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Weine nicht, wenn der Regen fällt

Von der Wüste zur Oase

In Portugal errichtete eine internationale Gruppe von Ökologen ein Beispiel für ein natürliches dezentrales Wassermanagement. Schon nach kurzer Zeit regenerierte sich die Natur, die Artenvielfalt stellte sich wieder ein. Das Land eignet sich erneut zum ganzjährigen Anbau. Die Prinzipien der Wasserretentionslandschaft von Tamera sind weltweit anwendbar.
Mit Vision und Engagement wurde aus der drohenden Wüstenbildung eine Seenlandschaft. Die Erkenntnisse können weltweit Regionen wiederbeleben helfen. © Florian Raffel Wasser prägt eine Landschaft. Wenn ein Land mit Wasser durchdrungen und gesättigt ist, wenn Vegetation und Erdkörper es aufnehmen, speichern und langsam wieder abgeben können, dann fühlen Mensch und Tier sich wohl. Reichtum und Fülle entstehen – statt Kargheit und Armut. Wo Wasser ist, da gedeiht nicht nur das Leben, sondern auch die Wirtschaft. Für Investoren und Unternehmen ist der Zugang zu Wasser eine der wichtigsten Voraussetzungen. William Cosgrove, ehemaliger Vizepräsident der Weltbank und späterer Präsident des World Water Forums, machte es auf seinem Besuch in Portugal klar: „Staaten, die von Wüstenbildung und Dürre betroffen sind, werden zunehmend abhängig von denen, die Wasser besitzen. Die Erde der Zukunft wird aufgeteilt sein in wasserreiche und wasserarme Länder. Wasser ist schon heute die wichtigste Weltwährung."
 
Doch der kapitalistische Blick auf das Wasser hat es zu einer Ware gemacht, die gehortet, gestaut, abgeleitet, verkauft und künstlich verknappt wird: Fast eine Milliarde Menschen weltweit hat keinen ausreichenden Zugang zu sauberem Trinkwasser. Jedes Jahr sterben eine Millionen Kinder an Krankheiten, die durch Wassermangel verursacht werden. Der Grundwasserspiegel sinkt weltweit, Brunnen trocknen aus, Flüsse und Ozeane werden zu Kloaken.
 
In Südeuropa entvölkern sich ganze Landstriche. Es fehlt Wasser für die Tiere und Felder. Die Ursache liegt nicht nur bei den durch Klimawandel veränderten Regenmustern, sondern auch bei Abholzung und Übernutzung: Die kahlen, harten Böden können den Winterregen nicht aufnehmen. Er fließt in Strömen weg, reißt wertvolle Erde mit sich und sein Speicher fehlt im Sommer. Staudämme, Versiegelungen von Landschaften, Kanäle, Flussbegradigungen und Drainagen sind die falschen Methoden. Um nachhaltige Lösungen zu finden, soll man von der Natur selbst lernen, findet Bernd Müller. Der Wasserbauingenieur aus Tamera in Portugal erklärt: „Wasser steht allen Menschen und Tieren kostenlos und unbegrenzt zur Verfügung, wenn wir nicht den Gesetzen des Kapitals folgen, sondern der Logik der Natur."
 
Beraten vom Permakulturspezialisten und Agrar-Visionär Sepp Holzer aus Österreich gestaltete er mit seinem Team eine Wasserretentionslandschaft – und damit ein Modell für die Regeneration einer von Wüstenbildung bedrohten Landschaft hin zu ertragreichem, fruchtbarem Natur-, Siedlungs- und Wirtschaftsland.
 
Die Wasserretentionslandschaft von Tamera
Das Gebiet wurde ab 2007 geflutet und zeigt 2011 einen gesunden See. © TameraSommer 2007: Staubige, nackte Erde unter den Füßen. Graue Zistrosenbüsche scheinen als einzige Pflanzen die Hitze zu überstehen. Der Winterregen trug in braunen Strömen die fruchtbare Erde mit sich fort. Im Sommer fehlt nun das Wasser, es ist gnadenlos trocken und brandgefährlich.
 
