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Innovation trifft nachhaltige Landwirtschaft

Empowerment von KleinbäuerInnen im globalen Süden

Wie durch Online-Plattformen, Produzentengenossenschaften und Agrarforstwirtschaft Nahrungssicherheit und Empowerment von KleinbäuerInnen im globalen Süden erreicht werden kann.
 
Agrarforstwirtschaft stärkt Kleinbauern: Der 'Waldmacher' Tony Rinaudo wurde vergangenes Jahr mit dem Alternativen Nobelpreis ­ausgezeichnet. © Suzy SainovskiBis zur Mitte dieses Jahrhunderts werden voraussichtlich mehr als 9 Milliarden Menschen auf diesem Planeten leben, die meisten von ihnen im globalen Süden. Um all diese Menschen zu ernähren, sagt die Welternährungsorganisation, müssen bis zu 60 Prozent zusätzliche Nahrungsmittel zur Verfügung stehen. Jedoch wenn wir nur die Erträge steigern, mit den bisherigen „konventionellen" Methoden, bedeutet dies, dass sich die schon jetzt gravierenden Folgen für Mensch, Umwelt und Klima weiter verschlimmern. Ein „Mehr vom Alten" wird also nicht helfen. Wir müssen die Art, wie wir Lebensmittel anbauen, radikal ändern. Nur so kann es uns – laut Weltagrarbericht – gelingen, eine wachsende Weltbevölkerung in Zeiten des Klimawandels zu ernähren und den sozialen und ökologischen Kollaps zu vermeiden.
 
Fast 80 Prozent der Armen leben nach Angaben der FAO in ländlichen Gebieten, viele von ihnen sind Kleinbäuerinnen und Kleinbauern auf weltweit rund 500 Millionen Bauernhöfen. Ihnen müssen die richtigen Werkzeuge zur Verfügung stehen, ihr Land so zu bewirtschaften, dass Ertrag und Verdienst für die Familien stimmen und das Land nachhaltig fruchtbar bleibt. Genau dafür steht Agrarökologie.
 
Nachdem der World Future Council vergangenen Herbst auf politischer Ebene die besten agrarökologischen Gesetze mit dem „Polit-Oscar" Future Policy Award prämierte, ging dieser nun zusammen mit dem Start-up TAGS (Technology for Agroecology in the Global South) auf Schatzsuche: Mit der Auszeichnung „Outstanding Practices in Agroecology 2019" wurden am 18. Januar die besten Praxisbeispiele geehrt, die Kleinbetriebe stärken sowie nachhaltige Ernährungssysteme und widerstandsfähige landwirtschaftliche Praktiken fördern. Die fünfzehn ausgezeichneten Praxisbeispiele aus Afrika, Asien und Südamerika tragen dazu bei, die Bodenqualität schrittweise zu verbessern und die Anpassungsfähigkeit an den Klimawandel zu erhöhen. Die ausgezeichneten Praxisbeispiele stammen alle aus dem globalen Süden und leisten vor allem eines: Sie schaffen Innovation in der Landwirtschaft dort, wo sie gebraucht wird und sind somit spezifisch an die Bedürfnisse von Mensch, Natur und Wirtschaft vor Ort angepasst.
 
Produzentengenossenschaften in Indien konnten den Kleinbauern ihre Unabhängigkeit von Saatgut-Produzenten wiedergeben. © Alliadev, Igapura, 2017Valerie von Koerber und Samuel Wagner, Gründer des Start-ups TAGS, sehen in der Kombination aus Innovation und Nachhaltigkeit großes Potenzial: „Innovation entsteht dann, wenn Menschen, die ihre Herausforderungen angehen, über den Tellerrand schauen", so die beiden bei der Verkündung Mitte Januar. „Die Praxisbeispiele zeigen auf beeindruckende Weise, wie ganzheitliche, innovative Ansätze Landwirtschaft zu einem Schlüsselelement für die Bekämpfung von Hunger, Armut, Klimawandel und Artenrückgang machen.”
 
