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Braucht das Land neue Schulen?

Ja, meinen Waldorf-, Montessori- und Freie Schulen, die immer mehr Zulauf haben.

 forum sprach mit dem Schulleiter der Freien Schule Glonntal über neue Lern­methoden, das „Unternehmen Kind" und eine Elternschule auf Segelschiffen.

Als ich das Büro des Direktors betrat, begrüßte mich ein großgewachsener, braungebrannter Mann mit sanften Augen. Ich hatte schon einiges über die Schule und Ihre außergewöhnlichen Aktionen gehört. Das war nun also Hartmut Lüling, ein Mann, der neue pädagogische Wege ging: Unterricht in der Natur und sogar auf hoher See. Der Kapitän der Freien Schule Glonntal!

Herr Lüling, warum brauchen wir eine „Freie Schule"?

Durch Lernabschnitte im Freien wird nicht nur die Teamfähigkeit gefördert, sondern auch das Bewusstsein für den nachhaltigen Umgang mit unserer Umwelt. © Freie Schule GlonntalUnsere Gesellschaft lebt von der Vielfalt und wir sehen uns als wichtiger Teil im Farbspektrum des Bildungswesens. Schule und gesellschaftliche Entwicklung lassen sich nicht trennen. In einer postmodernen Gesellschaft treten Kompetenz und Unternehmergeist in den Vordergrund und gewohnte Lebens- und Lernformen brechen zusammen. Die Bildung unserer Kinder muss dieser Dynamik Rechnung tragen. Ein vom Staat zentral gesteuertes Bildungswesen ist zu starr. Wichtig ist, dass Kinder ihre Begabung frei entfalten können. Hier sehen wir die Aufgabe der Freien Schulen, die mit Individualisierung, Förderung und besonderen pädagogischen Konzepten antworten. Was wir für die Zukunft brauchen, sind nicht nur hochspezialisierte Fachkräfte, wir brauchen moralisch begabte Persönlichkeiten. Eine „unternehmerisch" geprägte, Freie Schule mit ihrer Vielfarbigkeit, Flexibilität und dem Fokus auf den individuellen Begabungen ist wohl der einzige Ausweg aus der Bildungskrise.

Reichen Waldorf- und Montessorischulen denn nicht?

Wir sollten differenzieren. Es gibt anerkannte Privatschulen, die nach staatlichem Lehrplan vorgehen und genehmigte Privatschulen, wie Waldorfschulen, die einen eigenen Lehrplan haben. Erfreulicherweise unterscheiden sich Freie Schulen voneinander und spiegeln so verschiedene gesellschaftliche Ansätze wider. Das macht Vergleiche fast unmöglich.

Was ist das Besondere an der Freien Schule im Glonntal (FSG)?

Die Freie Schule Glonntal ist eine genehmigte Freie Schule. Sie basiert auf dem Lehrplan der Waldorfschulen, ihr methodisches „Konzept" legt aber größten Wert auf die konkrete Lebens- und Lernsituation des Kindes. Als Pädagogen aus einer Erlebnis- und Erfahrungsschule möchten wir den Kindern durch authentisches Lernen nicht nur den Lehrplan, sondern die tiefere Bedeutung der Welt und der eigenen Lebensaufgabe zugänglich machen. Diese Pädagogik ist vergleichbar mit einem Gespräch, bei dem der Pädagoge ohne Worte „hört", wohin das Kind sich mit seinen Begabungen, aus seinem innersten Wesen heraus, entwickeln möchte. Es geht darum, Begegnen zu lernen und in der Begegnung lernfähig zu sein. Das fordert extreme persönliche und organisatorische Flexibilität bis in den Stundenplan hinein.

Können Sie uns da ein paar Beispiele nennen?

© Freie Schule GlonntalUm Kinder auf die Welt und auf das Leben vorzubereiten, ist es uns wichtig, dass sie frühzeitig erfahren, wie man Lebenskompetenzen grundsätzlich nur durch Begegnung „erüben"kann – sich auf etwas Ungewohntes immer wieder neu einlassen muss. Als Beispiel besucht unser Schulchor Altenheime und in der Oberstufe finden mehrmonatige Auslandsaufenthalte statt. Auf unseren Jollen auf dem Chiemsee und den großen Segelschiffen im Mittelmeer lernen unsere Schüler nicht nur zu segeln, sondern verbessern ihre Sozialkompetenz und sammeln neue Erfahrungen. Besonderer Höhepunkt der Unter- und Mittelstufe ist das jährliche Ars Artium, ein 14-tägiges Mittelalterspiel, das ganz ohne iPod und Smartphone in Zeltdörfern stattfindet. Dort lernen die jungen Menschen die verschiedenen Ur-Berufe in den Zünften kennen.

Ist die FSG eine „Eliteschule"?

