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Mehr erreichen ...durch weniger tun

Zen gibt Orientierungshilfe

Die zunehmende Komplexität in der Geschäftswelt fordert viel von Managern. Viele fühlen sich gehetzt und leiden unter einem Mangel an Zeit. Alles muss effizient sein; immer mehr muss in immer kürzerer Zeit erreicht werden. Die Uhr ist entscheidend. Was man dabei verliert, ist die Verbindung mit einer anderen Wahrnehmung der Zeit, in der es Raum für Aufmerksamkeit und Solidarität gibt. Kann Zen dabei eine praktische Orientierungshilfe leisten?

Der japanische Begriff Zen ist auf das Sanskrit-Wort Dhyana zurückzuführen, was so viel bedeutet wie „sich nach innen wenden". Die Essenz des Zen liegt in der Ausbildung eines Zustandes ruhiger Wachheit, in dem man lernt, seine eigene Meinung zu zügeln. Die Zen-Praxis führt dazu, dass man langsam in die tieferen Schichten des Selbst vordringt, bis zum Kern der eigenen Essenz. Neben der Stille spielt in der Zen-Praxis die Aufmerksamkeit eine besondere Rolle. Aufmerksame Wachsamkeit ist hier ein Schlüsselbegriff. Dabei stellt sich natürlich die Frage, ob eine Disziplin, die so auf Stille konzentriert ist, für das moderne Business-Leben überhaupt geeignet ist.

Die Kraft der Aufmerksamkeit
Wie wichtig die Aufmerksamkeit in der Zen-Disziplin ist, wird in der folgenden Geschichte deutlich. Es geht um einen einflussreichen Mann, der den berühmten Zen-Meister Ikkyu besucht. Er fragt ihn, ob er die Essenz des Zen erklären kann. Ikkyu nimmt sofort seinen Pinsel und ein Blatt Papier und schreibt: Aufmerksamkeit. Der Mann schaut erstaunt und fragt: „Ist das alles, können Sie mir etwas mehr hierüber sagen?" Wieder greift Meister Ikkyu zum Pinsel und schreibt: Aufmerksamkeit, Aufmerksamkeit. Der Mann ist inzwischen merklich irritiert. Hat er diese lange Reise gemacht, um eine so schlichte Bemerkung zu hören? Noch einmal fragt er, ob das wirklich alles sei. Und wieder nimmt Meister Ikkyu seinen Pinsel und schreibt: Aufmerksamkeit, Aufmerksamkeit, Aufmerksamkeit.

Der Gast hatte etwas anderes, etwas Außergewöhnliches erwartet, und darin unterscheidet er sich kaum von uns. Auch wir glauben, dass wahre Weisheit als etwas Besonderes zu uns kommt. Aber der wesentliche Punkt ist, die Dinge auf eine andere Weise zu sehen, indem man sich immer wieder ausrichtet auf ein bewusstes Sein. Hier, in diesem Augenblick. Wenn man versucht, diese Praxis der Achtsamkeit in jedem Moment zu üben, stellt man leicht fest, dass dies weniger einfach ist, als man glaubt. Erst dann bemerken wir, dass wir in der Regel gar nicht in der Gegenwart präsent sind, sondern vor allem in unseren Gedanken, meist in der Zukunft oder in der Vergangenheit.

Indem wir immer wieder unsere Aufmerksamkeit auf die Gegenwart richten, lernen wir, darin aufzugehen. Hierdurch entsteht eine bessere Konzentration, eine bewusstere Präsenz bei der Arbeit, bei allem, was wir tun. Wir lassen uns weniger schnell von den Dingen, die uns durch den Kopf gehen und sich in unserer Umgebung zeigen, ablenken. Durch dieses Schulen der Konzentration kommen unsere Gedanken immer mehr zur Ruhe und wir kommen ganz allmählich mit unserem ganzen Wesen in der Gegenwart an.

