Neue Bilder braucht das Land
Zu Beginn des Jahres 2016 reflektieren wir noch einmal die Aufnahmen, die uns so betroffen machten.
Seit Sommer 2015 begleiten uns diese Bilder jetzt aus unmittelbarer Nähe. Die Mittelmeerregionen waren uns bisher eher durch heitere Bildkompositionen in Erinnerung geblieben. Mehr Urlaubs- denn Fluchtszenarios. Irgendwie hatten wir gehofft, der Winter in unseren Breitengraden würde die Menschen erst einmal zurückhalten und uns damit nicht noch weitere Bilder der Flucht bescheren. Einige – oder wohl eher die Mehrheit – von uns sahen sich als Gastgeber, als mitfühlende und hilfreich agierende Deutsche – am Fernseher sitzend. Oder waren einfach nur fassungslos. Und weder die Bilder aus der Ferne noch die aus unmittelbarer Nähe wurden besser. Denn nach den dramatischen Boots-Bildern kamen die Bilder der Odyssee von der Balkanroute in unser Sichtfeld. Ein Massen-Spießrutenlauf durch europäische Länder.
Die Vergessenen unserer Gesellschaft

Stille Nacht, heilige Nacht
Wie haben die Weihnachtsbilder ausgesehen? Mit oder ohne Migranten? Waren wir nur mit unseren Liebsten im Partyzelt und feierten Neujahr wie üblich: Knall, Bumm, Krach, ohne Rücksicht auf mögliche Zuhörer aus zerbombten Städten, gerade erst zu uns gekommen? Oder gab es auch Schweigeminuten zum Jahreswechsel – für die Fassbomben-Geschädigten? Kam es möglicherweise sogar zu ersten Festen der Integration zum Übergang ins Neue Jahr, in beheizten Zelten, Hallen, Erstunterkünften, zusammen mit den Neuankömmlingen? Oder mit den Verdrängten und am Rande der Gesellschaft lebenden alteingesessenen Deutschen?
Zwischen all den neuen Bildern werden wir natürlich auch 2016 wieder die strandenden Boote entdecken, dicht bepackt mit Hoffnung, Sehnsucht, Wunschvorstellungen und Angst. Werden wir im Laufe des neuen Jahres Bilder des Aufbruchs erleben, aus denen Mitgefühl, Engagement, gegenseitige Verantwortung auf uns wirken werden, Bilder einer stillen Revolution?
Wir werden es im Blick behalten und dokumentieren.
Die Helfer beim Marathonlauf
Die Bilder der Schilder und Pappen mit „Welcome refugees" aus 2015 sind unvergessen! Es waren bewegende Filmberichte und Schnappschüsse der Hoffnung; gleichermaßen wichtige Signale für Helfer und Neu-Ankommende. Statt Hetze waren es Bilder des Mutmachens, Momentaufnahmen der Menschenwürde. Neben den Bildern von taumelnden, zum Multi-Marathonlauf gezwungenen und umher geschubsten Flüchtlingen wurden auch unermüdliche Helfer und Helferinnen gezeigt. Ohne diese Menschen wäre es zu menschlichen Katastrophen gekommen. So starten wir ins Neue Jahr mit einem Potpourri aus alten und neuen Bildern, mit medialen Schnipseln, die sich in unser Gedächtnis gebrannt haben und weiter brennen werden. Im besten Sinne motivieren sie uns zu Engagement, kreativen Veränderungen und führen uns auf neuen gemeinsamen Wegen, mit Weisheit und viel Mitgefühl, in eine neue Epoche deutscher und europäischer Geschichte.
Die Regeln des Integrations-Spiels

Die Voraussetzungen für kommende Bilder mit freudigeren Szenen werden wir gemeinsam mit den Neuankömmlingen schaffen müssen; relativ kurzfristig, wenn uns die große Aufgabe – das viel zitierte Jahrhundert-Projekt – gelingen will.
Warm-up
Parallel hierzu erkennen wir bereits die Anzeichen von noch größeren Wanderungsbewegungen, die sich möglicherweise bald, wenn sich die Erdteile noch ein bisschen aneinander reiben, auf uns zubewegen werden. Mit Plattentektonik und Klimaszenarien sowie daraus resultierenden Klimaflüchtlingen setzen wir uns bitte aber vorerst nur grafisch und statistisch auseinander. Nicht mit Live-Bildern und Live-Berichten, die uns schon wieder mit Ursache und Wirkung konfrontieren. Da schauen wir uns lieber erstmal beeindruckende Animationen über Klimakatastrophen und ihre Auswirkungen an. Bitte jetzt, Anfang des Jahres, noch keine Bilder von Klimaflüchtlingen! Ist es aber nicht nur ein Warm-up, ein Wachwerden, was wir gerade zu leisten haben? Für künftige Szenarien und noch komplexere Bildkompositionen, die uns bevorstehen? Packen wir´s an! Lasst es uns schaffen!
Von den Bildern, die wir auf uns wirken ließen, die uns emotional berührt haben, wenden wir uns den Worten, den Begrifflichkeiten zu. Benennungen für die unmittelbar betroffenen Menschen der Fluchtszenarien. Es ist der Grundwortschatz, den man verstanden haben muss, wenn man sich den aktuellen und künftigen Aufgaben der Integration widmen möchte. Wenige Begriffe nur und doch so oft missverstanden.

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Glossar zur Flüchtlingsdebatte.
Elmar Thomassek
ist Entrepreneur und Querdenker. Für forum wird er künftig gemeinsam mit Fritz Lietsch Ideen, Initiativen und Projekte zu den Schwerpunktthemen Energie, Mobilität und Integration realisieren. Wir freuen uns auf die Kommentare, Anregungen, Ideen und Initiativen unserer Leser und Leserinnen. Möge es ein gutes Jahr werden.
Gesellschaft | Migration & Integration, 01.01.2016
Dieser Artikel ist in forum Nachhaltig Wirtschaften 01/2016 - Herausforderung Migration und Integration erschienen.

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