Frühsommer 2015: An allen Ecken sprudelt, gurgelt, fließt Wasser. Teiche, Seen und Gräben sind gefüllt. Nischen und Schattenplätze laden zum Verweilen ein. Frösche, Krebse und Enten finden Futter und Schutz in den Uferbiotopen. Menschen sitzen auf Steinen und kühlen ihre Füße im Wasser, Kinder toben am Mini-Strand. Auf den Uferterrassen gedeihen Gemüse, Sonnenblumen und Obstbäume ganzjährig. Die mit Klee und Mulch bedeckte Erde bleibt auch im Sommer feucht; wo dennoch bewässert werden muss, ist das Wasser nicht weit. Ein Kormoran wartet auf der Felseninsel auf unvorsichtige Fische. Sogar eine Fischotterfamilie wurde gesehen.
 
Wie kam es dazu? Im März 2007 hatte die Tamera-Gemeinschaft Sepp Holzer zu einem Beratungsgespräch eingeladen. „Ein Bauer, der das Wasser den Bach hinunter fließen lässt", sagt der „Agrar-Rebell", „ist wie jemand, der Geld in den Sparstrumpf steckt, der unten ein Loch hat."
 
Sein Vorschlag für Tamera: „Seen und Teiche voller Fische und an den Ufern so viel Gemüse, dass ihr gar nicht alles essen könnt – und zwar nicht mit Beton oder Plastik gebaut, sondern nur mit dem Material, das hier zu finden ist."
 
Mit dem Wasser kehr auch das Leben zurück und gewinnt an Vielfalt. © Lilian von WussowEs klang damals utopisch, aber das Tamera-Team wagte es. An der engsten Stelle des Talausgangs wurde mit Baggern ein Graben ausgehoben, mit einem Kern aus dichter und lehmiger Erde gefüllt und Schicht um Schicht festgefahren, immer wieder Erde aufgetragen und festgefahren, bis hinauf zur späteren Dammkrone. Darüber wurde lockere Erde aufgeschüttet, zu einem natürlich gestalteten Damm geformt und bepflanzt. Der Winterregen sammelte sich dahinter und füllte eine Fläche von mehreren Hektar Wasserfläche in wenigen Monaten. Heute gibt es zehn Seen und Teiche in Tamera, dazu Gräben quer zum Hang (sog. „Swales"), Keylines und Terrassen. Auch diese halten das abfließende Regenwasser auf und geben ihm Zeit, in die Erde einzudringen.
 
Das Wasser soll den Erdkörper füllen
Die Landschaft sieht natürlich aus, ganz so, als seien die Seen schon immer hier gewesen. Wie aber kommt es, dass das Wasser nicht versickert, auch wenn der Grund der Seen nicht versiegelt ist? „Ein Teil des Wassers versickert ja auch", erklärt Bernd Müller, in Tamera verantwortlich für den Bau der Wasserretentionslandschaft, „aber sehr langsam, und das ist beabsichtigt."
 
Denn der eigentliche Wasserspeicher, so führt er weiter aus, ist nicht der sichtbare See, sondern der darunter liegende Erdkörper. Durch den Damm bekommt das Wasser Zeit, in die verhärteten Erdschichten darunter einzudringen, bis es zur wasserführenden Schicht im Erdboden gelangt.
 
In einer Wasserretentionslandschaft fließt Regenwasser nicht mehr ab, sondern füllt den Erdkörper. Dafür war früher der Wald zuständig: Der lockere, beschattete Humusboden nahm das Regenwasser auf. Es nährte das Grundwasser und die Wurzeln der Bäume nahmen es auf.
 
Bernd Müller: „Da der Wald an den meisten Orten abgeholzt wurde, müssen wir der Natur helfen, ihre Speicherfähigkeit wieder zu erlangen. Dann können auch Wälder wieder gedeihen."
 
Wenn die Böden wieder Wasser aufnehmen und speichern können, dann steigt der Wert eines Landes. Bauern können wieder wirtschaften. Teiche und Seen bieten darüber hinaus viele ökonomische Nutzungsmöglichkeiten: Fischzucht, Gemüseanbau an den Uferterrassen, auch sportliche oder touristische Nutzung ist möglich. Bernd Müller: „Wasser ist immer die erste Voraussetzung, damit eine Region wieder gesundet, auch wirtschaftlich. Wer die Gesetze des Wassers versteht und mit ihnen arbeitet statt gegen sie, wird eine dezentrale, nachhaltige, vielfältige Wirtschaftsregion anstreben, keine zentral organisierte Monokultur."
 
