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Vom Finanzgeschäft ins Kinderdorf

Warum ein Paar die Seiten wechselte

Was macht mein Leben aus? Was erfüllt mich wirklich? Was hat Sinn? Drei Fragen, die sich viele von uns stellen und deren Antworten nicht immer leicht zu finden sind. Das gilt auch für diese zwei: Alexandra Brehm-Westhoff und Tinus Brehm.

Sohn Laurenz (18 Monate) hat bald sechs "Geschwister" und Vater Tinus (46) jede Menge zu tun.
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Was für ein Leben: 25 Jahre Bankbranche und 17 Jahre Kapitalanlagen - mehr als 42 Jahre Erfahrung im Finanzgeschäft. Das bringen Alexandra Brehm-Westhoff und ihr Mann Tinus Brehm auf die Waage. Sie als Prokuristin und Abteilungsleiterin einer großen Bank, er als geschäftsführender Gesellschafter eines bekannten Kapitalanlagen-Vermittlungshauses. Die besten Gesellschaftskreise, Empfänge in edlen Hotels, Wohnen in Hamburgs Vorzeigestraße, Reisen in alle Welt - all das haben sie gehabt. Und doch liegt es jetzt hinter ihnen.

Was ist passiert? Warum kümmern sich die beiden heute nicht mehr um Kredite und Investitionen in Millionenhöhe, sondern investieren ihre Lebenszeit lieber in sieben Kinder? Und machen dabei noch einen glücklichen, erfüllten Eindruck?

Rückblick: Alexandra Brehm-Westhoff hat viel erreicht. Sie ist auf der Karriereleiter in 25 Jahren Banktätigkeit immer weiter nach oben gestiegen. Ihre Kollegen mögen sie, sie hat gute Freunde und ist glücklich verheiratet. Und doch kommt sie Ende 2007 ins Grübeln. Veränderungen in der Bankenlandschaft, deutlich härtere Umgangsweisen, der einzelne Mensch zählt immer weniger, das ist kaum noch ihre Welt. Und nur das gute Gehalt allein kann die Hamburger Bankfachwirtin auf Dauer nicht glücklich machen. Doch was konnte sie mehr erfüllen, ihrem Leben mehr Sinn geben? Es folgten lange Gespräche mit ihrem Mann, Nachdenken über die gemeinsame Zukunft, Informationsbeschaffung über soziale Projekte.

Und dann, an einem späten Abend, entdeckt Tinus Brehm die Anzeige "Erzieherausbildung - werden Sie Kinderdorfmutter!". Könnte das der entscheidende Hinweis, die richtige Aufgabe sein? Die beiden stellten eine gründliche Recherche an, führten Vorstellungsgespräche im SOS-Kinderdorf Harksheide bei Hamburg und in der Münchener Zentrale. Schnell erfährt das Ehepaar Brehm-Westhoff, dass es im Kinderdorf darum geht, sich um sogenannte Sozialwaisen zu kümmern. Kindern Geborgenheit geben, die aus unterschiedlichen Gründen in ihrem Ursprungszuhause nicht mehr leben können. Das scheint genau das, was die beiden gesucht haben. Schließlich hatten sie sich selbst seit langem eine große Familie gewünscht; aber das hatte einfach nicht klappen wollen und ihr Kinderwunsch blieb unerfüllt. Und so entschloss sich Alexandra Brehm-Westhoff im Frühjahr 2009, einen neuen Weg zu gehen: Im Sommer des gleichen Jahres startete sie ihr "zweites Leben" mit einer dreijährigen berufsbegleitenden Ausbildung zur Erzieherin.

"Die Kollegen in der Bank haben schon damals viel Respekt für meine Entscheidung gezeigt; ich glaube, so mancher hätte gerne ähnliches getan. Aber das kann und will natürlich auch nicht jeder machen. Viele haben finanzielle Verpflichtungen oder möchten ihren materiellen Lebensstandard weiter ausbauen", erinnert sich Alexandra Brehm-Westhoff. Schließlich handelte es sich bei der Ausbildungsvergütung nur um einen Bruchteil des vorigen Gehaltes bei der Bank. Und sie führt weiter aus: "Mein Mann und ich haben lange darüber gesprochen, das viele Für und wenige Wider gegeneinander abgewägt. Letztlich stand dann die Entscheidung eindeutig fest. Ohne die Unterstützung meines Mannes hätte ich es mir damals aber nicht zugetraut."