Die Wirksamkeit der Stille
Ruhe und Stille erhöht die Effektivität. Foto: pixabayDer Aspekt des „in die Stille Kommens" im Zen ist ein wesentlicher Bestandteil unseres Seins. Wenn wir uns täglich Momente der Reflexion gönnen, zum Beispiel nach einer intensiven Sitzung oder beim Schreiben lästiger Korrespondenz, wenn wir einen Augenblick Abstand nehmen von dem, was uns beschäftigt, können wir bemerken, dass die eigene Leistung effektiver wird. Dank der inneren Stille wird man im Geist empfänglicher. Es geht um den Raum des Nicht-Tuns, was in Anbetracht unseres Drangs zur Aktivität zunächst einmal eine seltsame Erfahrung sein kann. Man zieht sich zurück aus dem aktiven Akt des Handelns. Auf diese Weise werden die Sinne geschärft. Verstand, persönlicher Wille und Gefühl verschmelzen zu einer umfassenden Beobachtung, wodurch auch sehr subtile Signale wahrgenommen werden können. Bevor wir jedoch diese Auswirkungen der inneren Stille erleben können, wird uns an erster Stelle auffallen, wie viel Aktivität es in uns selbst gibt, wie viele Gedanken uns durch den Kopf wirbeln. Hier kann es helfen, unsere Aufmerksamkeit auf etwas zu richten, das nicht mit unserem Denken verbunden ist. Ein sinnvoller Fokus für unsere Aufmerksamkeit ist der Atem, den wir in jedem Moment zu unserer Verfügung haben. Wenn wir die Aufmerksamkeit auf den Atem richten, können wir, sobald Gedanken entstehen, immer wieder zum Atem zurückkehren. So lernt man, die Gedanken in einer aufmerksamen Haltung wahrzunehmen, sie zu beobachten.

Offener Geist
Diese aufmerksame Haltung ist ein wichtiges Element im Zen, weil sie eine heilsame Wirkung auf all die Widersprüche hat, denen wir täglich bei der Arbeit oder im Privatleben begegnen. Zen bietet einen innovativen, praktischen Weg zum Umgang mit solchen Spannungen. Im Zen wird immer wieder auf die Einheit der Dinge hingewiesen, die hinter der Verschiedenheit, hinter den Widersprüchen verborgen liegt. Es geht dabei sicher nicht um richtig oder falsch oder um mehr Wertschätzung für das Eine oder für das Andere. Das Wesentliche lässt sich allein „in der rechten Mitte" entdecken, im mehr oder weniger „Zufälligen", wie diese besondere Wahrnehmung bisweilen beschrieben wird. Das klingt natürlich etwas vage und hat wenig Konkretheit. Daher versucht man im Zen, Klarheit zu entwickeln, indem man sich in Koans, das sind rätselhafte Dilemmata, vertieft.

Beispielsweise gibt es einen alten Zen-Text, in dem steht, dass der ultimative Weg der Weisheit nicht schwer ist, wenn wir uns fernhalten vom Wählen. Das klingt zunächst ziemlich unsinnig. In unserem Leben sind wir täglich gezwungen, Entscheidungen zu treffen. Wie können wir jemals Weisheit erlangen, wenn wir aufhören zu wählen? Doch wenn wir vor einer Wahl stehen, haben wir in den meisten Fällen einen persönlichen Vorteil im Auge. Unser Ich will immer alles. Und das ist genau das, was uns in Konflikte bringt. In einem inneren Dialog versuchen wir dann, alle Vor- und Nachteile und alle möglichen Optionen zu prüfen. Zen deutet jedoch auf die Einheit der Dinge. Der Punkt ist, uns dieser Einheit bewusst zu werden, die hinter dem dualistischen Denken, hinter unserer Unterscheidung in gut oder schlecht verborgen liegt. Die Natürlichkeit, die darin liegt, können wir körperlich spüren, wenn wir sie aufmerksam mit unserem ganzen Wesen wahrnehmen. Wenn uns kalt ist, ziehen wir eine Jacke an, ohne darüber nachzudenken. Und das ist genau das, was Zen zum Ausdruck bringen will. Es geht nicht darum, Kraft unserer Gedanken zu entscheiden, eine Jacke anzuziehen, sondern diese Handlung erwächst aus unserer ganzen Körperlichkeit, aus unserem Wesen, so dass die Wahl sich aus der umfassenderen Einheit unserer Existenz entfaltet. Wenn eine Entscheidung auf diese Weise zum Vorschein tritt, gibt es keine Frage der Vorliebe oder Abneigung. Sie entfaltet und entwickelt sich einfach, und unsere Gedanken und unser Wille sind nicht mehr entscheidend. Eine solche Entscheidung wird völlig offen und klar sein.

