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Genug gewartet!

Unternehmen sind zum Klimaschutz bereit

Paris hat es erneut gezeigt: Unternehmen sind zum Klimaschutz bereit. Doch es fehlen verlässliche, internationale Rahmenbedingungen. Auch die Verbraucher sind bereit, neue, klimafreundlichere Produkte zu kaufen. Aber es fehlt am Angebot. Nun sind engagierte Unternehmen als Vorreiter einer klimafreundlichen Gesellschaft gefragt.

Herr Müller lässt im Supermarkt die Fleischtheke mit den klimaschädlichen Köstlichkeiten links liegen und kauft stattdessen regionales Gemüse und Bio-Nudeln. Dann ruft er seine Frau an – allerdings mit einem Handy, das mit energieintensiven Rohstoffen in China produziert wurde. Warum? Weil es keine guten Alternativen gibt, obwohl viele Menschen in Deutschland klimafreundlich konsumieren möchten. Seine Frau ist auf dem Handy nicht erreichbar, weil sie gerade mit dem Fahrrad nach Hause fährt. In den nächsten Skiurlaub wollen die Müllers dagegen mit ihrem BMW X3 fahren – bezahlbare Elektroautos haben nicht genug Reichweite und außerdem wird Ökostrom nicht an allen Ladestationen angeboten.

Neben der CO2-Einsparung sorgt das Waldschutzprojekt im Kasigau Wildlife Corridor, Kenia für lokale Arbeitsplätze und schützt zudem vorhandene Wasser­ressourcen. Foto: © ClimatePartnerFamilie Müller zeigt, dass Verbraucher einen wichtigen Beitrag zum Klimaschutz leisten können, dass ihnen bei der Gestaltung einer treibhausgasarmen Gesellschaft jedoch Grenzen gesetzt sind. Da Konsum und Mobilität laut UBA (Umweltbundesamt) über 65 Prozent des CO2-Fußabdrucks einer Person in Deutschland verursachen, spielen diese Bereiche eine Schlüsselrolle auf dem Weg zu einer nachhaltigen Gesellschaft. Doch es gibt aktuell zu wenige umwelt- und klimafreundliche Alternativen für Verbraucher in Deutschland. Dabei ließe sich die Lücke durch unternehmerische Innovationen schließen. Insbesondere hiesige Unternehmen sollten hier die Führung übernehmen, da Regionalität zur Klimafreundlichkeit gehört.

Zurückhaltung deutscher Unternehmen
Viele Unternehmen geben an, im Rahmen von Corporate Responsibility auch Wert auf Umweltschutz zu legen, und beweisen das zum Beispiel durch CR-Reporting. Was zum Teil noch fehlt, damit Familie Müller tatsächlich viele klima­freundliche Produkte und Dienstleistungen zur Auswahl hat, sind wirkungsvolle Innovationen, die über Berichterstattung und die wiederholte Kommunikation bestehender Maß­nahmen hinausgehen – Innovationen im Produktbereich und in der Produktion wie der Bezug von Ökostrom oder die Umstellung auf emissionsärmere Rohstoffe. Warum legen immer noch so wenig Firmen Wert auf die Umweltfreundlichkeit ihrer Produkte beginnend in der Lieferkette über die Produktion bis hin zur Nutzung? Wieso zögern Unternehmen noch immer?

Häufig fehlt der Druck von Kunden, um die Kosten der „Quick-Wins" (wie der Bezug von Ökostrom) oder den Aufwand von Produktionsänderungen zu rechtfertigen. Zudem sind Statusansprüche unter Mitarbeitern, wie etwa der PS-starke Dienstwagen, manchmal in der Unternehmenskultur verankert. Auch der Gedanke, Klimaskeptikern oder Vorwürfen, man betreibe nur Greenwashing, begegnen zu müssen, schreckt einige Unternehmen ab.

Vorreiter weisen den Weg
Dennoch stellen sich einige Unternehmen diesen Heraus­forderungen. Die Scandic Hotels Deutschland GmbH, Trägerin des Deutschen Nachhaltigkeitspreises 2014 (Top 3 nachhaltigste Großunternehmen), setzt nicht nur Ökostrom ein – ihre Eco-Rooms sind zu über 90 Prozent recycelbar, Fettreste werden im Hamburger Hotel in Biodiesel umgewandelt und jeder Gast kann auf Wunsch klimaneutral übernachten.

Mit einer seit 1998 bestehenden EMAS-Zertifizierung sowie dem Einsatz von Ökostrom verkörpert die Schneider Schreibgeräte GmbH ebenso den Nachhaltigkeitsgedanken. Das Unternehmen setzt auf ständigen Fortschritt, wie die Reduktion des outputbezogenen Energieverbrauchs um 40 Prozent seit 2004, der Einsatz von Kunststoffen auf Biobasis und das Angebot klimaneutraler Produkte seit 2014 ­bezeugen. „Für uns gehen hohe Qualität und eine umweltbewusste Produktion miteinander einher", so Geschäftsführer Christian Schneider. „Umweltschutz ist für uns kein Marketing-Gag, sondern eine gelebte Selbst­verständlichkeit, die zum Unternehmen genauso dazugehört wie das Logo oder das Rechnungswesen."