Für sie wurden es drei spannende Jahre: Sie lebt im Schichtdienst mit den Kinderdorf-Kindern. Hilft der 12-jährigen Sarah bei den Hausaufgaben, backt am Wochenende mit dem 14-jährigen Manuel Kuchen für die 7-köpfige Kinderschar und schreibt in den (oft kurzen) Nächten detaillierte Berichte fürs Jugendamt. Zusätzlich wird im Blockunterricht die Theorie für den neuen Beruf gelernt. Und auch Mann Tinus engagiert sich: Feiert mit den Kindern im Kinderhaus zusammen Weihnachten, organisiert das Bleigießen an Silvester, backt an Ostern Waffeln und hilft mit beim Sommerfest des Kinderdorfes.

Alles läuft scheinbar wie geplant; bis sich mitten im 2. Lehrjahr eine große Überraschung ereignet: Nach vielen Jahren des Wartens kündigt sich doch noch Nachwuchs im Hause Brehm-Westhoff an und Sohn Laurenz wird mitten in der Ausbildung geboren!

Alexandra Brehm-Westhoff (45) ist endlich Mutter - und will noch sechs weitere Kinder!
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"Natürlich wollte ich auf jeden Fall meine Erzieher-Ausbildung wie geplant erfolgreich absolvieren. Der Ausbildungsfachschule und dem Kinderdorf bin ich sehr dankbar, dass dies trotz meiner Mutterschutzzeiten möglich war", erzählt Alexandra Brehm-Westhoff weiter. Und auch die Kolleginnen und Mitauszubildenden hätten sie sehr unterstützt. "Ich weiß gar nicht, wie ich das ohne all diese lieben und hilfreichen Menschen geschafft hätte", ergänzt sie bescheiden.So besteht sie alle Prüfungen und hält im Sommer 2012 ihre Erzieherinnen-Urkunde in den Händen. Und damit ist der Weg frei ins Kinderdorf. Denn den Traum von der Großfamilie aufgrund des eigenen Nachwuchses aufzugeben, das kam für beide nicht in Frage. "Kinder auf ihrem Weg unterstützen, ihnen Halt und Struktur geben; spüren, dass sie Mut schöpfen und vertrauen; das ist etwas Wunderbares", so Alexandra Brehm-Westhoff. Und ihr Mann ergänzt: "Wir wollten auf jeden Fall weiteren Kindern, die bisher wenig Glück im Leben hatten, einen sicheren Ort und eine fröhliche, lebensbejahende "Familie" bieten."

Nun fehlte also "nur noch" das geeignete Kinderdorf. Nach längerer Suche ist die Wahl dann auf das Albert-Schweitzer-Kinderdorf Berlin gefallen. "Das Kinderdorf in Berlin-Gatow ist wunderschön gelegen", freut sich die engagierte Erzieherin. "Mitten im Grünen und direkt neben einem Öko-Bauernhof, der sogar einen eigenen Bauernhof-Kindergarten hat, eine echte Rarität. Wir hoffen sehr, dass wir dort einen Kita-Platz für unseren Laurenz bekommen!"

Am 1. Mai 2013 haben Alexandra Brehm-Westhoff und Tinus Brehm als Kinderdorf-Eltern im Albert-Schweitzer-Kinderdorf Berlin angefangen. Sie als fest angestellte Erzieherin und er ehrenamtlich. Gemeinsam mit ihrem Sohn Laurenz leben sie in einem Haus und bilden zusammen mit den sechs Kindern, die ihnen anvertraut werden, eine große, 9-köpfige Familie. Sie folgen dabei dem Motto von Albert Schweitzer "Am Wichtigsten sind doch die Spuren von Liebe, die wir im Leben hinterlassen".

Albert-Schweitzer-Kinderdorf Berlin:
"Kindheit braucht Familie" - das ist seit 1960 das Motto des Albert-Schweitzer-Kinderdorf Berlin e.V. Der Verein unterstützt Kinder und Jugendliche, die nicht in ihren Herkunftsfamilien aufwachsen können, mit familienähnlichen Erziehungs- und Lebensgemeinschaften. In 19 Familienwohngruppen finden bis zu 110 Kinder und Jugendliche ein geschütztes und verlässliches Zuhause. Darüber hinaus unterstützt der Verein Kinder, Jugendliche und Familien mit familienorientierten Angeboten in seinen Kindertagesstätten, Kinder- Familien- und Begegnungszentren und ambulanten Angeboten.

Mehr darüber sowie über die Möglichkeiten, wie jeder Einzelne helfen kann, unter www.kinderdorf-berlin.de


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Quelle: FORUM Nachhaltig Wirtschaften Büro Süd
Gesellschaft | Bildung, 15.12.2013

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