Zen als Quelle der Weisheit in der Führung
Viele Führungskräfte meinen, dass sie, wenn sie mit einem bestimmten Dilemma konfrontiert sind, gleich eine Lösung finden müssen. Sie zwingen sich gewissermaßen selbst dazu, eine Wahl zu treffen und lassen sich dabei unbewusst von ihrem Willen treiben. Zen weist jedoch auf eine andere Perspektive. Es ist möglich, ein Problem zunächst aus innerer Distanz zu beobachten und sich der Spannung, die ein Dilemma mit sich bringt, bewusst auszusetzen. Dann kann in einem inneren Raum der Freiheit wie von selbst eine überraschende, neue Erkenntnis zur Reife gelangen. Solche Erkenntnisse scheinen zwar etwas mehr Zeit zu brauchen, weil sie sich nicht erzwingen lassen, aber letztlich sind sie sehr viel effektiver, gerade weil sie nicht allein aus dem Denken entstehen.
 
Der ultimative Weg ist nicht schwer,
wenn du nur aufhörst zu wählen, wird alles offen und klar.

Shinjin -Mei 
 
Welchen Unterschied eine solche Haltung machen kann, durfte ich in der Arbeit mit einem kleinen Management-Team erleben, das ich vor kurzem begleitete. Das zentrale Thema der Führungskräfte war, dass sie angesichts der begrenzten Größe des Teams eigentlich nicht in der Lage waren, große Deals zu bewerkstelligen. Zu dieser Zeit lag eine ganze Reihe von kleineren und größeren Investitionsmöglichkeiten auf dem Tisch. Die Mitglieder des Teams entschlossen sich, nicht sofort zu entscheiden, sondern die Dinge zunächst einmal offen zu halten und alle Optionen auf sich wirken zu lassen. Schritt für Schritt tauschten sie ihre Gedanken aus, besprachen sich und brachten ihre Erkenntnisse immer wieder in den Verhandlungsprozess ein. Mehr und mehr wurden sie sich dabei der wahren Kraft bewusst, die in ihrem Team steckte, unabhängig von seiner personellen Größe. Und schließlich gelang es ihnen, für ihr Unternehmen den größten Deal aller Zeiten abzuschließen. Eine Entwicklung, die sie bis dahin nicht für möglich gehalten hatten. Der Geist scheint Dimensionen zu beinhalten, die weit über das Denken hinausgehen. Wenn das Denken für eine Weile still wird, zur Ruhe kommt, kann das zu Erkenntnissen führen, an die die Ebene unserer Gedanken nicht heranreicht.

Die Einsicht der Weisheit
Solche Erkenntnisse können sich jedoch nur entwickeln, wenn wir in der Lage sind, aus der Welt unserer eigenen Gedanken herauszutreten. Dann entsteht ein Raum der Freiheit, aus dem heraus wir die Ereignisse in unserer Umwelt klarer sehen können. Indem wir uns bewusst werden, dass wir nicht nur ein aktives "Ich" sind, sondern gleichermaßen ein beobachtendes, stilles Wesen besitzen, können wir die Wirklichkeit wahrnehmen, so wie sie sich tatsächlich präsentiert, ohne dass unsere persönlichen Präferenzen dazwischenfunken. Wenn wir uns in dieser kontemplativen inneren Haltung üben, lernen wir, wie sich aus der stillen Wachsamkeit der Prozess der Entscheidungsfindung entfaltet, und wir erkennen, wie wir im richtigen Moment im Einklang mit dem, was ist, handeln können. Ein Text aus dem Tao Te King drückt das so aus:
Wer tut, fehlt.
Wer festhält, verliert.
Deswegen tut der Weise nicht
Und alles wird getan.

