Social Business

Die andere Art des Wirtschaftens zeigt den Weg

Die momentane Krise macht es sehr deutlich: Unser aktueller Kapitalismus und die Art des Wirtschaftens führen zur Ausbeutung natürlicher Ressourcen, zu sozialer Ungerechtigkeit, enormer Umweltverschmutzung und Zerstörung von Lebensräumen. Wir alle wissen, dass wir auf einen Abgrund hinsteuern. Doch im Gegensatz zum Coronavirus haben wir bereits den lebenswichtigen Impfstoff und kennen die Lösungen, um die Umweltkrise abzuwenden: Unternehmen müssen nachhaltiger und sozialer, Konsumenten verantwortungs- bewusster in ihrer Kaufentscheidung werden. Die Politik kann dies durch Vorgaben, Incentivierung und Transparenz unterstützen. Ein weiterer Weg und damit ein ganz anderer Kapitalismus ist der des Social Business, des sozialen Unternehmertums.
 
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Ein Social Business ist ein Unternehmen, dessen Zielsetzung die Lösung eines gesellschaftlichen Problems ist, nicht die Profitmaximierung. Es hat wie jedes herkömmliche Unternehmen ein Geschäftsmodell und generiert Einnahmen. Allerdings werden Profite zu 100 Prozent reinvestiert, da das Unternehmensziel ja die Problemlösung ist. Je erfolgreicher das Unternehmen, also je mehr Umsatz generiert wird, desto größer der gesellschaftliche Mehrwert und damit die Eindämmung des Problems.
 
Ein Social Business ist damit eine neuartige Organisationsform. Es ist weder ein klassisches Unternehmen noch eine gemeinnützige Organisation. Diese Organisationen verfolgen zwar ebenfalls die Lösung gesellschaftlicher Probleme, aber sie haben kein Geschäftsmodell, oder generieren zumindest nur begrenzt Einnahmen und sind deshalb auf Spenden und Fördergelder angewiesen. Ein Social Business ist im Gegensatz dazu finanziell nachhaltig. Es benötigt ein Anfangsinvestment, um das Geschäft zu starten, ist aber darauf ausgelegt, mittel- und langfristig finanziell nachhaltig zu wirtschaften. Es muss mindestens seine Kosten decken und im Idealfall erwirtschaftet es einen Gewinn, der reinvestiert wird, um das Geschäft auszuweiten und Produkte/Dienstleistungen zu verbessern. Das Anfangsinvestment darf zurückgezahlt werden, darüber hinaus verbleiben alle Gewinne im Unternehmen und es werden keine Dividenden ausgeschüttet.
 
Die Unternehmensform der Zukunft
Social Business-Unternehmen (SBU) zeichnen sich durch weitere Grundsätze aus. Sie agieren auf einem hohen nachhaltigen Bewusstsein und sind Gendersensitiv. Mitarbeiter eines SBU werden zu marktüblichen Gehältern entlohnt, mit besseren Arbeitsbedingungen. Außerdem folgen sie dem Leitmotiv „Tue es mit Freude!". Social Business-Unternehmen vereinigen die Dynamik des Kapitalismus mit dem sozialen Bewusstsein des Gemeinwohls und stellen ein neuartiges Konstrukt dar. Das Konzept geht zurück auf den bengalischen Ökonomen Prof. Muhammad Yunus, der dafür 2006 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet wurde. Er unterscheidet zwei Typen von Social Business-Unternehmen.
 
Typ 1 ist der wirtschaftlich rentable, keine Dividende ausschüttende Unternehmenstyp, der ein soziales Problem beheben soll und den Investoren gehört, die alle Gewinne in den Ausbau und die Verbesserung des Unternehmens investieren. Typ 2 ist das Gewinn abwerfende Unternehmen, das im Besitz von Armen ist, entweder durch direkte Beteiligung oder durch ein Treuhandgremium, das sich einem bestimmten sozialen Anliegen verschrieben hat. Gewinne, die armen Menschen zufließen, tragen zur Linderung ihrer Armut bei, deshalb ist ein solches Unternehmen ein Beitrag zur Lösung eines sozialen Problems. Die Grameen Bank, die den Armen gehört, die zugleich Sparer und Kunden sind, ist ein Beispiel für diesen Typ des Social Business.

CSR ungleich Social Business
Corporate Social Responsibility (CSR) steht für verant- wortliches unternehmerisches Handeln in der eigentlichen Geschäftstätigkeit (Markt), über ökologisch relevante Aspekte (Umwelt) bis hin zu den Beziehungen mit Mitarbeitern (Arbeitsplatz) und dem Austausch mit den relevanten Anspruchs- bzw. Interessengruppen (Stakeholdern) eines profitorientierten Unternehmens. Ein Social Business hingegen hat die reine Zielsetzung, ein soziales Problem unternehmerisch zu lösen, und damit einen komplett anderen Unternehmensgegenstand. Ein profitorientiertes Unternehmen kann selbstverständlich auch ein Social Business gründen – solange es selbstlos und vollkommen separat vom Hauptgeschäft ist.

Yunus Environment Hub
Der Yunus Environment Hub fördert und entwickelt Social Business-Lösungen für die drängendsten Umweltprobleme in allen Teilen der Welt. Zusammen mit der Alliance to End Plastic Waste werden Zero Plastic Waste Citys in Südostasien aufgebaut, um Plastikabfall in den Meeren und der Natur zu bekämpfen. Am Amazonas werden Unternehmer unterstützt, die der Abholzung entgegenwirken und lokalen Gruppen wie indigenen Völkern eine Lebensgrundlage bieten. Mit ClimateSeed wurde ein Social Business zur Reduktion und Kompensierung von CO2-Emissionen ins Leben gerufen.
Der Yunus Environment Hub fördert Social Business-Unternehmer in Form von Inkubationsprogrammen und berät Unternehmen, Städte und Organisationen, die sich engagieren oder verändern möchten. In Vorträgen, Workshops und Trainings, zum Beispiel zum Thema Circular Thinking, kann man sein Wissen und seine Fähigkeiten gezielt weiterentwickeln.

