Hallo Erde
Der steinige Weg zum verantwortlichen Handeln
Ein Haufen unerschrockener Idealisten machte sich vor 40 Jahren auf den Weg, gesunde Ernährung und Umweltschutz zu propagieren. Erste Naturkostläden entstanden, die „Müslibewegung" machte sich auf den Weg. Wer hätte gedacht, dass ein Turnschuhrevoluzzer später deutscher Außenminister und dann Berater von Konzernen werden könnte. Wer hätte gedacht, dass ich bereits 2019 einen rückblickenden Bericht über 10 Jahre Nachhaltigkeit bei einem der führenden Lebensmittelanbieter Deutschlands schreiben würde? Er zeigt die vielfältigen Herausforderungen des Stakeholderdialogs und den steinigen Weg zum verantwortlichen Handeln.

Doch knapp 20 Jahre später konnte ich bereits „in Rente" gehen, um ein Jahr darauf, 2007, mit forum Nachhaltig Wirtschaften nun auch die „konventionelle Wirtschaft" für nachhaltiges Handeln und Corporate Social Responsibility zu begeistern. Und so war ich höchst erfreut, als ich 2009, also vor 10 Jahren, zum ersten Rewe Group Stakeholderdialog geladen wurde, dessen Zielsetzung es war, die Nachhaltigkeit „raus aus der Nische" zu holen. Grund genug für mich, heute zurückzublicken und zu fragen, ob und wie ein Großer der Branche seinen Kurs ändern und wirklich Nachhaltigkeit in sein Handeln integrieren kann.
Wer übernimmt Verantwortung?
Schon ein Jahr vor der Auftaktveranstaltung 2009 hatte die Rewe Group den Grundsatz „wir sind uns unserer Verantwortung bewusst und handeln nachhaltig" in ihr Unternehmensleitbild aufgenommen und ein strategisches Nachhaltigkeitsmanagement etabliert. Mit der 2010 verabschiedeten Leitlinie für nachhaltiges Wirtschaften wurde darüber hinaus ein Handlungsrahmen geschaffen, der die Grundlage für das Nachhaltigkeitsengagement der Rewe Group in nachfolgenden Bereichen bilden sollte:
- grüne Produkte
- Energie, Klima und Umwelt
- Mitarbeiter
- gesellschaftliches Engagement
Als ich 2010 den Rewe Group Dialog erneut besuchte – noch immer skeptisch, ob es denn wirklich ernst gemeint sei mit dem „raus aus der Nische", öffnete mir Ex-Außenminister Joschka Fischer im Gespräch die Augen: „Wenn Bio raus aus der Ecke und Nachhaltigkeit in die Köpfe und Herzen der Verbraucher kommen soll, dann ist ein großer Händler der ideale Transmitter. Kein anderes Geschäft wird so oft besucht wie der Lebensmitteleinzelhandel (LEH), kein Hersteller hat so intensiven Kontakt zum Kunden wie der LEH, kurzum: Der LEH ist der Gatekeeper bzw. Türsteher der Nachhaltigkeit."
Als die erste, riesige Auflage des „Hallo Erde!"-Kundenmagazins erschien, war mir der Weg klar: Ein Großer wie die Rewe kann vor Ort die Kunden und auch Mitarbeiter sensibilisieren und parallel dazu Schritt für Schritt ein entsprechendes Sortiment aufbauen, das nachhaltigen Mehrwert zu attraktiven Preisen bietet und damit den nachhaltigen Konsum in der Breite fördert.
Keine Scheu vor Kritik