Dezentrale Wasserretention weltweit
Mittlerweile ist der Wasserbauingenieur als Berater im In- und Ausland gefragt – auch in Krisenregionen. „Ohne Wasser kein Leben, keine Hygiene, kein Lebensmittelanbau, kein Wiederaufbau. Zu den ersten Maßnahmen nach Naturkatastrophen oder Kriegen gehört die Einführung eines gesunden Wasserhaushaltes. Ich will dazu beitragen, dass dies auf natürliche und nachhaltige Weise geschieht."
 
Die Wasserretentionslandschaft von Tamera ist nicht nur ein Modell für Südeuropa. Sein Grundprinzip – dem Regenwasser wieder zu ermöglichen, in den Erdkörper einzudringen – ist weltweit anwendbar. Zum Beispiel in der Slowakei: Der Hydrologe Michal Kravcik war nicht einverstanden mit der Strategie großer Staudämme und entwarf ein landesweites Programm für dezentrale Wasserspeicherung. In einem ersten Modell schlossen sich 24 Dörfer zu einer Graswurzel-Initiative zusammen. Durch dezentrale Wasserspeicherung konnten sie den Bau eines Großdamms verhindern, das Regenwasser durch viele kleine Erddämme auf dem Land halten und das kulturelle Erbe bewahren, das sonst überflutet worden wäre. Ein anderes Beispiel ist Rajendra Singh, der so genannte „Wasser-Gandhi" aus Rajasthan in Indien. Der Alwar-Distrikt, ein ehemaliges Getreideanbaugebiet, drohte durch Übernutzung und Abholzung zur Wüste zu werden. Flüsse trockneten aus, die Menschen flohen. Die Thar-Wüste schien Dorf um Dorf zu verschlucken. Rajendra Singh animierte die Bevölkerung, an vielen Orten mit Spaten und Schaufeln Dämme und Bassins aus Steinen, Holz und Lehm zu bauen, um das Regenwasser zu sammeln. Mit mittlerweile 8.600 solch einfacher Regenwassersammelanlagen konnte er über 1.000 Dörfer mit Wasser versorgen, fünf Flüsse führen wieder ganzjährig Wasser. Für seine Arbeit erhielt er 2015 den renommierten Stockholm-Wasser-Preis.
 
Beispiele wie diese zeigen, dass ein anderes Wassermanagement weltweit die Auswirkungen von Übernutzung, Monokulturen und Abholzung abpuffern kann. Darüber hinaus schafft es die Voraussetzungen für eine Wiederbelebung der Regionen, für eine Alternative zur wirtschaftlichen Globalisierung und macht die ländlichen Gegenden für ihre Bewohner wieder attraktiv zum Leben.
 
Was ist Tamera?
In Portugal errichtete eine internationale Gruppe von Ökologen ein Beispiel für ein natürliches dezentrales Wassermanagement. © TameraTamera ist eine Schule und Forschungsstation für konkrete Utopie, gegründet 1978 in Westdeutschland, seit 1995 in Portugal, mit etwa 170 Mitarbeitern. Der Gründungsgedanke war die Entwicklung eines gewaltfreien Lebensmodells für Mensch, Tier und Natur. Bald wurde klar, dass im Mittelpunkt dieser Arbeit die Heilung der Liebe und der menschlichen Gemeinschaft stehen muss. Sexualität, Liebe und Partnerschaft müssen befreit werden von Lüge und Angst, denn es kann auf der Welt keinen Frieden geben, solange in der Liebe Krieg ist. Mit dem „Globalen Campus" und der „Schule Terra Nova" arbeitet Tamera in einem globalen Netzwerk an den sozialen, ökologischen und ethischen Grundlagen für eine neue Erde, Terra Nova.
 
Weitere Informationen:
www.tamera.org

Leila Dregger
ist Diplom-Agraringenieurin und langjährige Journalistin. Mit den Schwerpunktthemen Frieden, Ökologie, Gemeinschaft, Frauen arbeitet sie seit 25 Jahren für Presse und Rundfunk sowie als Drehbuchautorin und Regisseurin für Theater und Film. Sie war Herausgeberin der Zeitschrift „Die weibliche Stimme – für eine Politik des Herzens", Pressesprecherin des Hauses der Demokratie in Berlin und lebt heute überwiegend in Tamera in Portugal. Sie lehrt konstruktiven Journalismus für Berufsanfänger sowie in Krisenregionen und ist Autorin mehrerer Bücher.

Umwelt | Wasser & Boden, 01.10.2015
Dieser Artikel ist in forum Nachhaltig Wirtschaften 04/2015 - Ertrinken wir in Plastik? erschienen.
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