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Klimaneutrales Oktoberfest

Wie funktioniert das?

In seiner Rede im Hofbräu-Festzelt vom 16.09.2019 beschreibt Manfred Mödinger den Weg vom ersten Öko-Audit bis zum klimaneutralen Ausschank. 
 
Erstmals werden 2019 alle Hofbräu Biere und die Festbetriebe in denen sie ausgeschenkt werden „klimaneutral" sein. Wie kam es dazu? Und was heißt das überhaupt?
 
Zertifikatsübergabe: Dr. Möller, Frau Abler, Herr Abler, Herr Gamperl, Herr Mödinger © HofbräuHofbräu München ist eine der ganz wenigen Brauereien die sich schon seit dem letzten Jahrhundert einem umfangreichen und systematischen Umweltengagement hingeben. Mit meiner Mithilfe begann die Brauerei 1998 mit dem damals noch „Öko-Audit" genannten Prozess sämtliche Aktivitäten der Brauerei zu durchleuchten und sich regelmäßig Verbesserungsziele zu setzen und diese mit konkreten Maßnahmen zu unterfüttern.
 
Nachdem der europäische Gesetzgeber daraus die sogenannte „EMAS-Verordnung" gemacht hat, war HB 2001 bei den ersten Brauereien in Europa dabei, die nach EMAS validiert wurden. Seitdem ist die Intechnica, Ingenieurbüro aus Nürnberg als Prüfer bei HB zuständig.
 
Hofbräu macht vieles anders, wie andere Industriebetriebe. Hier wird 20 Jahre akribisch am Umweltschutz gearbeitet, bevor man der Öffentlichkeit etwas davon erzählt. In der Regel läuft es genau andersherum ab. Aber wir sind fest davon überzeugt, dass dieses Vorgehen, das glaubwürdige Vorgehen ist, dem die Menschen vertrauen können.
 
Hofbräu München Vorreiter im Klimaschutz
Übergabe CO2 Zertifikat Umweltministerin 2017 - Dr. Möller, Umweltministerin U. Scharf © HofbräuBeim Klimaschutz läuft es genauso. Von Anfang an standen die Einsparmaßnahmen der Energie und damit die Reduktion des Ausstoßes an Klimagasen im Mittelpunkt der Aktivitäten. Ein absoluter Meilenstein auf diesem Weg war 2009 die Umstellung der ganzen Brauerei auf Öko-strom aus Wasserkraft. Damit sank der Kohlendioxidausstoß der Brauerei schlagartig um über 1.000 Tonnen pro Jahr.
 
In den letzten Jahren waren der Einbau einer neuen Flaschenwaschmaschine, der Umbau des Sudhauses und die Umstellung der Beleuchtung auf massiv stromsparende LEDs die wichtigsten Maßnahmen um den Wärme- und Strombedarf und damit die Verbrennung von Erdgas und den Klimagasausstoß deutlich zu senken. Doch HB hat nicht nur „Standardmaßnahmen" betrieben, wie sie die Industrie schon aus Kostengründen verfolgt. Die Klimakrise ist zu ernst und die Anstrengungen den Ausstoß von Klimagasen zu reduzieren sind zu wichtig, um dabei stehen zu bleiben.
 
Hofbräu München hat deshalb als erste Brauerei der Welt 2010-2011, zusammen mit der Universität und dem Wissenschaftszentrum Umwelt in Augsburg den Klimagasausstoß von Bier über die gesamte Prozesskette vom Acker bis zum Kunden hinweg untersuchen lassen. Die Ergebnisse wurden als Buch veröffentlicht.
 
Dies ist auch deshalb so besonders, weil es bis dato überhaupt nur ganz wenige solche Betrachtungen des Zusammenhangs von Herstellungsweise und Klimagasausstoß in der weltweiten Industrie gegeben hat.
 
Auf dieser Basis wurde die Klimastrategie des Unternehmens entwickelt, mit dem Ziel mittelfristig komplett klimaneutral zu arbeiten.
 
Dabei wurden zwei Grundprinzipien formuliert: 
  1. Die Reduktion des Ausstoßes von Klimagasen hat immer oberste Priorität vor allem Anderen.
    Konkret bedeutet das, den Klimagasausstoß pro erzeugtem Hektoliter Bier der Brauerei bis einschließlich 2019, im Vergleich zu 2011 um 30% zu senken. Das ist sehr anspruchsvoll, deshalb könnte es sein, dass das erst 2020 erreicht wird.

  2. Für den Rest des Ausstoßes an Klimagasen sollen Kompensationsmaßnahmen in Bayern entwickelt werden. HB will ein Maßnahmenprogramm mit „Bayerischem Gold-Standard".
Sich so etwas 2012 vorzunehmen war geradezu revolutionär und ein äußerst anspruchsvolles Vorhaben.
 
