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Robo Sapiens - Wie menschlich können Roboter werden?

Ken Goldberg, fotographiert von Kathrin Miller @ berkeley.edu Zum Video-Interview
 
Ken Goldberg, was denken Sie, als Robotik-Experte, über das Konzept der Singularität?
Ken Goldberg: Ich mag diesen Begriff überhaupt nicht. Ich finde, dass er irreführend ist. Und er erzeugt Angst. Er lässt an Zukunftstechnik denken und daher hat er einen gewissen Reiz. Die Leute reden gerne darüber und es klingt wissenschaftlich. Aber er macht den Menschen Angst, weil er suggeriert, dass es einen Augenblick gibt, an dem die Computer plötzlich übernehmen. Einen Wendepunkt, wo sie plötzlich intelligenter werden als der Mensch. Ich bin auch nicht so begeistert von dem Begriff "Superintelligenz". Diese Begriffe dramatisieren die Idee eines Systems der künstliche Intelligenz, das tief mit einem Gefühl der Angst verknüpft ist, jeder ist betroffen. Daher halte ich die Idee der Singularität für überholt.

Deshalb setze ich dem das Konzept der Multiplizität entgegen, als Gegenmittel, als unsere Antwort darauf. Weil ich denke, dass wir dann viel mehr positive Assoziationen bekommen. Und tatsächlich auch mehr positives Potenzial, das um die Idee der Multiplizität herum entsteht.

Wo kann also Multiplizität in unserem Leben Raum finden? Was meinen Sie konkret damit?
Ken Goldberg: Was ich mit dem Konzept von Multiplizität meine, ist Folgendes: „Wie können Gruppen von Maschinen und Gruppen von Menschen zusammenarbeiten?" Wir wissen, dass Gruppen von Maschinen bessere Arbeit leisten als einzelne Maschinen, ebenso wie Algorithmengruppen besser sind als einzelne Algorithmen. Und wir wissen auch, dass Gruppen von Menschen bei Problemlösungsprozessen oder bei der Entwicklung kreativer Ideen erfolgreicher sind als Einzelne. Aber für diese Wissen haben wir keine solide wissenschaftliche Basis. Wir verstehen nicht, warum das so ist und wie wir das auf richtige Weise verstärken können. Wir haben zwar Erfahrungswerte, aber keine wirkliche Theorie oder ausreichende Daten. Wir stehen hier also am Anfang und sollten - das ist zumindest meine Überlegung - über Ergebnisse aus der Stichprobentheorie nachdenken und Statistik und Zufallskräfte beobachten, sodass wir eine Leistung quantifizieren können. Können solche Erkenntnisse auf Menschengruppen übertragen werden? Können wir anfangen zu verstehen, wie eine Gruppe unterschiedlicher Menschen und eine Gruppe unterschiedlicher Maschinen zusammenarbeiten können?

Der Schlüssel heißt „Diversität". Es ist von allergrößter Wichtigkeit, zu verstehen, dass Diversität der wesentliche Faktor ist. Nicht nur im Sinne von „Political Correctness" oder sonst einer idealistischen Idee. Wenn Sie etwas effizient oder kreativ erledigen wollen, ist es sehr wertvoll, auf eine Gruppe unterschiedlicher Teilnehmer zurückgreifen zu können.

Das gilt in vielen Bereichen und wir können anfangen, es in vielen Bereich anzuwenden, zum Beispiel im Bildungswesen. Wir können es auch für Problemlösungen im Kollegenkreis anwenden. Unternehmen können auf dieser Grundlage ernsthaft darüber nachdenken, wie sie ihre Ressourcen - Maschinen und Menschen - möglichst sinnvoll miteinander verbinden können. Wir merken dann vielleicht, dass es nicht das eine universelle Gesetz gibt oder eine bestimmte Menge universeller Grundsätze, nach denen wir handeln müssen. Multiplizität bedeutet, dass wir viele unterschiedliche Perspektiven wollen, was auch eher dem entspricht, wie unsere Welt funktioniert. Aber diese unterschiedlichen Perspektiven können miteinander kombiniert werden und interessante Lösungswege aufzeigen, um uns der Zukunft auf konstruktive Weise näher zu bringen.

Sie sagen, dass Roboter uns inspirieren können, bessere Menschen zu werden. Das klingt gut, aber was meinen Sie genau damit?
Ken Goldberg: Na ja, was ich mit dieser Aussage meine, ist – wenn wir uns Roboter anschauen, wenn wir viel Mühe in die Entwicklung von Robotern investieren, dann lernen wir zu schätzen, was wir Menschen wirklich gut können. Dann merken wir, dass zum Beispiel das Wechseln einer Windel eine unglaublich komplexe Aufgabe ist. Das wird auf absehbare Zeit kein Roboter erledigen können. So gibt es Tausende von Beispielen: menschliche Geschicklichkeit, menschliche Erkenntnis, die menschlichen Fähigkeiten, Sport zu treiben, zu tanzen, kreativ zu sein, miteinander umzugehen, Signale von anderen Menschen aufzunehmen. Dies alles sind Dinge, bei denen es auf feine Nuancen ankommt. Mit anderen Worten: Roboter faszinieren uns, weil sie uns, dort wo sie versagen, eine neue Wertschätzung für die erstaunlichen Fähigkeiten und Fertigkeiten der Menschen vermitteln.

Quelle: Deutsche Telekom AG

Gesellschaft | Megatrends, 28.07.2016

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