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... ist eine Tugend!

Endlich abspecken! Der "Vater der Dematerialisierung" (Bild der Wissenschaft) und "Doyen der deutschen Umweltforschung" (Spiegel) schreibt in forum über Rucksäcke, Tonnen-Gesellschaften und suizidale Veranlagung von Kollegen.

Tonnenschwere Last: Der ökologische Rucksack unserer Produkte liegt bei durchschnittlich 30 Tonnen pro Tonne.
Foto: © Dieter Schütz, Pixelio.de
Verglichen mit 1980 würde "business as usual" den Bedarf an natürlichen Ressourcen bis 2030 um etwa 250 Prozent erhöhen.

Damit hätten wir zwei Probleme. Erstens gibt es auf dem Planeten Erde gar nicht genügend Ressourcen für eine wachsende Bevölkerung mit westlichen Verbrauchsansprüchen. Und zweitens werden die unerfreulichen, gefährlichen und stetig teurer werdenden ökologischen Konsequenzen des Ressourcenverbrauchs scharf zunehmen. Es geht dabei nicht nur um Klimawechsel. Es geht auch um weltweit massive Erosionen von Muttererde, es geht um wachsende Knappheiten an Wasser, Lebensmitteln und Land und um das evolutionsbiologisch gefährliche Massensterben von Arten. Die gigantische Entnahme von natürlichen Ressourcen ist der tiefere Grund für die ökologischen Mammutprobleme, die sich der Mensch selber schafft. Dies nicht zur Kenntnis nehmen zu wollen, erinnert stark an suizidale Veranlagung.

James Hansen von der US NASA hat postuliert, dass bei Überschreiten von 350 ppm CO2 in der Atmosphäre "ein Planet wie der, auf dem sich Zivilisation entwickeln konnte", nicht länger existieren wird. 2009 befand eine EU-finanzierte Studie der Deutschen Bank, dass die Weltwirtschaft alleine durch das Verschwinden der Wälder mehr Geld verliert, als durch die Bankenkrise.

Der heutige pro-Kopf-Verbrauch an materiellen Ressourcen, einschließlich Energieträger, liegt in den USA bei 90 kg pro Tag, in der EU bei der Hälfte. Afrikaner können sich im Schnitt gerade einmal 10 kg leisten. Als zukunftsfähiger Richtwert gilt heute der pro-Kopf Verbrauch von maximal 20 kg pro Tag (die "8 Tonnen-Gesellschaft"). Für Deutschland bedeutet dies eine Erhöhung der Ressourcenproduktivität um den Faktor 10, sofern man weltweite Gerechtigkeit walten lassen und das Exportgeschäft absichern will.

Noch entfernen wir uns jeden Tag weiter von einem noch immer möglichen zukunftsfähigen Leben von Menschen auf der Erde. Die Politik hat keine andere Wahl, als in wenigen Jahren die veralteten Randbedingungen der Wirtschaft der neuen Situation anzupassen. Kernpunkt wird sein, Arbeit von Abgaben zu entlasten und im Gegenzug für Ressourcen den ehrlichen Marktpreis einzuführen. Die Politik wird dafür sorgen müssen, dass sich ökologisch vernünftiges Tun für jeden Bürger lohnt.

Dematerialisierung gegen Kostendruck

Entrepreneurs können dem wachsenden Material-Kostendruck durch Dematerialisierung ihrer Produkte begegnen und sich zusätzliche Vorteile auf dem Markt verschaffen. Einer Studie von A. D. Little und Anderen zufolge, könnten in Deutschland die Inputkosten für Ressourcen bei gleichem Output schon heute im Schnitt um etwa 20 Prozent gesenkt werden. Das entspricht mehr als 150 Milliarden Euro jährlich. Die hierfür fälligen Investitionen zahlen sich in wenigen Jahren aus.
Langfristig werden jedoch diejenigen den Weltmarkt erobern, die für die Befriedigung von Bedarf neue Ideen haben. Beispiele hierfür sind der Zugdrache für Frachtschiffe von SkySails, der Einsatz neuer selbstreinigender (Lotus-)Oberflächen, oder der Wohn- und Arbeitsturm aus Holz von Rhomberg.

Der Ökologische Rucksack eines verkaufsfertigen Produktes ist sein gesamter Materialverbrauch - d.h. Materialinput einschließlich Energie, von der Wiege bis zum point of sale, minus sein Eigengewicht. Heutzutage wiegt der mittlere Rucksack von technischen Produkten etwa 30 Tonnen pro Tonne. Bei Informations- und Kommunikationstechniken geht es sogar um 300-600 Tonnen Rucksackfüllung pro Tonne des verkaufsfertigen Produktes.

