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Kernkraft-Ausstieg ist unumgänglich, aber was sind die Alternativen?

Interview mit Dr. Mario Speck

Die aktuellen Ereignisse in Japan haben das Thema Kernkraft-Ausstieg wieder in den Fokus der Politik gerückt. Bereits vor Monaten wurde die Verlängerung der Laufzeiten der deutschen Kernkraftwerke auf allen Ebenen heiß diskutiert, die reelle Gefahr, die von einem Kernkraftwerk ausgeht, wurde dabei immer klein geredet. Nach dem Vorfall in Japan musste die Regierung umdenken und setzt die Verlängerung der Laufzeiten vorerst aus. Die Regierungskoalition fordert Konsequenzen aus der Atomkatastrophe. So sollen nun doch sieben Altreaktoren abgeschaltet werden.

Dr. Mario Speick
Foto: © ActNow GmbH
Doch welchen Effekt hat ein noch frühzeitigerer Kernkraft-Ausstieg? Welche Rahmenbedingungen müssen von politischer und wirtschaftlicher Seite gegeben sein? Und welche Alternativen zur Kernkraft stehen derzeit wirklich zur Verfügung? Dr. Mario Speck, langjähriger Experte auf dem Gebiet Energieerzeugung und Initiator der Klimaschutz-Kampagne ActNow, gibt Antworten auf diese und andere Fragen.

Welchen Effekt hat ein frühzeitiger Kernkraft-Ausstieg?

Ein noch frühzeitigerer Kernkraft-Ausstieg in Deutschland hätte einen Effekt auf die Energieerzeugung, der bei dem aktuellen Stand zu vorübergehenden Versorgungsproblemen führen würde. Hierdurch fiele letztlich eine erhebliche CO2-freie Energieerzeugungskapazität weg. Ohne die Kernenergie wird in Deutschland die erste Reaktion der Märkte der vermehrte Einkauf von Strom aus Auslandsmärkten sein sowie der Ausbau der Übertragungskapazitäten in die Nachbarländer, wie zu unserem direkten Nachbarn und Kernenergiebefürworter Frankreich. Kurzfristig löst dies nur bedingt das Problem der Endlagerung des Atommülls und Deutschland wäre auch weiterhin von einer möglichen Atom-Katastrophe betroffen. Auch würden gegebenenfalls bei einer sehr schnellen Abschaltung der Kernkraftwerke so genannte "Brown-Outs" (das Absinken der Stromversorgung, vorzeitige Stufe eines Stromausfalles) drohen, die wiederum - wie aktuell in Tokyo zu beobachten ist - zu geplanten Stromabschaltungen führen. Letztlich ist es aber auch so, dass bei jeder frühzeitigeren Abschaltung der Kernkraft sehr hohe Anstrengungen und damit Investitionen erforderlich wären, um die Energieversorgung mit Importen und vor allem den erneuerbaren Energien stabil sicherzustellen. Ein Ausstieg ist allerdings politisch zeitgleich ein wichtiges Signal in Richtung erneuerbare Energien und erhöht so hoffentlich die Bereitschaft der Verbraucher hierfür auch mehr Geld auszugeben. Das wird übrigens in jedem Fall kommen, auch bei den aktuell geplanten Abschaltzeiträumen.

Welche Rahmenbedingungen müssen von politischer und wirtschaftlicher Seite für einen Kernkraft-Ausstieg gegeben sein?

Unternehmen handeln in einem komplexen wirtschaftlichen und sozialen Zusammenhang, bewegen sich aber immer auch in den gegebenen rechtlichen und marktseitigen Rahmenbedingungen. Die Politik muss also endlich stabile Rahmenbedingungen schaffen, damit es für Unternehmen lukrativ wird, umweltschonend und nachhaltig zu wirtschaften. Auf der anderen Seite sollten Projekte und Unternehmen, die regenerative Energien in Deutschland ausbauen, gefördert werden, solange der Verbraucher nicht bereit ist, für Nachhaltigkeit direkt Geld auszugeben. Bei Förderungen macht er dies natürlich dann indirekt ohnehin, zum Beispiel über die Umlage der Einspeisevergütungen auf die Netzentgelte. Es gibt mittlerweile sehr viele Möglichkeiten der Energiegewinnung, die der Umwelt nicht schaden. Deren Umsetzung und Weiterentwicklung muss aktiv unterstützt werden - auch von Seiten der Politik. Ein Beispiel wie die Politik in der Vergangenheit ohne erkennbaren Grund den Zugang zu erneuerbaren Energien blockiert hat, ist das Projekt "Norger". Dieses könnte mittels Seekabel aus Norwegen, preiswerten und sauberen Strom aus Wasserkraft liefern und somit Energie aus Kernkraft gegebenenfalls ersetzen. Die Umsetzung scheitert allein an dem nötigen Zusatz "Seekabel" in der Kraftanschlussverordnung des Netzanschlussvertrags (KraftNAV), um das Seekabel ans deutsche Stromnetz anschließen zu können. In Norwegen gibt es keine Kernkraft, die komplette Stromversorgung wird aus Wasserkraft erzeugt. Ein Import in das europäische Stromnetz könnte bis zu 60 europäische Kernkraftwerke ersetzen. Deutschland wird damit allerdings natürlich zum Stromimportland.