Offenheit und Uneigennützigkeit sind hier zentral. Mit einem offenen Geist, frei von Gedanken, kommt die richtige Einsicht zustande. Dieser tiefsinnige chinesische Text weist klar darauf hin. Wir alle sind so fixiert auf unser Denken und betrachten es oft als die einzige Wahrheit, aber zu unserer Überraschung zeigt sich immer wieder, dass die Realität sich ganz anders gestaltet, als wir sie uns vorgestellt haben.

Die Bedeutung von Zen für Leadership
Zen ist zugänglich für jeden, der bereit ist zur Selbst-Entwicklung, und bietet für eine zeitgemäße Führung eine neue und erfrischende Perspektive. Zen zeigt, dass Aufmerksamkeit und Stille nicht nur zu besserer Konzentration, sondern auch zu einer effizienteren Arbeit führen. Ein Beispiel aus der Praxis, das den positiven Einfluss des Schweigens erkennbar macht: Versuchen Sie einmal, ein Treffen mit Kollegen mit einigen Minuten der Stille zu beginnen. Auf diese Weise hat jeder die Gelegenheit, sich nach innen zu richten und sich bewusst zu werden, was gerade das wichtigste Thema in diesem Meeting für ihn ist. Wahrscheinlich werden Sie merken, dass sich aufgrund dieser reflektiven Haltung alle Beteiligten aus einer anderen, zielführenden Ausgerichtetheit begegnen. Ich höre immer wieder von Teams, mit denen ich arbeite, dass ein solcher bewusster Beginn Arbeitstreffen wesentlich effizienter werden lässt.

Die beruhigende Kraft von Augenblicken der Stille bei der Arbeit sorgt dafür, dass wieder ein mentaler Raum entsteht für persönliches Wohlbefinden und zwischenmenschliche Aufmerksamkeit. Dies sind wichtige Werte, die oft durch eine übermäßige Arbeitsbelastung gefährdet sind. Durch eine umfassendere und klarere Wahrnehmung bekommt man einen Einblick in die tieferen Schichten der Wirklichkeit. Dabei geht es mehr um ein Sein als um ein Handeln; eine Perspektive, die sich ungewohnt anfühlt, wenn wir an all die Aktivitäten unseres Arbeitslebens denken. Indem wir bewusst mehr Ruhe in den Tagesablauf einbauen, erweitern wir den begrenzten Raum des Denkens und schaffen eine innere Freiheit, die uns vom denkenden Geist unabhängig macht. Das Denken ist nicht unbedeutend, aber es ist nur eine Etappe auf dem Weg zu wahrhaft weiser Einsicht. Wenn wir das Denken loslassen können, sind wir in der Lage, grenzenlose Freiheit zu erleben und innovative Einsichten, die direkt hinter den Gedanken liegen, zu finden. Diese Freiheit erlaubt uns, still und wachsam, etwas weniger zu tun und viel mehr zu erreichen.
www.zenforleadership.com

Brigitte van Baren
studierte niederländisches Recht und gründete im Jahr 1992 die Beratungsgesellschaft Inner Sense. Als Trainerin für Teamentwicklung erschuf sie eine Methode, wie Führungskräfte auf spielerische Weise ihre Management-Fähigkeiten verbessern können. Als Zen-Lehrerin konzentriert sie sich auf Fragen der Leadership und mentalen Fitness. Sie ist Autorin mehrerer Bücher, darunter auf Deutsch: Zen in Leben und Arbeit – Von Achtsamkeit bis Zeitmanagement. Darüber hinaus ist sie Mitorganisatorin von Konferenzen wie Wings for Rio 2012, Welt Wasser Tag 2013 und Celebrating Soil 2015.
www.innersense.nl

Wirtschaft | Führung & Personal, 01.05.2016
Dieser Artikel ist in forum Nachhaltig Wirtschaften 02/2016 - Zukunft gestalten erschienen.
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