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Wie wird Deutschland Väterland?

Väterfreundlichkeit als nachhaltige Personalpolitik

Um in Zeiten des demografischen Wandels und veränderter Rollenverteilungen gute Fachkräfte zu rekrutieren und zu binden, sollte auch Vätern die Vereinbarkeit von Beruf und Familie ermöglicht werden. Doch häufig greifen familienfreundliche Maßnahmen nur für Mütter und kommen bei männlichen Mitarbeitern und Vätern gar nicht erst an. Warum eigentlich?

Damit auch Väter die Chance haben ihr Kind aufwachsen zu sehen.
Foto: © Ichs Selbst!, pixelio.de
Es ist noch gar nicht lange her, da war klar: Kommt ein Kinderwagen um die Ecke, kommt eine Frau hinterher. Doch das Bild in Deutschlands Straßen hat sich gewandelt. Selbst unter der Woche sind heute immer mehr Männer die stolzen Fahrer der PS-freien Karren ihrer Sprösslinge. Und tatsächlich sprechen die Statistiken die gleiche Sprache. Seit 2007 das gesetzliche Elterngeld eingeführt wurde, hat sich die Zahl der Väter, die eine Zeit zu Hause bleiben, mehr als vervierfacht. Soweit die guten Nachrichten.

Schaut man genauer hin, ist die deutsche Arbeitskultur jedoch noch immer geprägt von traditionellen Rollenmustern einerseits und den Erwartungen des modernen Kapitalismus vom Mann als leistungsbereite Karrieremaschine andererseits. Das führt dazu, dass Männer ihren Wunsch, mehr Zeit für die Familie zu haben, häufig nicht aussprechen. Laut Umfragen glauben 45 Prozent, ihre Karriere sei zu Ende, wenn sie Elternzeit in Anspruch nähmen. In der heutigen Leistungsgesellschaft herrscht zudem häufig ein Ungleichgewicht zwischen Arbeitsanforderungen und Arbeitszeit. Der Soziologe Richard Sennett beschreibt dies als eine neue Form des Wirtschaftens, die von den arbeitenden Individuen permanente Verfügbarkeit zugunsten des sich ständig verändernden Marktes verlangt. Diese Flexibilitätsanforderungen sieht er im Widerspruch zu den Bedürfnissen des Menschen nach Sicherheit und Verlässlichkeit. Die Erwartungen der modernen Arbeitswelt stehen also dem Wunsch, mehr Zeit für die Familie zu haben, oft unvereinbar gegenüber.

Diskrepanz zwischen Wunsch und Wirklichkeit
74 Prozent der Unternehmen glauben daran, dass Familienfreundlichkeit sich betriebswirtschaftlich auszahlt. Jedoch bleibt bei vielen Maßnahmen, speziell wenn es um die männlichen Mitarbeiter geht, sprichwörtlich der Wunsch der Vater des Gedanken. Denn nur weil Angebote für Väter auf dem Papier stehen, heißt es nicht, dass sie im Sinne der Mitarbeiter auch umgesetzt werden. Die Sozialwissenschaftlerin Johanna Possinger hat untersucht, dass eine deutliche Diskrepanz zwischen dem Angebot und der Nachfrage der männlichen Beschäftigten besteht. Die Frage ist warum? Denn laut Manager Magazin wünschen sich 53 Prozent der Männer heimlich, in Elternzeit zu gehen - aber nur 20,2 Prozent machten im 1. Quartal 2011 aus Wunsch Wirklichkeit. Väter fürchten sich nicht nur vor einem Karriereknick, sondern auch vor dem Spott der Kollegen. Oft spielen zudem finanzielle Ängste eine Rolle. Häufig erhöht sich die Arbeitszeit des Vaters nach der Geburt des ersten Kindes sogar, da er sich für die Absicherung seiner Familie verantwortlich fühlt. Viele Männer leben so mit einem doppelt schlechten Gewissen - gegenüber ihrem Arbeitgeber und der Familie. Das führt auf Dauer zu Unzufriedenheit, Stress und im schlimmsten Fall zum Burnout.

Eine aktuelle Studie hat ergeben, dass 84 Prozent der Arbeitnehmer in Deutschland Probleme bei der Vereinbarkeit von Beruf und Familie haben. Das Hamburgische WeltWirtschaftsInstitut hat daraufhin errechnet, welche Einbußen durch nicht realisierte Produktion in Deutschland 2010 aufgrund von Leistungsminderung am Arbeitsplatz (u.a. hervorgerufen durch Probleme bei der Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben) entstanden. Dabei ergab sich die beinahe unglaubliche Zahl von 364 Milliarden Euro!

It's NOW time to make a change
Väterfreundliche Maßnahmen fördern die finanzielle Leistungsfähigkeit sowie die Arbeitsproduktivität im Unternehmen
Eine Forsa-Umfrage hat ergeben, dass Mitarbeiter in familienfreundlichen Betrieben um 17 Prozent produktiver arbeiten. Und auch in Großbritannien zeigte eine Studie, dass Vaterschaftsurlaub eine der familienfreundlichen Maßnahmen ist, die durchweg mit überdurchschnittlicher Produktivität einhergeht.

Väterfreundliche Maßnahmen erhöhen die Arbeitsplatz-Attraktivität
Hätten Sie gedacht, dass für 90 Prozent der Arbeitnehmer zwischen 25 und 39 Jahren in Deutschland die Vereinbarkeit von Beruf und Familie eine größere oder ebenso große Rolle wie das Gehalt spielt? Und dass 77 Prozent der Eltern dieser Altersgruppe dafür den Arbeitgeber wechseln würden? Familienbewusste Unternehmen haben ein besseres Image und bekommen die besseren Bewerber.