Es ist kein Kunststück zu den Klimazertifikatehändlern auf den globalen Markt zu gehen, denen Geld zu geben und die kümmern sich dann um schöne und zweifelsohne wichtige Projekte in der südlichen Hemisphäre.
 
Es ist unendlich viel anspruchsvoller solche Projekte selber zu organisieren und vor allen Dingen die Berechnungen der Klimagasbindung und deren unabhängige Zertifizierung zustande zu bringen. Entsprechend gab es auf diesem Weg nicht wenige Rückschläge. So suchte HB zunächst den Kontakt zum Bund Naturschutz um dessen Moorregenerationsmaßnahmen in Bayern zu unterstützen. Das wäre sinnvoll gewesen, aber diese Maßnahmen waren nicht messbar und damit nicht zertifizierbar.

Da Renaturierungen der Moore ganz hervorragend geeignet sind um Klimagas aus der Atmosphäre zu entnehmen und im Moorboden zu speichern, wollte HB das Thema weiterverfolgen. Es folgte der Kontakt zum Bayerischen Naturschutzfonds. Ein erstes Projekt bei Schäftlarn scheiterte noch an der Akzeptanz durch den Grundeigentümer.
 
So konnte ein erstes Projekt erst 2017 zusammen mit dem Bay. Naturschutzfonds durch die Renaturierung eines Moorgebiets im Weitmoos in der Gemeinde Eggstätt im Chiemgau realisiert werden. Damit werden über einen Zeitraum von 50 Jahren hinweg über 1.100 Tonnen Klimagase gebunden. Mit der Hochschule Weihenstephan wurde ein Mess- und Zertifizierungskonzept entwickelt und umgesetzt.
 
Dann hörten wir von einem Projekt in der Steiermark, wo Landwirte durch gezielte Maßnahmen der Bodenregenierung und des Aufbaus von Humus Klimagas binden. Und so kamen wir zur Firma CarboCert und H. Abler aus Bodnegg am Bodensee.
 
Wie funktioniert das?
 
Klimagasbindung durch Bodenaufbau
Die Böden sind der wichtigste Kohlenstoffspeicher der Welt. Die Böden enthalten mehr Kohlenstoff als alle Pflanzen und die Atmosphäre der Erde zusammen. Es hat also eine Logik, durch zahlreiche humusaufbauende Maßnahmen über die Pflanzen Klimagas aus der Atmosphäre zu entnehmen und damit gleichzeitig den Boden zu regenerieren und seine Wasserspeicherfähigkeit zu erhöhen. Hier werden die Anforderungen des Klimaschutzes, des Boden- und des Grundwasserschutzes hervorragend verknüpft.

Die Finanzierung erfolgt durch den Erwerb von CO2-Zertifikaten bei der Firma CarboCert z.B. durch Hofbräu München. Damit werden die erforderlichen Humusaufbaumaßnahmen und Laboranalysen finanziert. Die beteiligten Landwirte werden bei ihren Aktivitäten zur Bodenverbesserung unterstützt. Das erleichtert die konsequente Umsetzung und ist eine klassische Win-win-Situation zwischen Umwelt, Landwirtschaft und Brauerei.
 
Im ersten Schritt konnte die Brauerei Herr Ulrich Gamperl, Landwirt in Thann bei Zolling gewinnen, in den nächsten 5 Jahren humusaufbauende Bewirtschaftungsmaßnahmen auf 44 Hektar seiner Ackerflächen durchzuführen, die dadurch gebundene Klimagasmenge durch Bodenmessungen nachzuweisen und in den Folgejahren weiter gebunden zu halten.
 
Klimaneutrales Oktoberfest
Hofbräu München hat jetzt den mit der Herstellung und dem Transport des auf der Wiesn konsumierten Oktoberfestbiers, sowie den mit dem Betrieb der vier, HB-Bier ausschenkenden Festbetriebe verbundenen Klimagasausstoß ermittelt. Damit sind, nach den städtischen Kompensationsmaßnahmen mit der Lieferung von Ökostrom und Ökogas, noch rund 66 Tonnen CO2-Ausstoß pro Jahr verbunden. Die Maßnahmen des Humusaufbaus bei H. Gamperl und die Renaturierung des Weitmooses kompensieren diesen CO2-Ausstoß vollständig. Der Gutachter des EMAS-Umweltmanagementsystems von Hofbräu, Dr. Reiner Beer, Intechnica Cert GmbH Nürnberg hat die Ermittlung und Kompensation dieses CO2-Ausstoßes als zutreffend validiert.
 
Damit sind Hofbräu-Oktoberfestbier und die ausschenkenden Festbetriebe 2019 und in den folgenden Jahren klimaneutral.

Kontakt: Stefan Hempl, Staatliches Hofbräuhaus in München 
stefan.hempl@hofbraeuhaus.comwww.hofbraeu-muenchen.de

Wirtschaft | CSR & Strategie, 18.09.2019

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