Ein spannender Ansatz, Bioprodukte direkt vom Erzeuger an Verbraucher zu vertreiben, stammt aus Benin. Hier hat sich das Greentech-Unternehmen „Premium Hortus" auf E-Commerce von lokalen agrarökologisch und biologisch produzierten Lebensmitteln spezialisiert. Auf der Online-Plattform können Kunden per Abo günstige Biolebensmittel erwerben. Auf der Erzeuger-Seite bietet „Premium Hortus" Fortbildungen für seine Produzenten an, wodurch die Kleinbäuerinnen und Kleinbauern nicht nur Ernteverluste um die Hälfte reduzieren konnten, sondern im Vergleich zur konventionellen Landwirtschaft 47 Prozent weniger CO2-Emissionen produzieren. Das Start-up aus Benin expandiert gerade nach Marokko, Togo und Kamerun.
 
Eine andere Herangehensweise verfolgt das älteste ausgezeichnete Praxisbeispiel, welches aus Ägypten stammt. Die SEKEM-Initiative und ihr Gründer Ibrahim Abouleish (1937-2017) wurden bereits 2003 mit dem Alternativen Nobelpreis ausgezeichnet für ein „Geschäftsmodell des 21. Jahrhunderts, das kommerziellen Erfolg mit sozialer und kultureller Entwicklung verbindet", so die Begründung der Jury. 1977 wurde die SEKEM-Initiative mit der Vision von nachhaltiger Entwicklung durch einen ganzheitlichen Ansatz ins Leben gerufen: Ökologie, Wirtschaft, Gesellschaft und Kultur sollen dabei gleichrangig betrachtet und behandelt werden. Heute ist SEKEM eines der führenden sozialen Unternehmen, das rund 684 Hektar Land nach 100 Prozent biologisch-dynamischen Methoden bewirtschaftet und all seine Zweifler eines besseren belehrt hat: Die Wüste wurde mithilfe einer konsequenten Nutzung von Kompost begrünt und fruchtbar gemacht. Und es zeigt, dass es anders geht: Insbesondere beim Anbau von Baumwolle wird oft die aggressive Schädlingsbekämpfung mit dem Wunsch nach hohen oder steigenden Erträgen begründet. Heute überholt SEKEM die Konkurrenz bei der Baumwollproduktion um ein Drittel, während auf Pestizide vollständig verzichtet wird.
 
High Tech und Nachhaltigkeit gehören zusammen, wie das Green-Tech-Unternehmen 'Premium Hortus' aus Benin zeigt. © Alliadev, Igapura, 2017Aus Kuba stammt eine Praxis der Schädlingsbekämpfung, die mit agrarökologischen Methoden sehr erfolgreich ist. Hier wird vor allem auf Selbstregulierung und den Erhalt eines natürlichen Gleichgewichts gesetzt. Das Programm bildet die Bauern in agrarökologischem Schädlingsmanagement aus, die es danach selbst verbreiten. Derzeit gibt es etwa 380.000 „Urban Farms", die 50.000 ha Brachland im städtischen Bereich bewirtschaften. Sie verzichten auf chemische Schädlingsbekämpfung und produzieren etwa anderthalb Millionen Tonnen Gemüse jedes Jahr.
 