Väter, die in Elternzeit gehen, ermöglichen Müttern, früher in den Job zurückzukehren: Ein Vorteil für Arbeitgeber
Mutterschaftsurlaub über zwölf Monate wird häufig als problematisch angesehen, da die Frauen nach einer längeren Unterbrechung erst mühsam wieder eingearbeitet werden müssen. Bleibt auch der Vater eine Zeit zu Hause, können beide einfacher und ohne große Kosten wieder in ihren alten Job zurückkehren.

Familieneinsatz von Vätern kann die physische und psychische Gesundheit von Müttern und Vätern erhöhen und senkt so die Kosten der Unternehmen
Gestresste Mitarbeiter führen zu mehr Fehlzeiten, geringerer Arbeitsleistung, höherer Fluktuation, mehr Unfällen sowie Kundenbeschwerden. Die Qualität der Arbeit sinkt, da die Beschäftigten nicht bei der Sache sind, sondern an das kranke Kind oder die demenzkranke Mutter denken. Eltern, die sich die Kinderbetreuung und den Broterwerb teilen, sind weniger gestresst, da nicht die volle Verantwortung für die Familie bzw. die finanzielle Absicherung auf einem Partner lastet. Zudem konnte festgestellt werden, dass Väter, die sich intensiv um ihre Kinder kümmern, länger gesund bleiben. Das wird u.a. damit begründet, dass Männer so auch lernen, für sich selbst besser zu sorgen. Und: Elternzeit bedeutet Glück, wie eine aktuelle forsa-Umfrage herausgefunden hat. 75 Prozent der Väter gaben an, aufgrund ihrer Elternzeit glücklicher geworden zu sein. Väterfreundlichkeit bedeutet also Abbau von Stress, Aufbau von Sozialkompetenzen und ein hohes Einsparpotenzial für Unternehmen

Väterfreundlichkeit rechnet sich - für Unternehmen, Familien und Gesellschaft
Die Zahlen und Argumente machen deutlich, dass es sich niemand mehr leisten kann, über die Bedürfnisse der Mitarbeiter in Bezug auf die Vereinbarkeit von Beruf und Familie hinwegzusehen. In puncto Familienfreundlichkeit hat sich schon viel getan. Trotzdem wird sie in den meisten Unternehmen noch immer nicht so praktiziert und kommuniziert, dass sie auch bei den Vätern ankommt. Aufgrund der in Deutschland vorherrschenden von traditionellen Rollenbildern geprägten Arbeitskultur (gerade einmal 14 Prozent der Frauen mit Kind arbeiten in Vollzeit und gerade einmal vier bis sechs Prozent der Väter in Teilzeit) müssen Maßnahmen geschaffen werden, die zum einen Ängste nehmen und zum anderen konkrete Handlungsmöglichkeiten aufzeigen - sowohl auf der Führungs- als auch auf der Mitarbeiterebene. Es ist von hoher Bedeutung, echtes Verständnis füreinander aufzubauen: Männer orientieren sich an Vorbildern, vor allem aus der Führungsetage. Nur wo offen gelebt wird, dass Väter für das Unternehmen und die Gesellschaft wichtig sind, kann Toleranz entstehen.

Verschiedene Unternehmen beschäftigen sich nun mit der Rolle "ihrer" Väter und nutzen individuelle Beratungen, Vorträge, Workshops und Coachings, um von väterfreundlichen Maßnahmen zu profitieren. Hamburg Wasser beispielsweise hat bereits erfolgreich mit dem Beratungsunternehmen Väter gGmbH zusammen gearbeitet. Geschäftsführer Wolfgang Werner sagt: "Um das Thema 'Vereinbarkeit von Familie und Beruf' nachhaltig in unserem Unternehmen zu platzieren, konnten wir [.] die familienbewussten Angebote für Väter optimieren und weiteren Entwicklungsbedarf für unsere Führungskräfte analysieren."

Airbus, DATEV und die Commerzbank sind weitere Best Practice-Beispiele. Dort wurden Führungskräfte darin geschult, wie sie besser mit dem Thema Vereinbarkeit aus Vätersicht umgehen oder flexible Arbeitszeitmodelle umsetzen. Holger Hafner, Führungskraft bei Airbus, meint dazu: "Wollen Väter ihre Arbeitsprozesse besser mit ihrem Familienleben in Einklang bringen, sind wir als Führungskräfte aufgefordert, daran mitzuwirken und die Konkurrenz zwischen Beruf und Familie für Väter aufzuheben, oder besser diese Situation nicht als Konkurrenz, sondern als ideale Ergänzung zu erleben. Denn nur zufriedene Mitarbeiter können nachhaltig zum Erfolg des Unternehmens beitragen."

Unternehmen sollten erkennen, dass sie Vereinbarkeit für Väter leben und ehrlich kommunizieren müssen, denn wo Familienfreundlichkeit drauf steht, ist noch lange keine Väterfreundlichkeit drin.
 
 
Von Volker Baisch und Anna Lena Garde

Im Profil

Volker Baisch
ist Geschäftsführer der Väter gGmbH, Unternehmensberater für Personalentwicklung und Führungskräfte, Coach und Trainer. Mit Bernd Neumann hat er "Das Väter-Buch" geschrieben und ist Fellow von Ashoka Deutschland.

Anna Lena Garde ist Texterin, Studentin der Kulturwissenschaft und BWL und bei der Väter gGmbH u.a. für die Unternehmenskommunikation und PR zuständig.

Quelle: Väter gGmbH
Wirtschaft | Führung & Personal, 19.01.2012
Dieser Artikel ist in forum Nachhaltig Wirtschaften 04/2011 - Stadt der Zukunft erschienen.
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