Schon viel früher, bereits 1988, hatte Rewe als erster deutscher Supermarkt eine eigene Bio-Marke ins Sortiment eingeführt. Ab 1993 wurde der Faire Handel ein Thema und so brachte man als erster Händler bundesweit fairen Kaffee in die Regale. Es folgten Tee, Süßwaren und Reis sowie Fairtrade-Rosen. Immer mehr Eigenmarken tragen seitdem das Fairtrade-Siegel. 2014 gewann die Rewe Group den Fairtrade-Award in der Kategorie „Handel". Doch das Engagement erfordert Einsatz in vielen Bereichen. Seit 2008 setzt das Unternehmen eine nachhaltigere Bauweise von Handelsimmobilien nach den Kriterien der Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen (DGNB e.V.) um. Mittlerweile gibt es über 180 Green Buildings von Rewe, Penny und Toom Baumarkt in Deutschland, die moderne Architektur mit energieeffizienten Technologien und dem Einsatz regenerativer Energien kombinieren.
Stakeholder Engagement
„Stakeholder Engagement" ist eine zeitgemäße Form des Beziehungsmanagements. Es bezeichnet den aktiven Dialog eines Unternehmens mit seinen zentralen Stakeholdern, in dem es vor allem um Zuhören und um den Austausch geht. Ziel ist es gemeinsam Antworten auf strategische Fragen zu finden.
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Verpackungsmüll und Plastikflut
Der Verbraucher reagiert zunehmend sensibler auf Berichte über die unendlich wachsende Müllflut und den Plastikteppich in den Weltmeeren. Die umweltfreundlichere Gestaltung von Verpackungen ist deshalb in der Rewe Group in einer übergreifenden Strategie verankert. Zu den Maßnahmen zählen neben der vollständigen Auslistung von Plastikeinkaufstüten, Plastik-Einweggeschirr und Plastik-Einweghalmen die ganzjährig unverpackten Gurken, die Reduzierung von Folienstärken, die Umstellung von Folienverpackung auf Klebebanderolen oder Klebeetiketten. Zudem kommen Graspapier oder zertifiziertes Papier bei Schachteln für verpacktes Obst oder Recyclat bei Plastikflaschen für Putz-, Wasch- und Reinigungsmittel zum Einsatz. Im Obst- und Gemüse-Bereich setzt man bundesweit auf die Verwendung von Mehrwegfrischenetzen als umweltfreundlichere Alternative zu den Knotenbeuteln. Mit den bereits umgesetzten Veränderungen sparen allein Rewe und Penny aktuell pro Jahr rund 8.900 Tonnen an Kunststoff ein.
Zwischen Tierwohl, Bruderhahn und „Geiz ist geil"

Man sieht: Die Herausforderung für einen Lebensmittelhändler sind zahlreich und werden immer größer. Oft befindet er sich in einer Zwickmühle zwischen Konsumentenanspruch und Käuferverhalten. So ist das Tierwohl laut zahlreichen Studien zwar ein wichtiges Thema für viele Menschen, aber das resultiert nicht zwingend in der Bereitschaft, für mehr Tierwohl auch einen höheren Preis zu zahlen, egal ob bei Milch, Ei oder Fleisch. Man hat im konventionellen Handel somit noch einen weiten Weg zu einer artgerechten, zukunftsfähigen Nutzierhaltung – das betrifft das Preisniveau ebenso wie die gesellschaftliche Wertschätzung von tierischen Produkten.
Mitarbeiter sind Nachhaltigkeitsbotschafter
![]() Kulturwandel erfordert Geduld
Ein solcher Kulturwandel nimmt viel Zeit und Engagement in Anspruch. Es ist uns gelungen, das vermeintlich weiche Thema Nachhaltigkeit mit konkreten Zielen zu hinterlegen, die für uns nicht weniger relevant sind als unsere Finanzziele. Vor allem aber haben wir es geschafft, unsere Mitarbeiter dafür zu begeistern, sich das Thema Nachhaltigkeit zu eigen zu machen. Das erreicht man nicht allein über Schulungen, sondern nur über ein echtes Involvement: Wir berichten kontinuierlich in unseren internen Medien, haben in den vergangenen zehn Jahren unzählige Veranstaltungen zum Thema Nachhaltigkeit gehabt und integrieren Ausbildungs- und Weiterbildungsinhalte. Am wichtigsten ist aber aus meiner Sicht, dass unsere Führungskräfte im Vertrieb für das Thema stehen. Dafür brauchen wir vor allem unsere Kaufleute und Marktmanager als Multiplikatoren. Unter ihnen haben wir viele kreative Ideengeber, die mutig sind und immer wieder neue Dinge ausprobieren. Es gibt nichts Besseres in puncto Kundenbindung, als Mitarbeiter zu erleben, die mit Begeisterung für nachhaltige Themen stehen und diese vorantreiben. Mittlerweile erleben wir, dass glaubwürdig umgesetzte Nachhaltigkeit auch ein echter Vorteil im Recruiting ist: Bewerber setzen sich mit ihrem zukünftigen Arbeitgeber auseinander und machen Nachhaltigkeit zum Kriterium bei der Auswahl – da können wir punkten.
Dr. Daniela Büchel, Bereichsvorstand Handel Deutschland der Rewe Group
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Menschenrechte in der Lieferkette