Welche reellen Alternativen gibt es derzeit zur Kernkraft? Welche erneuerbaren Energien müssen angestoßen und umgesetzt werden?

Es steht außer Frage, dass der Ausstieg aus der Kernkraft geschehen muss. Nicht nur im Hinblick auf die Katastrophe in Japan muss man derzeit sehr genau abwägen, was wann und wie möglich ist und was die bestehenden Technologien leisten können. Hier muss man ansetzen und investieren. Neue Kohle- und Gaskraftwerke waren bisher politisch und gesellschaftlich kaum realisierbar und stellen ein unkalkulierbares wirtschaftliches Risiko dar. Allerdings sind natürlich auch diese nicht 100%-umweltverträglich, weil sie einen vermehrten CO2-Ausstoß verursachen. Dieser müsste dann mit Zusatzinvestitionen vollständig kompensiert werden. Natürlich kann auch die Kompensation nur eine Übergangslösung sein. Wind und Sonne, die aktuell primären Erneuerbaren, sind leider nicht auf Knopfdruck verfügbar und die großtechnische Speicherung von Strom ist noch nicht möglich. Aufgrund der klimatischen Bedingungen in Deutschland sollte vor allem die Energiegewinnung aus Windkraft gefördert werden. Das Potenzial für Wasserkraft ist in Deutschland leider weitgehend erschöpft und ebenso aus Naturschutzgründen nicht problemlos. Lange wurde in Deutschland stark auf Solarenergie gesetzt, was allerdings wegen der mittleren Sonnenstunden in Deutschland wenig effizient ist. Solaranlagen verbrauchen sehr viel Energie bei der Herstellung und in Deutschland scheint einfach nicht oft genug die Sonne. Der Ausbau in sonnenreichen Gebieten Europas ist hier natürlich vorzuziehen, bedingt allerdings wieder die Stromübertragungskapazitäten. Und mal ehrlich, wer möchte schon viele neue Hochspannungsmasten in der Landschaft oder gegebenenfalls sogar vor der Haustür haben. Eine klare Voraussetzung für die weitere Steigerung der Erneuerbaren Energien ist also auch die Verbraucherakzeptanz. Das wird leider oft in der Diskussion vergessen, aber wenn Bürgerinitiativen heute schon massiv gegen neue Windparks und Hochspannungsleitungen vorgehen, so ist klar, dass ohne Akzeptanz der Bürger hier nicht mehr viel geht. Die dann oft herangezogenen Erdkabel würden den Strompreis in die Höhe schnellen lassen. Auch das müssten dann die Verbraucher eben akzeptieren.

Was kostet der Kernkraft-Ausstieg den Verbraucher?

Strom ausschließlich aus erneuerbaren Energien wird inklusive der Subventionen der neuen Erzeugungsstrukturen über Einspeisevergütungen und der erforderlichen Übertragungs-Verteilnetze vorerst sehr teuer werden, aber in der Zukunft die einzige Lösung. Vollständiger Verzicht auf Kernenergie ist sicherlich umsetzbar, bedingt aber zum Beispiel auch, dass Verbraucher bereit wären, neue Hochspannungsnetze vor der Haustür zu erlauben oder deutlich vermehrt Windparks zuzulassen, auch an Standorten, wo diese gegebenenfalls nicht schön aussehen.

Was ist das Fazit aus all dem?

Wir müssen auf jeden Fall umdenken. Kernkraft ist langfristig keine akzeptable Lösung. Bisher sind die erneuerbaren Energien nur unzureichend ausgebaut, um die Bevölkerung komplett zu entsprechenden Preisen zu versorgen. Doch nicht nur die Politik, sondern auch jeder einzelne Verbraucher sollte umdenken, umschalten und bereit sein für "saubere Energie" mehr auszugeben sowie seine unvermeidlichen CO2-Emissionen heute schon kompensieren.




Über ActNow

Die Initiative "1-Million-Tonnen-CO2" wurde von dem Berliner Startup ActNow ins Leben gerufen. Auf der Plattform www.eine-million-tonnen-co2.de können Privatpersonen und Unternehmen Pixel kaufen und sich selbst präsentieren. ActNow legt pro verkauftem Pixel eine Tonne CO2 still. Ziel der Initiative ist es, möglichst schnell 1 Million Tonnen CO2-Emissionen durch die Stilllegung von CO2-Zertifikaten aus dem Verkehr und somit aus der Luft zu ziehen.


Quelle: Nora Feist
Technik | Energie, 15.03.2011

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