Es kommt darauf an, was Sie unter „elitär" verstehen. Im kulturellen Sinne ist die Freie Schule Glonntal sicher eine Eliteschule. Das bezieht sich sowohl auf die pädagogische „Produktivität" – sieht man Schule als Produktionsstätte für Bildung und Kultur – als auch auf ihre gesellschaftliche Wirkung. Die Lebendigkeit und Authentizität der gemeinsamen Lernprozesse kann man nicht in einen konzeptionellen Rahmen drücken. Das macht das Konzept so einzigartig.

Was kostet die Schule und gibt es ein Auswahlverfahren?

Es gibt kein festgelegtes Schulgeld. Niemand soll aus finanziellen Gründen am Eintritt in unsere Schule gehindert sein. Die finanzielle Belastung trägt eine „Solidargemeinschaft". Das Geld ist eine Art „unternehmerischer Beitrag". Eltern bezahlen so viel, wie es ihnen möglich ist. Wir möchten nicht fragen, was ein Kind kostet. Die Frage muss heißen: Was braucht ein Kind, um sich bestmöglich zu entfalten? Und so investieren wir gemeinsam in das „Unternehmen Kind", also in unsere Zukunft. Das „Auswahlverfahren" besteht in einem persönliches Gespräch zwischen den Eltern und der Schulleitung. Darin beantworten wir Fragen der Eltern und besprechen Pflichten wie den Informationsaustausch mit der Schule, Elternabende etc.

Sie sprechen von Pflichten der Eltern. Inwieweit gehen Sie andere Wege als herkömmliche Schulen?

Verständlicherweise ist die Lernmethode und Gestaltung der Schulabläufe für Eltern oft ungewohnt. Auch für die Eltern ist die Grundlage für die persönliche Entwicklung, sich auf Unbekanntes einzulassen und aus der Erfahrung zu lernen. Dazu brauchen sie aber ein Verständnis für die Pädagogik dieser Schule, was ganzheitliches Lernen überhaupt bedeutet. Regelmäßige Elternabende sind hierzu unerlässlich. Auch finden Eltern/Lehrer-Seminare auf den Schulschiffen statt, die fünf bis acht Tage dauern und allen einen lebendigen Einblick in ganzheitliches Lernen bieten.

Engagiert sich die Schule auch sozial?

Neben den Begegnungen der Kinder mit den alten Menschen in den Seniorenheimen fällt mir das Schicksal von vier Jugendlichen aus Afghanistan und dem Kongo ein. Trotz bürokratischer Hürden ist es gelungen, die Jugendlichen in unsere Impulsklasse aufzunehmen und ihnen Ausbildungswege bis hin zur Lehrstelle zu eröffnen. Die Begegnung mit Menschen aus so verschiedenen Kulturen sind menschlich tief berührend.

Der Start eines kompletten Schulzuges über alle Klassen inkl. Oberstufe wurde mit Vorbehalt aufgenommen. Ist das nicht ein waghalsiges Unterfangen?

Sie sprechen die Gründung der Schule mit über 200 Kindern an. Die Vorbehalte kann ich gut verstehen. Die erste Schule, die ich mit gegründet hatte, die Freie Waldorfschule Chiemgau, war mit vier Klassen gestartet. Das war damals schon etwas Besonderes. Die Gründung der Freien Schule Glonntal vor sieben Jahren konnte ich durch meine 21-jährige Erfahrung im Aufbau der Waldorfschule in Prien und in Zusammenarbeit mit einem hochmotivierten Gründerkreis und all den entschlossenen Eltern verantworten.

Ein Teil des damaligen Kollegiums hatte schon lange Jahre bei der Vorarbeit, wie beim Aufbau von „Impuls-Jugendbildung" mitgewirkt. Dies ist ein Bereich der Schule, der Entwicklungswege für Jugendliche mit besonderen Biographien zu ermöglichen sucht.

von Christa Jäger-Schrödl 
 

Freie Schule Glonntal

2007 wurde die Freie Schule Glonntal von Lehrern, Eltern und Schülern gegründet. Sie ist eine private, offene Ganztagesschule mit integrativem Ansatz und einheitlichem Bildungsgang von der ersten bis zur zwölften Klasse, mit Grundschule, Gymnasium und anschließendem Abitur oder Mittlerer Reife-Prüfung.

Zugrunde liegt der staatlich genehmigte Lehrplan der Waldorfschulen. Das pädagogische Konzept wurde allerdings erheblich erweitert, um eine vertiefte Erlebnispädagogik, sowie Kunst und eine ganzheitliche Naturwissenschaft als zentrales Anliegen. Die Schule steht unter Leitung von Hartmut Lüling, einem Erlebnispädagogen und Lehrer aus Leidenschaft.

Aufgrund ihrer vielfältigen gesundenden und integrativen Aspekte bietet die Schule nachhaltige Möglichkeiten, Kinder und Jugend­liche in besonderen Lebenssituationen zu integrieren. Die Höhe des Schulgeldes wird im Gespräch mit den Eltern individuell ermittelt und nach deren finanziellen Möglichkeiten festgelegt.


Gesellschaft | Bildung, 01.10.2014
Dieser Artikel ist in forum Nachhaltig Wirtschaften 04/2014 - Green Tech als Retter der Erde erschienen.
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