Wie vielerorts wurde im indischen Bundesstaat Andhra Pradesh vor vier Jahrzehnten, anstatt auf lokal angepasste und nachhaltige Sorten auf sogenannte „Cash Crops" (Marktkulturen) gesetzt, die Abhängigkeiten zu Saatgutkonzernen schafften. Während die Ausgaben der Kleinbäuerinnen und Kleinbauern ständig stiegen, stagnierten oder fielen ihre Einnahmen. Traurige Folge dieser Entwicklung waren vermehrte Suizide im kleinbäuerlichen Milieu wegen der immer mehr steigenden Schulden. Oft wurde auch das eigene Land aufgegeben und zu einer wenig nachhaltigen Tätigkeit als Tagelöhner gewechselt, was neue Unsicherheiten brachte. Insgesamt wurden patriarchale Strukturen gestärkt, Frauen marginalisiert und die Jugend zunehmend entmutigt, da ihnen die Zukunftsperspektiven fehlten. Das Timbaktu Kollektiv wurde 1991 ins Leben gerufen mit dem Ziel, zunächst den Naturraum mit agrarökologischen Methoden wieder herzustellen. Die Graswurzelorganisation legte besonderen Wert darauf, Frauen und junge Menschen zu stärken. Durch ihre Arbeit konnte sie vielen Menschen, die in der Landwirtschaft tätig waren, agrarökologische Anbauweisen vermitteln und ihnen die Unabhängigkeit über ihr Saatgut wiedergeben. Sie begann mit nur 27 Kleinbäuerinnen und Kleinbauern in einem Dorf, während heute 2.080 Familien in 58 Dörfern von diesem Projekt profitieren - viele von ihnen halten Anteile an der eigenen Produzentengenossenschaft, welche ihnen faire Preise zahlt und ihre Produkte im Süden ganz Indiens vermarktet.
 
Durch biologisch-dynamische Anbaumethoden überholte die ägyptische Intiative SEKEM sogar die konventionell anbauende Konkurrenz. © The Timbaktu Collective | SEKEMDie Praxisbeispiele zeigen, dass die Abhängigkeit von Saatgut-Konzernen, synthetischen Pestiziden und schwerer Maschinerie im globalen Süden kein Schicksal ist. Mutige Gründerinnen und Gründer haben in ihren zunächst oft lokalen Initiativen gezeigt, wie man erfolgreich das Landwirtschafts- und Ernährungssystem zum Wohl von Mensch und Umwelt umgestalten kann. Oft, wie beim Beispiel „Bauerngemanagte natürliche Regenerierung (FMNR)", sind die Projekte innerhalb kurzer Zeit expandiert und tragen ihre erfolgreichen Methoden ins Ausland. Im Niger, wo FMNR ursprünglich mit Bauern entwickelt wurde, breitete sich die Methode auf 5 Millionen Hektar aus und erweckte 200 Millionen Bäume wieder zum Leben. Dank FMNR produzieren lokale Bauern nun jedes Jahr 500.000 Tonnen Getreide mehr und tragen damit zur Nahrungssicherheit von ca. 2,5 Millionen Menschen bei. Derzeit wird FMNR in über 24 Ländern in Afrika, Asien und Lateinamerika praktiziert. Das Programm und ihr Gründer Tony Rinaudo wurden vergangenes Jahr mit dem Alternativen Nobelpreis geehrt.
 
Jüngst bemerkte Prof. Dr. Franz-Theo Gottwald, Aufsichtsratsvorsitzender der Stiftung World Future Council und CEO der Schweisfurth Stiftung, die sich für umweltgerechte Landwirtschaft einsetzt: „Um Hunger, soziale Ungleichheit, Klimawandel und den Verlust von Biodiversität erfolgreich anzugehen, ist eine Agrarwende zu nachhaltigen Nahrungs- und Landwirtschaftssystemen dringend nötig. Diese Auszeichnung wirft ein Schlaglicht auf Lösungen, die für die Menschen vor Ort wirklich funktionieren und stärkt diejenigen, die für die Nahrungssicherheit des globalen Südens verantwortlich sind: Kleinbäuerinnen und Kleinbauern."
 
Kurzum, diese „Outstanding Practices in Agroecology 2019" lohnt es sich wirklich näher zu studieren und ich wünsche mir sehr, dass sich die ausgezeichneten Praxisbeispiele nicht nur im globalen Süden verbreiten – sondern dass auch wir im globalen Norden über den Tellerrand schauen und von den guten Vorbildern in Ägypten, Benin, Indien und anderswo lernen.
 
Mehr über die Praxisbeispiele finden Sie auf der Website des World Future Councils.
 
Ingrid Heindorf ist seit 2010 bei der Stiftung World Future Council (WFC) tätig. Sie ist Projektmanagerin Agrarökologie und die Koordinatorin des Genfer Verbindungsbüros.

Quelle: World Future Council. Stimme zukünftiger Generationen

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