Muss ich als Otto-Normal-Verbraucher die Unzufriedenheit einiger weniger Berufsgruppen ausbaden?
Als Bahnkunde und freiberuflicher Philosoph hadert Christoph Quarch mit den angekündigten Lokführer-Streiks
Bahnreisende müssen sich im Januar auf neue Streiks der Lokführer einstellen. Auch wenn GdL-Chef Claus Weselsky derweil unbefristete Streiks ausgeschlossen hat, werden Unannehmlichkeiten im Reiseverkehr nicht ausbleiben. Und was, wenn dann auch noch blockierte Innenstädte dazukommen, weil unsere Landwirte gegen das Ende der Agrar-Diesel-Subventionen zu Felde ziehen? Es könnte sein, dass ein turbulenter Jahresauftakt auf uns wartet – was manchen Bürger zu der Frage veranlasst: Muss ich als Otto-Normal-Verbraucher die Unzufriedenheit einiger weniger Berufsgruppen ausbaden? Darüber sprechen wir mit unserem Philosophen Christoph Quarch.
Herr Quarch, haben Sie Verständnis dafür, dass Bahnkunden
über die Streikabsichten der Lokführer verärgert sind?

Die
Lokführer wollen außerdem eine Verkürzung der Wochenarbeitszeit von 38 auf 35
Stunden bei vollem Lohnausgleich. Finden Sie die Forderung überzogen?
Ich
weiß nicht, wie es ist, Lokführer zu sein. Deshalb will ich mir hier kein
Urteil anmaßen. Aber aus der Außenperspektive finde ich diese Forderung
problematisch. Die Gewerkschaft weiß doch, dass es der Bahn massiv an Personal
mangelt. Wer soll die Züge fahren, wenn die aktuellen Lokführer drei Stunden
weniger pro Woche arbeiten? An diesem Punkt vermisse ich die Solidarität der
Beschäftigten mit ihrem Arbeitgeber. Und dahinter versteckt sich vermutlich ein
größeres, gesellschaftliches Problem, über das viele Personalverantwortliche
klagen: eine ziemlich selbstzentrierte Grundhaltung der Leute, die nicht mehr
fragen, was sie ihrer Firma Gutes tun können, sondern die erwarten, dass ihre
Firma ihnen Gutes tut.
Die GdL
argumentiert, sie wolle eine kürze Wochenarbeitszeit, um den Lokführer-Job
attraktiver zu machen. Das klingt doch so, als sei man durchaus um das Wohl der
Bahn besorgt – nur dass man andere Wege dafür beschreiten möchte.
Ja,
das klingt so, aber ich bezweifele, dass es wirklich so ist. Anderenfalls hätte
man längst am Verhandlungstisch eine Lösung finden müssen. Nein, ich denke,
dass wir tatsächlich nicht umhinkommen, die grundsätzliche Frage zu stellen,
was eigentlich schiefgelaufen ist, dass die meisten Menschen in unserem Land
allem voran ihre eigenen Interessen verfolgen und kaum einen Blick dafür haben,
dass sie Teil einer Gesellschaft sind, auf deren Schultern sie ihren Ego-Trip
fahren. Bei den Landwirten, die jetzt über den Wegfall der Diesel-Subventionen
jammern, beobachte ich etwas Ähnliches: wenig Bewusstsein dafür, dass alles,
was man für sich beansprucht, von anderen aufgebracht werden muss. Mir fehlt
der Blick fürs Ganze.
Aber ist
es nicht völlig normal, dass die Menschen zunächst mal an sich denken. Jeder
muss doch irgendwie sehen, dass er sich und seine Familie ernähren und seinen
Wohlstand erhalten kann.
Nein,
ich finde das nicht normal; zumindest nicht natürlich. Von seiner biologischen
Grundverfassung ist der Mensch kein Egoist, sondern ein soziales Wesen. Zu
Egoisten sind wir erst dadurch geworden, dass wir uns mithilfe der neoliberalen
Wirtschaft eine Welt eingerichtet haben, die Egoismus belohnt und soziales
Denken bestraft. Natürlich ist das nicht – genauso wenig wie die Idee,
Wohlstand sei gleichbedeutend mit materiellem Reichtum bzw. einem Maximum an
freier Zeit. Philosophen und Weise haben das zu allen Zeiten bestritten und
darauf hingewiesen, dass Wohlstand immer etwas ist, das man mit anderen teilt
und das man anderen verdankt. Ich würde mir wünschen, dass wir wieder lernen, auf
die anderen Mitglieder der Gesellschaft zu hören, anstatt immer nur unsere
eigenen Ansprüche geltend zu machen. Sonst verlieren wir vollends den Sinn für
unsere Zusammengehörigkeit.

Technik | Mobilität & Transport, 18.12.2023

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