Bei der im Juli veröffentlichten Oxfam-Studie zu Menschenrechten entlang der Lieferkette belegt die Rewe Group im nationalen Vergleich den zweiten und im internationalen Vergleich einen achten Platz. Insgesamt wurden 16 Handelsunternehmen bewertet. Auch hier will man laufend an einer Verbesserung arbeiten und durch konsequentes Engagement ins Spitzenfeld vorstoßen. Ambitionierte Projekte etwa im Bananenanbau sollen die Umwelt- und Lebensbedingungen im direkten Umfeld der Plantagen in Mittel- und Südamerika verbessern. Die Schwerpunkte liegen in den Bereichen medizinische Versorgung, Erziehung, Jugendarbeit, Trinkwasser-Infrastruktur und Artenvielfalt.
Mit kleinen Schritten vorangehen und Zeichen setzen.
Hohe Anforderungen und Standards bei den Eigenmarken haben Vorbildfunktion und ebnen neue Wege für den Massenmarkt, das gilt für Bananen und Orangen ebenso wie bei heimischem Obst und Gemüse. Seit 2016 vermarktet Penny unter der Eigenmarke Naturgut Bio-Helden Bio-Obst und -gemüse mit kleinen Schönheitsfehlern, um auf eine stärkere Wertschätzung von Lebensmitteln aufmerksam zu machen. Dafür ist das Unternehmen mit dem „Zu gut für die Tonne!" Bundespreis ausgezeichnet worden. Man kann also zufrieden sein, denn in 10 Jahren wurde bereits viel erreicht. Doch beim Dialog und Festakt im November 2019 gab es auch mahnende Worte von Rewe Group-Partnern und Stakeholdern, etwa von Olaf Tschimpke, dem scheidenden Präsidenten des Nabu Deutschland: „Solange sich der Handel noch immer mit Prospekten an die Konsumenten wendet, wo auf Seite eins marktschreierische Billigangebote beworben werden, setzt er falsche Signale!" Einer der wichtigsten Hebel bleibt also auch die Verbraucheraufklärung. Hier muss man politische Bildung unterstützen und schon in der Schule ansetzen. Nur im Schulterschluss zwischen Erzeugern und Produzenten, Naturschutz und Politik, Handel und Verbrauchern können wir echte, zukunftsfähige Ergebnisse erzielen.
Mein Fazit
Ja, es ist vieles in Gang gesetzt worden. Danke für 10 Jahre Engagement und Vorbildfunktion. Und: Es gibt noch viel, viel mehr zu tun. Ich sage nur: Hallo Erde!
von Fritz Lietsch
Existenzsichernde Einkommen für westafrikanische Kakaobauern
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![]() Neben der Zahlung eines Living Income Differentials umfasst das Projekt auch Schulungen, die von der Initiative für nachhaltige Agrarlieferketten (INA) und ihren lokalen Partnern umgesetzt werden. Schwerpunkte sind nachhaltigere Anbaupraktiken, eine effizientere Bewirtschaftung der Farmen sowie die Verbesserung des Managements der Kooperativen. Hinzu kommt der Anbau weiterer Kulturen wie beispielsweise Cashew-Bäumen, um zusätzliche Einkommensquellen für die Bauern zu generieren.
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Lifestyle | Essen & Trinken, 04.12.2019
Dieser Artikel ist in forum 04/2019 - Food for Future erschienen.

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