Ein Mittelklasseauto fährt heute 40 Tonnen Natur spazieren und verbraucht dafür 0,006 Tonnen Treibstoff pro 100 Kilometer! Anstatt nun den automobilen Stadtverkehr um den Faktor 10 zu dematerialisieren, was technisch möglich ist, vergibt die Regierung Milliarden an Automacher, um den Treibstoffverbrauch um 30 Prozent zu reduzieren. Der hierfür als geeignet erachtete zweite Antrieb von Toyota erhöht den Rucksack um etwa 80 Prozent!

2008 hat das EU Innovation Watch Panel on Eco-Innovation den Rahmen der technischen Weiterentwicklung in folgende Worte gefasst :

"Ökoinnovation ist die Verwirklichung neuer und wettbewerbsfähiger Güter, Prozesse, Systeme, Dienstleistungen und Handlungsweisen, die menschliche Bedürfnisse befriedigen und Lebensqualität für alle Menschen schaffen mit einem lebenszyklusweit minimalen Einsatz von natürlichen Ressourcen (Material einschließlich Energieträger, und Landoberfläche) pro Einheit Output und einer minimalen Abgabe an gefährlichen Stoffen."
In dieser Definition fehlt noch Wasser als Ressource.

Ökologische Bedarfsbefriedigung ist nächste Kondratieffwelle

Bei der Schaffung von Zukunftstechnik gibt es keinen "technology fix". Es geht hier um die ökologische Bedarfsbefriedigung. Genau dies wird das beherrschende Merkmal der Technik im 21. Jahrhundert sein, in der sechsten Kondratieffwelle. Aus makroökonomischer Sicht sind solche Gütergruppen wichtig, die große Anteile am Verbrauch von natürlichen Ressourcen haben. Hierzu zählen Energieproduktion, Bauen und Wohnen, Straßenbau, Mobilität, IKT und Landwirtschaft.

Hunderte von gewinnbringenden Beispielen für Dematerialisierung sind seit 1993 veröffentlicht und einige Dutzend mit hohen Geldprämien belohnt worden. Vor kurzem veröffentlichte das Wuppertal Institut eine neue Broschüre mit dem Titel "Resource productivity in 7 steps. How to develop eco-innovative products and services, and improve their material footprint". Sie beruht auf praktischen Erfahrungen in Hunderten von Betrieben.

Kriterien für Nachhaltigkeitsbewertung brauchen Bezug zu den Gesetzen der Natur. Praktische Indikatoren für die Umweltqualität von Gütern und Dienstleistungen werden von der "Wiege bis zur Wiege" angewendet, sie müssen für alle Leistungen der Technik gelten und richtungssicher sein. Sie dienen der Entkopplung des Nutzens vom Naturverbrauch, und sind dem praktischen Design verpflichtet. Die Berechnung des Material-Inputs pro Serviceeinheit (MIPS) und der ökologische Rucksack werden hierfür eingesetzt.

Wie dieser kurze Abriss zeigt, wären die Ratschläge von Michael Braungart an die Industrie noch entscheidend wertvoller, wenn dieser wohl beste Umweltchemiker nicht den wissenschaftlichen Unfug der Bedeutungslosigkeit des Ressourcenverbrauches für die Annäherung an die Nachhaltigkeit predigen würde.
 
 
Von Friedrich Schmidt-Bleek
 
 
 
Im Profil

Friedrich Schmidt-Bleek, genannt Bio, ist zusammen mit E.U. von Weizsäcker Träger des hoch dotierten Takeda World Environmnent Award 2001. Er ist gelernter Kernchemiker (MPI Chemie), arbeitete mit Nobellaureat S. Rowland und lehrte an großen Universitäten in den USA. Gründung und Leitung eines der ersten US-Umweltzentren (University of Tennessee System, Tennessee Valley Authority, Oak Ridge National Laboratory). 1974 wurde er Verantwortlicher für die Umweltforschung in (West-)Deutschland, danach für den umweltwissenschaftlichen Inhalt und die Anwendung des Chemikaliengesetzes, Abteilungsleiter bei der OECD und beim International Institute for Applied Systems Analysis (IIASA), Gründungs-Vize-Präsident des Wuppertal Institutes, Erfinder des Faktor X/MIPS Konzeptes, Gründungs-Präsident des Factor 10 Institute in der Provence und International Factor 10 Club. Außerdem gab er den Anstoß zum ersten World Resources Forum Davos und zurr Lindau Group for New Economics.

Informationen über die praktischen Erfahrungen von Betrieben mit dem Konzept der Dematerialisierung erhalten Sie bei christa.liedtke@wupperinst.org.





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Quelle: FORUM Nachhaltig Wirtschaften Büro Süd
Umwelt | Ressourcen, 11.04.2011

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