Wer zu spät kommt …
Die Umsetzung von Klimaschutzmaßnahmen im unternehmerischen Umfeld wurde von Pionieren eingeführt und fasst langsam Fuß im deutschen Markt. Unternehmen sollten jetzt handeln, bevor das Thema, wie das Beispiel Energieeffizienz zeigt, zum Mindeststandard in vielen Unternehmen wird und dann von der Legislative aufgegriffen wird (wie im Falle der Energieeinsparverordnung). First Mover haben dann die Nase vorn und profitieren zusätzlich vom Imagevorteil.

Unternehmen können in zwei Schritten konsequent agieren:
 
1. Product Carbon Footprints berechnen
In einem Product Carbon Footprint (PCF) werden die CO2-Emissionen eines Produkts berechnet – von den Rohstoffen über die Produktion und Auslieferung bis hin zur Nutzung und Entsorgung. Damit können Unternehmen ihr Engagement im Klimaschutz für den Kunden quantifizieren. Anbieter wie zum Beispiel ClimatePartner, myclimate und CO2OL können mit Unternehmensdaten PCFs berechnen und den zweiten Schritt ermöglichen.

2. Klimaneutrale Produkte/Dienstleistungen anbieten
Auch mit hoher Energieeffizienz entstehen unvermeidbare CO2-Emissionen. Mithilfe von CO2-Ausgleich kann dennoch ein klimafreundliches bzw. klimaneutrales Produkt angeboten werden. Bei einem klimaneutralen Produkt werden verursachte Emissionen an anderer Stelle eingespart – z.B. in Waldschutz- oder Aufforstungsprojekten, durch Solarkocher und -lampen, Biogasanlagen oder Energieeffizienzmaßnahmen.

In einem vollständigen Product Carbon Footprint werden die Emissionen entlang des gesamten Lebenszyklus eines Produkts berücksichtigt. Basierend auf Greenhouse Gas Protocol Product Life Cycle Accounting and Reporting Standard, Figure 7.2 (2011)Ist das nur Ablasshandel?
Manchmal wird Kritik am freiwilligen Emissionshandel laut, zum Teil wegen der Verwechslung mit dem verpflichtenden EU-Emissionshandel, bei dem Großemittenten (z.B. Kraftwerke) vom Staat Emissionsrechte erhalten. Der verpflichtende Emissionshandel ist zu Recht in der Kritik: Ein Überangebot an Zertifikaten sowie niedrige Preise bieten wenig Anreiz zu Reduktionsmaßnahmen. Im freiwilligen Emissionshandel, der hiervon losgelöst ist, ist der Emissionsausgleich hingegen optional.

Der Handel mit Emissionszertifikaten sei Ablasshandel, heißt es manchmal. Doch Unternehmen, die im ersten Schritt Emissionen reduzieren, um dann im zweiten Schritt die restlichen Emissionen durch zertifizierte Klimaschutzprojekte auszugleichen, können sich dieser Kritik leicht erwehren. Denn wichtige Kriterien, wie die Feststellung langfristiger CO2-Einsparungen, werden dabei nachweislich eingehalten.

Im Gegensatz zu FSC-Zertifizierungen oder Spenden gibt es bei klimaneutralen Produkten einen direkten Produktbezug und im Idealfall Transparenz gegenüber dem Kunden durch ein nachvollziehbares Labeling mit einem Online-ID-­Tracking-System.

Blick in die Zukunft
Auf politischer Ebene ist die Förderung einer klimafreund­lichen Gesellschaft essentiell, insbesondere wenn Unternehmen nicht von sich aus agieren. Im Kontext der UN-Klima­konferenz 2015 in Paris ist es eindeutig, dass nun auch die Politik aktiver werden muss. Basierend auf den Ende Oktober eingereichten national geplanten Treibhausgasminderungsbeiträgen liegt die Chance, das 2-Grad-Ziel einzuhalten, laut dem Grantham Research Institute on Climate Change and the Environment bei unter 50 Prozent. Trotzdem besteht Hoffnung auf weitere Lösungen, wie etwa die Abschaffung von Subventionen für fossile Brennstoffe und die Einführung von CO2-Steuern.

Aber auch Unternehmen müssen jetzt agieren und durch Innovation vorangehen. Nur mithilfe unternehmerischer Initiativen im Klimaschutz kann Familie Müller ihrem Bedürfnis nach einer nachhaltigen Lebensweise wahrhaftig gerecht werden. Den steigenden Meeresspiegel, schmelzende Gletscher, Hitzewellen und Wasserknappheit können wir nicht mehr verhindern – aber mit verantwortungsvollem Wirtschaften und einem bewussten Konsum können wir den Klimawandel bremsen.
 
Klimaschutz geht Alle an!

