Mittlerin zwischen Vergangenheit und Zukunft

Die Rolle der Kunst bei der Jahrhundertaufgabe Nachhaltigkeit

In den Mühlen des Tagesgeschäfts kann die nachgerade atemberaubende Dimension der Nachhaltigkeit leicht aus dem Blick geraten. Dabei hat die Weltgemeinschaft mit diesem Leitbild nicht weniger als die Konturen einer postkonsumistischen Zivilisation und einer postideologischen Gesellschaft entworfen. Wie könnte sich eine solche Jahrhundertaufgabe bewältigen lassen ohne das Wissen der Kunst?

Wasserreinigungsanlage und zugleich gigantische Skulptur: Betsy Damons preisgekröntes "The Living Water Garden" bietet Menschen, Tieren und Pflanzen in China ein Refugium und Erholung.
Die Kunst ist Nährboden für veränderte Wahrnehmungs-, Denk- und Handlungsweisen. Im Abendland tritt sie in Gestalt der neun Musen - Töchter des Zeus und der Mnemosyne, Göttin der Erinnerung - als Mittlerin zwischen Geist und Erinnern an und damit zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.

Eine kleine Zeitreise
Ab dem Beginn der Moderne wurde die Kunst, so der Physiker und Philosoph Carl Friedrich von Weizsäcker, zum "sensibelsten Seismographen der kommenden Menschheitskrise". Tatsächlich hat schon die so genannte historische Avantgarde mit Künstlern wie Wassily Kandinsky oder Paul Klee, beide Meister am Bauhaus, eine ganze Reihe von Experimenten unternommen und auch Irrtümer begangen, die heute für die Suche nach zukunftsfähigen Lebensformen überaus konstruktiv sein können.

Seit den 1960er Jahren bildet sich ein zunehmend breites Spektrum kritisch gesellschaftsorientierter Kunst heraus, rezipiert unter Sammelbegriffen wie zunächst Konzeptkunst, dann Public Art, Social Art, Neue Kunst im öffentlichen Raum, aktivistische Kunst, interventionistische Kunst oder Eco Art. Wie im Kontext der Nachhaltigkeit geht es bei diesen Kunstpraktiken darum, dem gestörten Naturverhältnis, den Demokratiedefiziten und den sozialen Verwerfungen der Konsumgesellschaft mit nicht-technoider Gestaltungskraft zu begegnen - gemeinschaftlich, innovativ und kreativ.

Kunst und Wissenschaft vereint
Eine Art Klassiker auf dem Terrain der Eco Art ist "The Living Water Garden" der Künstlerin Betsy Damon. In Zusammenarbeit mit der Stadtverwaltung von Chengdu, einer Millionenstadt in der chinesischen Provinz Sichuan, konzipierte und realisierte Damon von 1995 bis 1998 auf 2,4 Hektar den weltweit ersten ökologischen Stadtpark zum Thema Wasser. Als voll funktionierende Wasserreinigungsanlage und zugleich gigantische Skulptur in Form eines Fisches - in China Symbol für Glück und Gesundheit - bietet "The Living Water Garden", inzwischen mit mehreren internationalen Preisen gewürdigt, Tieren und Pflanzen ein Refugium und den Menschen einen Ort der Erholung.

Betsy Damon ist auch Gründerin der gemeinnützigen Organisation "Keepers of the Waters", einem internationalen Netzwerk für Menschen, die sich aktiv für eine Veränderung unserer Beziehung zu Wasser einsetzen. Wo diese Organisation Projekte zum Schutz und zur Regenerierung von Wasser fördert, basiert die Strategie auf einem Zusammenwirken von Kunst, Wissenschaft und Zivilgesellschaft.

Zu den Künstlern hierzulande, die ihre Arbeit in den Dienst der Ökologisierung unserer Lebens- und Wirtschaftsformen stellen, zählt Insa Winkler. Seit der Tschernobyl-Katastrophe, zu der sie in der verstrahlten Zone in Weißrussland recherchiert und gearbeitet hat, entwickelt sie, oft gemeinsam mit Akteuren in und außerhalb der Kunstwelt, komplexe Projekte wie beispielsweise "Das Eichelschwein". Angesichts der Tatsache, dass in Deutschland jedes Jahr 80 Millionen Schweine geschlachtet werden, die für die Bevölkerung unsichtbar sind, hinterfragt Insa Winkler in diesem Projekt die Agrarpolitik und erkundet auf kreative Weisen, etwa mit der Gründung einer "Eichelschweingesellschaft", Formen nachhaltiger Schweinehaltung.

Anders als viele Künstler hat der Kunst- und Kulturbetrieb sich lange sehr schwer damit getan, Nachhaltigkeit als eine gesamtgesellschaftliche Jahrhundertaufgabe zu erkennen. Doch kommen auch hier nun, nicht zuletzt im Zuge der Klimakrise, die Dinge in Bewegung. So etwa lud "Über Lebenskunst", das Initiativprojekt der Kulturstiftung des Bundes, im Jahr 2011 dazu ein, sich der Frage zu widmen: Was ist das "gute Leben" angesichts der globalen ökologischen Krise? Bemerkenswerterweise schien es bei diesem Programm keine wirkliche Trennung zwischen Kunst und Nichtkunst mehr zu geben. Zwar bezieht "Über Lebenskunst" sich nicht explizit auf die Idee der Sozialen Plastik, ist aber wohl ohne das, was Joseph Beuys ab den 1970er Jahren in die Kunstwelt einbrachte, kaum denkbar.