Wie lösen Social Businesses gesellschaftliche Probleme?
Es gibt verschiedene Ansätze wie SBU gesellschaftliche Probleme unternehmerisch lösen können. Die erste Kategorie stellen SBU dar, die über den Verkauf eines Produktes oder einer Dienstleistung einen gesellschaftlichen Mehrwert kreieren, von dem ihre Kunden direkt oder zumindest indirekt profitieren, zum Beispiel durch erschwingliche Preise, einen vereinfachten Zugang oder besonders umweltfreundliche Produkteigenschaften. Ein Beispiel ist Recup, ein Unternehmen, das Cafés, Bäckereien oder Kantinen Mehrwergpfandbecher zur Verfügung stellt, um den Abfall, der durch
Einwegbecher anfällt (2,8 Milliarden pro Jahr in Deutsch- land) zu reduzieren. 

Eine zweite Wirkungsebene sind SBU, die Personengruppen beschäftigen, die Probleme haben, eine Anstellung zu finden. Dies können Menschen mit Behinderungen, Vorbestrafte, Geflüchtete, frühere Prostituierte, Drogenabhängige oder anderweitig in Not geratene und an den Rand der Gesellschaft gedrängte Personengruppen sein. Der Sozialunternehmer Dr. Andreas Heinecke etwa hat mit Dialog im Dunkeln ein Social Business etabliert, das tausenden von Blinden einen Job bietet. Sein Geschäftsmodell, eine Ausstellung in kompletter Dunkelheit, durch die Besucher von einem blinden Guide geführt werden, wurde weltweit vielfach repliziert.

Des Weiteren gibt es SBU, deren Geschäftsmodell auf dem „Upcycling" und Erzielen einer Kreislaufwirtschaft basiert. Beim Upcycling werden Abfallmaterialien oder ausrangierte Produkte durch cleveres Design zu neuen Produkten umfunktioniert oder aufgewertet. Ein Bespiel für die Verlängerung von Produktlebenszyklen ist Gabarage Upcycling Design, ein innovatives Geschäftsmodell für Kleidung, Accessoires, Möbel und Wohndeko aus Upcycling-Produkten. Aber auch Unternehmen, die neuwertige Produkte herstellen und dabei das Produktdesign so gestalten, dass die Produkte länger genutzt werden können, entwickeln positive Wirkkraft. Etwa dadurch, dass sie einfach zu reparieren oder recyceln sind. Das modulare Konzept der Shiftphones beispielsweise ermöglicht die einfache Reparierbarkeit der Geräte und den Austausch einzelner Module. Damit wird der geplanten Obsoleszenz ein Riegel vorgeschoben.

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Eine weitere Wirkungsebene sind Social Businesses, deren Fokus auf der Verbesserung der Lage von Lieferanten von Rohmaterialien, Produkten oder Dienstleistungen liegt. Sie unterstützen Anbieter, die auf Grund ihrer Größe oder Situation gefährdet sind, von großen Abnehmern ausgebeutet zu werden. Die sozialen und ökologischen Dimensionen von Nachhaltigkeit stehen hier im Vordergrund. Perfect Day, eine Cafékette unter anderem am Frankfurter Flughafen, bezieht seine Kaffeebohnen aus dem südindischen Kerala, die dort von Kleinbauern in Permakultur im Regenwald angebaut und geerntet werden. Die Kaffeebauern erhalten eine gerechte, sogar über dem Fair Trade Standard liegende Entlohnung. Darüber hinaus werden die Profite von Perfect Day in die Bildung der Kinder der Kaffeebauern und in die Waldpflege investiert.

Social Business ist eine neue Idee, aber die Antriebskräfte, die der Gründung eines Social Business zugrunde liegen, sind jedem Menschen vertraut. Kreativität, Unternehmergeist und das Bestreben, die Welt zu verbessern – diese Gefühle teilen Millionen von Menschen. Und mehr braucht man nicht, um ein Social Business zu gründen. Wer ein Social Business gründet, fängt nicht mit der Suche nach einem Geschäftsfeld an, das maximalen Gewinn verspricht. Man wählt stattdessen ein soziales Problem aus, das zu lösen ist, und sucht dann nach einer unternehmerischen Lösung. Und diese Art des Wirtschaftens findet immer mehr Anhänger, denn, Hand aufs Herz, ist es nicht viel spannender, Lösungen für die drängendsten Probleme unserer Epoche zu finden, als blind dem Geld hinterher zu jagen? Es macht auf alle Fälle glücklich, gibt Sinn und hinterfragt uns, in welcher Welt wir leben möchten. Und darüber nachzudenken und tätig zu werden, dafür ist jetzt ein historisch idealer Zeitpunkt.

Christina Jäger ist Social Business-Unternehmerin und Mitgründerin des Yunus Environment Hubs, einem Kreativlabor mit Beratung für Social Business-Lösungen der Klima- und Umweltkrise. Im Fokus stehen innovative Lösungen zur Bekämpfung der Plastikflut, Abholzung der Regenwälder, CO2-Reduktion und Transformation unserer Wirtschaft zu einer Kreislaufwirtschaft, in der kein Abfall mehr entsteht.

Gesellschaft | Social Business, 10.06.2020
Dieser Artikel ist in forum 02/2020 - die Corona-Sonderausgabe - Einfach zum Nachdenken... und Handeln erschienen.
     
        
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