Um unseren Lesern einen laufend aktualisierten Überblick zu ermöglichen, bereiten wir eine Landing Page „Klimaschutz" auf www.forum-csr.net vor. Senden deshalb auch Sie uns Ihre Informa­tionen und Weblinks. Hier ein Auszug von Informationsquellen und Akteuren im Klimaschutz.

Netzwerke/Verbände für im Klimaschutz aktive Unternehmen
Bundesdeutscher Arbeitskreis für Umweltbewusstes Management (B.A.U.M. e. V.)
www.baumev.de
 
Bundesverband der grünen Unternehmen
www.unternehmensgruen.de

Wirtschaft pro Klima: Die B.A.U.M.-Initiative „Wirtschaft pro Klima" will das Klimaschutz-Engagement deutscher Unternehmen aufzeigen und voranbringen.
 
www.wirtschaft-pro-klima.de

Metalle pro Klima: Eine Initiative 18 führender Unternehmen der Nichteisen-Metallindustrie. Sie will zeigen, wofür die ­Branche beim Klimaschutz steht.
www.metalleproklima.de

KlimAktiv: Diese Initiative setzt den Schwerpunkt in die Ermittlung und Reduzierung des CO2-Fußabdruckes von Unternehmen bis hin zu Privatpersonen.
www.klimaktiv.de

Klimaschutz-Unternehmen
Die Klimaschutz- und Energieeffizienzgruppe der Deutschen Wirtschaft e.V.
www.klimaschutz-unternehmen.de

Stiftung 2°: Eine Initiative von Vorstandsvorsitzenden, ­Geschäftsführern und Familienunternehmern.
www.stiftung2grad.de

Climate-KIC laut nach eigenen Angaben Europas größte public-private partnership (PPP), die sich auf „Klima-Innovationen" fokussiert um den Klimawandel zu bremsen und die Anpassung an ihn zu fördern. Zielgruppen sind Unternehmen, Wissenschaft, Politik, öffentliche Einrichtungen und NGOs. Insbesondere sollen Start ups unterstützt werden.

Webseiten für Verbraucher
Zusammen ist es Klimaschutz – Informationen und Nachrichten rund um den Klimaschutz
www.bmub.bund.de/ziek

So kann man seine eigene CO2-Bilanz berechnen
www.uba.klimaktiv-CO2-rechner.de

Tipps u.a. zum Energiesparen/Umstieg auf Ökostrom und zur energetischen Sanierung sowie Fördermitteln
www.co2online.de

Weitere Organisationen im Klimaschutz
  • Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit (BMUB)
  • Umweltbundesamt (UBA)
  • Carbon Disclosure Project (CDP)
  • 350.org
  • Klima-Allianz Deutschland
  • Klimareporting.de
  • Germanwatch.org
  • European Climate Foundation (ECF)
  • Nationale Klimaschutzinitiative – klimaschutz.de
  • Bundesverband der Energie- und Klimaschutzagenturen Deutschlands (eaD)
  • Potsdam Institute for Climate Impact Research e. V. (PIK)
  • Deutsches Klima-Konsortium e.V. (DKK)
Die Nationale Klimaschutzinitiative
Mit der Nationalen Klimaschutzinitiative initiiert und fördert das Bundesumweltministerium seit 2008 zahlreiche Projekte, die einen Beitrag zur Senkung der Treibhausgasemissionen leisten. Ihre Programme und Projekte decken ein breites Spektrum an Klimaschutzaktivitäten ab: von der Entwicklung langfristiger Strategien bis hin zu konkreten Hilfestellungen und investiven Fördermaßnahmen. Diese Vielfalt ist Garant für gute Ideen. Die Nationale Klimaschutzinitiative trägt zu einer Verankerung des Klimaschutzes vor Ort bei. Von ihr profitieren Verbraucherinnen und Verbraucher ebenso wie Unternehmen, Kommunen oder Bildungseinrichtungen.

Sabine Kunz

ist bei der Klimaschutzberatung ClimatePartner tätig und berät Kunden im effizienten Carbon Management, von der IT-basierten CO2-Bilanzierung bis hin zur Vermarktung des Engagements im Klimaschutz. Für die redaktionelle Hilfe beim Erstellen dieses Artikels ist sie Philipp Gmoser, Dennis Uieß und Maike Brzoska sehr verbunden.

Umwelt | Klima, 01.01.2016
Dieser Artikel ist in forum Nachhaltig Wirtschaften 01/2016 - Herausforderung Migration und Integration erschienen.
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  • DGNB - Deutsche Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen
  • PEFC Deutschland e. V.
  • Alfred Ritter GmbH & Co. KG
  • VDMA Nachhaltigkeitsinitiative Blue Competence
  • Deutsche Telekom AG
  • Global Nature Fund (GNF)
  • Bayer Aktiengesellschaft
  • Futouris - Tourismus. Gemeinsam. Zukunftsfähig
  • World Future Council. Stimme zukünftiger Generationen
  • SÜDWIND e.V. - Institut für Ökonomie und Ökumene


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