"Jeder Mensch ein Künstler"
Aus Anlass seines 90. Geburtstages und 25. Todestages widmete sich im vergangenen Jahr eine Reihe von Ausstellungen dem Werk dieses Künstlers. Beuys selbst jedoch sah weniger seine Objekte als vielmehr die Erweiterung des Verständnisses von Kunst, gefasst in die Formel "jeder Mensch ein Künstler", als seinen wichtigsten Beitrag zur Kunst. Er verwendete dafür synonym den Begriff Soziale Plastik. Im Kern beinhaltet die Soziale Plastik ein neues Verständnis vom Menschen: der Mensch als Freiheitswesen.

Das Unsichtbare sichtbar machen: Insa Winkler zeigt mit ihrem Eichelschwein-Projekt die Agrarpolitik und die Schlachtung von 80 Millionen Schweinen in Deutschland - jährlich.
Das meint nicht mehr allein oder primär die herkömmliche bürgerliche Freiheit und schon gar nicht Konsumfreiheit oder Willkür. Worum es hier vielmehr geht, ist die Perspektive, dass wir nicht bleiben müssen, wie wir sind. Denn in jedem Menschen gibt es, wenn auch oft ungenutzt, eine Dimension von Freiheit als Potenzial, bewusster zu werden, sich selbst in Entwicklung zu bringen und kreativ neue Formen gesellschaftlichen Lebens und Arbeitens mit zu gestalten.

Damit aber wirklich alle aus solcher Freiheit heraus am Wandel mitwirken können, bedarf es nicht zuletzt einer weiterentwickelten Demokratie. Vor diesem Hintergrund ist, inspiriert von der Idee der Sozialen Plastik, seit nunmehr fast einem Vierteljahrhundert der Omnibus für Direkte Demokratie in Deutschland als gemeinnütziges "Unternehmen zur Erforschung und Entwicklung von Direkter Demokratie" quer durch die Republik und darüber hinaus unterwegs.

Kunst in neuem Horizont
Die Soziale Plastik ist mithin so etwas wie eine neue Kunstgattung, die aber die Kunstwelt radikal überschreitet. Das plastische Gestalten ergreift hier nicht nur physisches, sondern auch geistiges und seelisches Material. Um die Welt im Großen wie im Kleinen aus den gegenwärtigen Deformationen in überhaupt erst humane Formen zu bringen - human im Sinne von menschenwürdig und wünschenswert, wird auf dem Feld der Sozialen Plastik zunächst einmal an den Formen des Wahrnehmens, Denkens und Wissens gearbeitet. Von da aus dann bildet ein immer lebendigerer Austausch - mit sich selbst, untereinander und mit der ganzen, auch außermenschlichen Welt - die Grundlage für kreativ veränderndes Handeln.

Seit Ende der 1990er Jahre gibt es an der Brookes University im englischen Oxford mit der Social Sculpture Research Unit (SSRU) die weltweit erste Forschungseinrichtung zur Sozialen Plastik. Unter Leitung der Künstlerin und Beuys-Schülerin Shelley Sacks erschließt und vermittelt die SSRU in einem interdisziplinären Master- und Promotions-Programm Methoden, die helfen, auf allen Arbeitsfeldern kreativ für eine menschenwürdigere Welt tätig zu werden.

So etwa entwickelt Helena Fox, Master-Studierende und Psychiaterin mit langer Berufspraxis, aus Ideen und Strategien der Sozialen Plastik neue Formen der Begegnung mit ihren Patienten. Der nigerianische Künstler Wilfred Ukpong erkundet mit seinem Promotionsprojekt Strategien des "Empowerment" in ökologisch und sozial verelendeten Dörfern im Niger Delta, einer der größten Ölförderregionen der Welt. Seine zentrale Frage lautet: Wie kann es möglich werden, selbst unter schwierigen Bedingungen gemeinsam die Fähigkeit zu entwickeln, Dinge anders zu sehen, sich neue Lebensformen vorzustellen und von da aus aktiv zu werden?

Exemplarisch für die Soziale Plastik ist die University of the Trees (UoT) - eine mobile, alternative Universität, in der alle, unabhängig von Alter und Status, Lernende und Lehrende sein können. Besonders aber die Bäume sind hier Lehrer. Vor einigen Jahren von Shelley Sacks initiiert, bietet die UoT einen Rahmen, um neue, ganzheitliche Formen des Wissens zu erkunden, miteinander zu teilen und zu praktizieren. Ausgangspunkt dafür sind Fragen wie: Was ist Wissen? Wie erkennen wir die Welt? In welcher Beziehung stehen wir zu ihr? Eine UoT kann überall entstehen, wo es Menschen gibt, die mit solchen Fragen unterwegs sind. Ihre einfachste Form ist, an Bäumen ein Filzband mit dem Schriftzug "University of the Trees" anzubringen. Die Bänder signalisieren: Hier findet ein Lernen statt, das in umfassender Weise in Entwicklung bringt.
 
 
Von Hildegard Kurt

Dr. Hildegard Kurt, Kulturwissenschaftlerin und Autorin, ist Senior Lecturer für Soziale Plastik an der Oxford Brookes University, GB, und leitet das "und.Institut für Kunst, Kultur und Zukunftsfähigkeit" (und.Institut) in Berlin.

www.hildegard-kurt.de
www.und-institut.de

Zum Weiterlesen


Hildegard Kurt
Wachsen!
Über das Geistige in der Nachhaltigkeit
Mayer, Stuttgart, 2010



Hildegard Kurt
Leicht auftreten
Unterwegs zu einer anderen Welt. Ein Tagebuch
VAS-Verlag, Bad Homburg, 2011

Quelle: Hildegard Kurt
Lifestyle | LOHAS & Ethischer Konsum, 23.01.2012

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