieht Ihr Unternehmen, als weltweit führender Anbieter von Lebensmitteln und vor allem auch Wasser, den zunehmenden Verlust von Artenvielfalt und Ökosystemen als direkte Bedrohung für seine Geschäftstätigkeit und was unternimmt Nestlé um - gerade im internationalen Jahr der Biodiversität - deren Schutz entlang der Wertschöpfungskette systematisch zu verfolgen?

Die Wasserverschwendung ist eine der größten Bedrohungen für den Planeten und wir bringen diese Problemstellung immer wieder in die Diskussion ein. Aus diesem Grund haben wir auch an der Gründung der Water Resources Group mitgewirkt, einer Zusammenarbeit zwischen privaten und sozialen Organisationen, die Lösungen zur Bekämpfung des Wassermangels entwickeln soll. Ein Bericht des Beratungsunternehmens McKinsey an die Gruppe stellte kürzlich fest, dass der weltweite Wasserbedarf in den nächsten 20 Jahren um mehr als 50 % zunehmen wird, weitgehend aufgrund der industriellen Verwendung, die sich gegenüber dem heutigen Stand fast verdoppeln wird. Wir streben an, gegenüber den Wettbewerbern das Unternehmen mit dem effizientesten Wassereinsatz zu werden. Wichtig ist für uns die Erkenntnis, dass dies unsere Geschäftsergebnisse nicht notwendigerweise negativ beeinflusst, im Gegenteil: Zwischen 2000 und 2009 haben wir unsere Wasserentnahmen um 33 % reduziert, während das Volumen unserer Nahrungsmittel- und Getränkeproduktion um 63 % zunahm. Dies war das Ergebnis umfassender Bemühungen von Ingenieuren, Umweltexperten und unseren Mitarbeitern bei Nestlé, die daran gearbeitet haben, den Wasserverbrauch in allen unseren Aktivitäten zu reduzieren.


Auch wenn Nestlé in Sachen Palmöl bereits zahlreiche Maßnahmen ergreift und selbst Greenpeace anerkennt dass Nestlé sich nun in "die richtige Richtung" bewegt- an welcher Stelle sehen Sie für Ihr Unternehmen zukünftig noch besonderen Handlungsbedarf?

Die ländliche Entwicklung ist ein weiterer zentraler Bereich, auf den wir uns im Rahmen unserer Strategie der gemeinsamen Wertschöpfung konzentrieren. Dies ist eine überaus wichtige Aufgabe für uns, weil das Wohlergehen von Bauern, Dorfgemeinschaften, Landarbeitern, kleinen Unternehmern und Lieferanten wesentlich dazu beiträgt, dass wir unsere Geschäfte auch in Zukunft betreiben können. Wir haben in diesem Bereich mehrere Initiativen gestartet, darunter unseren Kakao-Plan, in dessen Rahmen wir die Lieferkette für Kakao und die Lebensbedingungen von Bauern und Dorfgemeinschaften durch Schulung und nachhaltigere Bewirtschaftungsmethoden verbessern möchten. Wir werden in Kürze weitere Maßnahmen in diesem Bereich bekannt geben, mit denen wir die Nahrungssicherheit überall auf der Welt, wo wir tätig sind, erhöhen möchten.

Im Profil

Dennis Lotter und Jerome Braun sind Berater, Autoren und Vortragsredner der Benefit Identity GmbH. Diese berät und begleitet Unternehmen und soziale Institutionen in strategischen wie operativen Fragestellungen zu den Themen Nachhaltigkeit und Corporate Social Responsibility.


info@benefitidentity.com
info@mehrwerte-schaffen.de


www.benefitidentity.com


Lesen Sie hier den vollständigen Nestlé Beitrag:
Alleingang zwecklos - die globalen Herausforderungen unserer Zeit verlangen Zusammenarbeit.
Quelle: Dennis Lotter, Jerome Braun
Lifestyle | LOHAS & Ethischer Konsum, 06.07.2010
Dieser Artikel ist in forum Nachhaltig Wirtschaften 03/2010 - Die Verantwortung der Medien erschienen.
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